Der Tag ist noch jung und verspricht jede Herrlichkeit: Die Sonne scheint. Der Frühstücksraum im Ferienheim leert sich langsam, wir überlegen, noch einen Kaffee zu trinken, doch da naht Karina mit ihrem Sohn. Jetzt, um fünf vor neun, wenn alle anderen fertig sind. Hier wird um acht gefrühstückt. Wir gehen. Das nun folgende Gezeter wollen wir nicht hören. Karina erläutert dann akzentuiert, sie denke nicht daran, ihr Kind auch noch in den Ferien aus dem Schlaf zu reißen, um spießige Essenszeiten einzuhalten. Sie erwähnt auch das Abendbrot um halb sechs, eine Zumutung. "Ich bin hier im Urlaub, nicht im Krankenhaus. Ich erwarte, dass das Personal für die Gäste da ist und nicht umgekehrt. Und verschonen Sie mich mit Ihren Feierabend-Dienstplänen!" Frau Schmidt, die sonst so herzliche Serviererin, wehrt sich mit dem Hinweis, es sei keine Pflicht, zu den Mahlzeiten zu erscheinen.Wir fanden Karinas Auftritte immer unangemessen. Wie die meisten Gäste waren wir glücklich über das gepflegte Ferienheim namens "Julius Fucik", das der Berliner Verlag in Ahlbeck besaß, gleich an der Seebrücke, viele Zimmer mit Meerblick. Es bot mehr, viel mehr, als man von einem Urlaub in der DDR erwarten durfte, zum Beispiel den Charme einer liebenswürdigen Pension. Das Personal hatte nicht diese wilde Verstocktheit, die einen besonders an der Küste so quälen konnte. Die Etagenbäder nahmen wir ohne Murren in Kauf. Nur die sogenannte Suite hatte ein eigenes Bad und dazu zwei Zimmer. Dort freilich wohnten nicht die Familien mit den meisten Kindern, sondern - so viel Gleichheit war dann doch nicht - die Ranghöchsten, also Chefredakteure. Das Essen war gut. Kuchen wurde täglich frisch gebacken. Wer wollte, konnte ihn schon nach dem Mittag mit an den Strand nehmen: Er kam dann in Butterbrotpapier, dazu Kaffee in Thermoskannen.Herr Wenisch, der Heimleiter, betrachtete als seine Hauptaufgabe, anständiges Essen für seine Gäste zu besorgen. Dafür telefonierte er nicht einfach seine Bestellungen durch, dafür legte er sich ins Zeug, ließ seine Beziehungen als Einheimischer spielen. Sein Ehrgeiz waren glückliche Gäste und einmal pro Durchgang Aal auf dem Tisch. Eine dreiköpfige Familie zahlte dafür zusammen 162,80 Mark - nicht pro Tag, sondern für zwei Wochen. Das war schon damals fast geschenkt. Ein Erwachsener kam auf täglich 5,11 Mark - für Übernachtung, Vollpension, Strandkorb und Fahrrad. Heute gibt es für dieses Geld zwei Stunden Fahrrad. Konnte man da nicht ein bisschen Dankbarkeit erwarten?Nicht von Karina, alleinerziehende Mutter, Redakteurin, selbstverständlich Vollzeit. Ihren Anpassungszwang in der Redaktion dehnte sie nicht noch in ihre Freizeit aus: "Stellt Ihr Euch eigentlich den Wecker, um zum Frühstück pünktlich die Plätze einzunehmen?", fragte sie uns mit Verachtung. "Egal, mit der Neumann am Nebentisch schmeckt es mir sowieso nicht." Daher also die Gereiztheit: Gast in diesem Durchgang war auch die Parteisekretärin aus Karinas Wochenzeitung, ein berüchtigter Drache, eine 150-Prozentige. Bei aller Lieblichkeit eines Betriebsheimes - aber wenn man Pech hatte, saß schon mal ein fieser Chef im Strandkorb nebenan. An den Nacktbadestrand würde er sich ja wohl nicht trauen ... Aber war man sicher? Der Gedanke, mit Kollegen Tisch an Tisch Urlaub zu machen, ließ Menschen aus weniger kollektivistischen Gesellschaften schon immer ehrlich erschauern.Auch für Individualisten