CAETITÉ - Aus einer Halde voller Schotter Uran herauslösen – wie darf man sich das als Laie vorstellen? „So wie wenn Sie heißes Wasser auf Kaffeepulver gießen“, antwortet ungerührt Luiz Alberto Gomiero, Vizedirektor von Lateinamerikas einziger Uran-Mine.

So ähnlich funktioniert es tatsächlich: Uranhaltiges Gestein wird auf Haselnussgröße zerkleinert und mit Schwefelsäure übergossen. Was dann herausfließt, nennen die Fachleute hier „licor de urânio“. Dieser Uran-Likör wird chemisch gesäubert und konzentriert, und bis zu dieser Stufe, sagt Gomiero, „sind wir nur ein Steinbruch mit Chemiefabrik“. Die Arbeit in der Atomanlage beginnt erst danach: wenn dem verdickten Uran-Likör alle Flüssigkeit entzogen und der gelbe Staub entstanden ist, für den sich die Atomindustrie den fröhlichen Namen „yellow cake“ hat einfallen lassen.

Seit Menschengedenken ist das Sertão im Zentrum und Südens Brasiliens eine Landschaft voll Tod und Tragik, weil mörderische Dürren zeitweise das Leben auszulöschen drohen. Heute schickt der Staat Wasserwagen, die Not ist gemildert. Aber Arbeit in der Landwirtschaft, so wie früher, gibt es immer weniger. Nahe der Kleinstadt Caetité, zwölf Stunden Busfahrt westlich von Salvador de Bahia, werden die 400 Tonnen Uran erzeugt, die in Kanada und Frankreich angereichert werden und genug Brennstoff für Angra 1 und 2 ergeben, Brasiliens bisher einzige Atomkraftwerke.

Die Landwirtschaft ist tot

Aus zwei 150 Meter tiefen, terrassenförmig angelegten Tagebauen bringen Lastwagen das Gestein herauf – zwei Millionen Tonnen pro Jahr, ein Zehntel davon enthält Uran. Einen Stollen, der sich wie ein Korkenzieher um ein lotrecht abfallendes Vorkommen in die Tiefe winden würde, mag die Nationale Atomenergie-Kommission CNEN der Belüftungsprobleme wegen nicht genehmigen. Der Staatskonzern INB, der die Mine betreibt, bietet rund 560 Jobs, zum Großteil über Fremdfirmen. Und wer einen ergattert hat, schwärmt gerne so wie Neuzete dos Santos, Hilfskraft im Labor: „Was würden wir nur machen ohne die INB! Früher sind die Männer zur Zuckerrohrernte nach Südbrasilien gegangen. Diese Leidensfahrten haben jetzt endlich ein Ende!“

Die INB steht zwar im Ruf einer miserablen Informationspolitik, aber Gomiero und sein Chef Hilton Mantovani nehmen sich jede Menge Zeit, um die Anlage zu zeigen. Sie beteuern natürlich, dass sie die Umweltauflagen ebenso strikt befolgen wie die Sicherheitsvorschriften. Es werde viel geredet und übertrieben, sagt Mantovani, aber weder die CNEN noch die Naturschutzbehörde Ibama hätten der Mine je die Betriebserlaubnis entzogen. Nur das zähle.

Bei den Ausspülungsprozessen, die den Uran-Likör immer reiner machen, füllen sich riesige Becken mit Abwässern. „Wir können es uns gar nicht leisten, irgendwas in die Natur zu entlassen. Dazu ist Wasser viel zu knapp“, sagt Gomiero. Die Becken seien mit Spezialmatten ausgekleidet, die auf einer Tonschicht lagern.

Obwohl recycelt wird, müssen pro Stunde zehn bis zwölf Kubikmeter Wasser hinzugefügt werden, also an die 300 Kubikmeter pro Tag – das ist viel in einer Gegend, die ein halbes Jahr lang in der Hitze brütet. Die nötigen 160 Brunnen hat die INB nicht nur auf den eigenen 1800 Hektar, sondern auch in der Nachbarschaft bohren lassen.

Wenn man bei Elenilde Alves Cardoso aus dem Küchenfenster schaut, sieht man in der Ferne die grauen Abraumhalden inmitten der Buschlandschaft. Sie ist Gesundheitsberaterin in Riacho de Vaca, und sie ist nicht froh, dass die Mine Nachbar der 47 Familien dieser Gemeinde ist. Was sie vom Brunnen erzählt, hört sich nach Willkür an. Die INB habe wer weiß was versprochen, um auf den fremden Grundstücken bohren zu dürfen. Aber nichts habe sie gehalten: „Wir wissen nicht mal, ob das Wasser verseucht ist. Manche Brunnen versiegeln sie, ohne uns ein Wort zu sagen.“ Landwirtschaft gebe es praktisch gar nicht mehr, das Wasser reiche dafür nicht, sagt sie bitter. Aber das war doch immer knapp? „Schon, aber durch die INB hat sich das so verschärft, dass wir nichts mehr anbauen. Selbst das Vieh hungert!“ Der Ort lebe heute praktisch von Renten und Sozialhilfe.