in der DDR hatte diese Form des organisierten Urlaubs etwas Gruseliges. Nur welche Alternativen hätten sie denn gehabt? Für die Nachgeborenen sei erwähnt, dass man damals nicht einfach ein Ferienhaus oder Hotelzimmer in einer hübschen Gegend mieten konnte, womöglich noch im Sommer und in Ostsee-Nähe. 1953 hatte die DDR alle Hotels und Pensionen enteignet. Der allgegenwärtige Vormund Staat wollte nicht nur die Arbeit "unserer Werktätigen" unter Kontrolle haben, sondern auch ihre Ferien. Er subventionierte Urlaub wie Brot, Bücher, Mieten und Gaststätten. 550 Millionen Mark gab allein die Gewerkschaft FDGB 1989 für 1100 Ferienheime aus, Betriebe unterhielten 76 000 Ferienheime und Campinganlagen.Trotzdem warteten die meisten Familien jahrelang auf einen Ferienplatz. Und was machten sie in den anderen Sommern? Da wollten sie trotzdem verreisen. Manche fuhren ins Ausland. Pauschalreisen ans Schwarze Meer verkaufte das Reisebüro zwei Mal im Jahr, die Leute standen schon am Vorabend an. Allerdings musste eine vierköpfige Familie dafür das Jahresgehalt einer Sekretärin hinlegen. Ungarn und die Tschechoslowakei tauschten Ostdeutschen höchstens 30 Mark pro Tag um - ein Hotel konnte davon keiner bezahlen. Die Demütigungen im Urlaub waren reich und vielfältig. Und die Ostsee blieb die am ehesten erreichbare Sehnsuchtsgegend. Nirgends sonst konnte man sich erschöpfender in die Ferne träumen als beim Blick auf das Meer. Auch ohne Vergleiche mit dem Mittelmeer anstellen zu können, war zudem das Gefühl verbreitet, dass es die Strände von Usedom, Rügen oder dem Darß mit den schönsten der Welt aufnehmen könnten, so weiß, so fein, so weit, so vollkommen, wie die waren. Nicht verbesserungswürdig - wo sonst kam das vor in der DDR?Dafür nahm mancher einiges in Kauf. Private Quartiere waren rar, teuer, meistens schrecklich. Freunde hatten sich auf eine Annonce beworben und fanden sich in einem notdürftig für Gäste hergerichteten Hühnerstall wieder. Andere sollten in Hochbetten schlafen, aus denen soeben die Kinder der Hausbesitzer ausquartiert worden waren. Ein geruhsames Frühstück um halb zehn mit Fünf-Minuten-Ei kam in den wüsten Geschichten von solchen Unterkünften nie vor. Eher Tauchsieder, mit denen heimlich Teewasser und Bockwürste erwärmt wurden, weil Hühnerställe keine Herdplatten hatten.In Zelten konnte man mit Propangas kochen. Allerdings waren Zeltscheine an der Küste fast so begehrt wie Ferienheimplätze. Und zwar trotz ihrer Klos, die man weithin riechen konnte und gegen die sich die sauber gefliesten Etagenbäder im "Julius Fucik" ausnahmen wie Vier-Sterne-Anlagen. Trotz der Anreise, bei der sich Familien samt Zelt, Kocher, Luftmatratzen, Schlafsäcken und Klappstühlen in einen Trabant quetschten. Und trotz der Selbstverpflegung, für die sich ein Campingfreund ab früh halb sechs am Kiosk nach Brötchen anstellte, weil um halb acht die erste Lieferung alle war. Versorgungslücken gehörten zum Wesen der DDR, aber an der Ostsee brach im Sommer der Notstand aus. Verkäuferinnen hielten unter dem Ladentisch Brot und Milch für berufstätige Einheimische zurück, weil die sonst abends durch leere Regalreihen gestreift wären. Es war auch nicht nur Gastfeindlichkeit, dass die Lokale auch in der Hochsaison ihre zwei Ruhetage einhielten - an der Küste reichten schlicht die Vorräte nicht. Die brauchten FDGB-Massen-Verpflegungsstellen wie das Ahlbecker "Haus