Bergwerksdirektor Mantovani fallen nur „vier außergewöhnliche, aber nicht gefährliche“ Zwischenfälle seit Beginn der Uran-Förderung im Jahr 2000 ein. Ein Bericht, den die Menschenrechtsgruppe Dhesca 2011 erstellen ließ, listet jedoch mindestens ein Dutzend weitere auf. Aber auch nach 2011 ging es weiter. Die Liste der Vorwürfe ist lang: Fünf Millionen Liter Uran-Likör sind in die Landschaft gelaufen, es wurde uranhaltige Flüssigkeit im Riacho de Vaca festgestellt, Matten des Auffangbeckens sind gerissen und 900 Liter Uran-Likör aus einem gebrochenem Rohr ausgelaufen. Es gab einen Betriebsstopp wegen eines Minen-Einsturzes, ein Wachmann fiel nach seiner 12-Stunden-Schicht in ein Auffangbecken, Arbeiter tragen keine Schutzmasken.

Zum Skandal kam es 2008, als Greenpeace aus acht Brunnen Proben zog und in England untersuchen ließ. Eine wies eine Urankonzentration auf, die sieben Mal höher lag als der von der Weltgesundheitsorganisation angegebene Höchstwert.

Aber die Aufregung verebbte bald. Die Bewegung der INB-Gegner vor Ort ist winzig. Der Bürgermeister von Caetité ist bei der INB angestellt. Ein rühriger Priester, der der Firma auf die Nerven ging, wurde nach Todesdrohungen versetzt. Die Gesellschaft steht der Atomkraft neutral oder wohlwollend gegenüber, weil sie doch der Entwicklung diene. Was mit dem Atommüll geschieht, scheint nicht einmal die Experten zu kümmern.

Dabei schickt sich Brasilien an, seine Atomwirtschaft kräftig zu erweitern. Zurzeit wird ein atomgetriebenes U-Boot gebaut. 2018 soll der dritte Reaktor in Angra, 150 Kilometer westlich von Rio de Janeiro, ans Netz gehen. 2030 will Brasilien weitere vier Meiler gebaut haben. Parallel dazu wird die Uranförderung in den nächsten Jahren gesteigert. In Caetité will die INB die Produktion verdoppeln. 350 Millionen Dollar fließen in die Erschließung einer neuen Mine in Ceará weiter im Norden. Ab 2022 will Brasilien nicht wie heute 400, sondern 2 400 Tonnen Uran im Jahr erzeugen. Brasilien hat die sechstgrößten bekannten Uran-Vorkommen der Welt, aber erst 30 Prozent des Landes wurden erkundet. Und die Nachfrage steigt: Zurzeit werden weltweit 77 Atommeiler gebaut.

Verfilzte Atomwirtschaft

Kaum einer unterstellt Brasilien noch wie in den 70er-Jahren unter der Militärherrschaft, dass Brasilien Atombomben bauen will. Misstrauen und Kritik weckt jedoch der verfilzte Atomsektor. Während in Europa die Atomwirtschaft privat ist und vom Staat kontrolliert wird, ist in Brasilien alles staatlich. Mit absurden Folgen: Die CNEN beaufsichtigt die INB und ist zugleich ihr Besitzer. Völlig überholt sei die Atomgesetzgebung, schimpft Minen-Vize Gomiero.

Wozu Brasiliens irritierende Atompolitik führt, zeigt beispielhaft der Atommeiler Angra 2. Er ging 2000 ans Netz, funktionierte bis vor kurzem aber nur mit provisorischen Lizenzen – unter anderem, weil die Pläne für den Evakuierungsfall gravierende Mängel hatten. Die Dauergenehmigung wurde erst erteilt, nachdem der Technologie-Minister 2011 entsetzt merkte, wie prekär die juristische Basis des Atomkraftwerkes war. Der verantwortliche CNEN-Chef wurde gefeuert. Aber die gewundene Küstenstraße, über die die 170 000 Einwohner der Stadt Angra im Notfall fliehen müssten, ist immer noch so eng und verstopft wie eh und je.