der Erholung" mit unverstelltem Kasernencharme. In mehreren Staffeln wurden dort die Urlauber zu den Mahlzeiten durchgeschleust, eilig, gern in Selbstbedienung.Dagegen seien unsere Essenszeiten doch Luxusprobleme, redeten wir Karina zu. "Ich will nicht dankbar sein für das kleinere Übel. Nur, weil alles noch schlimmer sein kann", meckerte sie. Oft spazierten wir die Reihe der bröckelnden Villen aus Wilhelminischer Zeit an der Ahlbecker Dünenstraße entlang - ein Bild des Jammers. Jeder von uns hatte ein Lieblingshaus, das er sich in renoviertem Zustand ausmalte, mit erneuerten Giebeln und Jugendstil-Verglasungen. In Gedanken teilten wir die Zimmer auf - mit Veranda, Balkon oder Freitreppe. Aber im nächsten Jahr versuchte unsere Familie wieder, ein Zimmer im "Julius Fucik" zu bekommen. Karina nicht. Sie verbrachte ihre Ferien fortan in den Datschen von Freunden wie die meisten Gemeinschaftsferienhasser.Heute monieren Urlauber gelegentlich, die Ahlbecker Villen sähen irgendwie zu schick aus, zu weiß und zu perfekt, es fehlten Patina und Spuren der Zeit. Als alte Ostler können wir da nur nachsichtig grinsen: Das frisch Geputzte ist ja gerade die Spur der Zeit. Denn der Ort hat ein unverschämtes Glück, dass er so aussieht. Dass die meisten Häuser nach Verkauf oder Rückgabe so sorgfältig restauriert wurden. Dass die Behörden hier bis heute offenbar ohne Hast arbeiten und im Zweifel lieber jahrelang Leerstand in Kauf nehmen, als Bettenburgen zu genehmigen. Dass der Bürgermeister kürzlich mit seiner Idee scheiterte, eine schicke Mole mit Hotel in Ahlbeck anzulegen, um empfangsbereit für Yachten zu werden.So paradox das klingt - die DDR mit ihrer Tatenlosigkeit hat den Ort nicht zerstört, sondern konserviert. Schlimmer als Verfall wären Abriss und Neubau gewesen. In Heringsdorf nebenan kann man sehen, wie ein paar Plattenhochhäuser die aristokratische Bäderarchitektur bis heute empfindlich stören. Ahlbeck dagegen, das zur Kaiserzeit als Familienbadeort galt und nie so elegant und mondän wurde wie Heringsdorf, wahrte sein Gesicht. Nicht, dass ausgerechnet Familien heute das Bild der sogenannten Kaiserbäder Ahlbeck, Heringsdorf oder Bansin bestimmen würden - das sind eher wohlsituierte Pensionäre und Wellness-Kunden. Gut gebucht sind die Hotels in jedem Fall, zunehmend auch im Winter, aber eben nicht mehr von jedermann.Ausgerechnet das Julius-Fucik-Heim, das mit seinem robusten Kieselkratzputz nie bröckelte, aber auch keine Prachtvilla war, überlebte die neue Zeit nicht. Verlagschefs machen keinen Urlaub mehr mit Angestellten. Nach dem Verkauf kam es als "Hotel Ostseestrand" irgendwie durch die Neunzigerjahre, wurde aber eher kraft- und lustlos betrieben. Es verlor seinen Charme, wirkte plötzlich kleinlich und bieder, ungeeignet, wohlige Erinnerungen aufzufrischen. Und wer nahm denn noch ein Zimmer ohne Bad? Eines Tages blieb das Haus leer. Jetzt wurde es abgerissen.Alles ist heute anders in Ahlbeck - aber nichts von dem, was das Wesen des Ortes ausmacht. Das Meer, die Dünen, der Strand, selbst die alte Seebrücke: Das blieb, wie es war. Und nirgends in Deutschland scheint öfter die Sonne. Das haben sie in Ahlbeck nachgemessen.------------------------------Foto (2) :Ahlbeck 2009 - der Strand, das Meer, die alte Seebrücke. Als hätte sich nichts verändert.In den alten Villen aus Wilhelminischer Zeit ist heute fast jede Rosette sorgfältig restauriert.