Heute wird der Bundestag das Elterngeld beschließen. Als nächstes großes Thema nimmt sich Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) unter anderem die frühkindliche Bildung vor.Frau von der Leyen, es wird zurzeit viel darüber diskutiert, ob der Feminismus am Ende ist und Frauen sich wieder auf die Mutterrolle beschränken sollten. Was sagen Sie dazu?Wir haben nicht zu viel Emanzipation, sondern zu wenig. Die gläserne Decke, die Frauen am beruflichen Aufstieg hindert, existiert nach wie vor. Frauen haben zwar viel mehr Chancen als früher, aber die Frage ist jetzt: Wer hat beruflich die Folgen zu tragen, wenn Kinder geboren werden?Die Antwort dürfte klar sein.Lassen sie es mich so sagen: Mit der Emanzipation der Männer sind wir noch weit zurück. Deutschland braucht eine Väterbewegung.Wie meinen Sie das?Emanzipation heißt doch, dass man seine eigene Rolle entwickelt und erweitert. In Deutschland ist ein Mann nach wie vor nur dann ein echter Mann, wenn er erfolgreich im Beruf ist. Die Rolle als Vater ist noch recht unterentwickelt. In Skandinavien gehört aktive Vaterschaft zum Erfolg in Beruf und Gesellschaft dazu, sie ist ein männliches Statussymbol.Bei uns wird neuerdings beklagt, dass Jungs von den Mädchen abgehängt werden. Teilen Sie die Sorge?Ich finde es nicht schlimm, dass Mädchen in Sachen Bildung an den Jungen vorbeiziehen. Wären die Zahlen anders herum, würde kein Hahn danach krähen. Man würde es als Gott gegeben betrachten. Dennoch müssen wir genauer hingucken, was mit den Jungs los ist.Und was ist mit ihnen los?In der Gruppe der Jugendlichen ohne Schulabschluss und ohne berufliche Qualifikation sind überwiegend Jungen, viele mit Migrationshintergrund. Sie fühlen sich abgehängt und klammern sich umso stärker an tradierte Rollenmuster. Aus Angst, komplett die Orientierung zu verlieren. Diese Jungs sind in den ersten Lebens- und Schuljahren zu wenig integriert worden, sie haben kaum männliche Vorbilder im Alltag erlebt, die sie für Bildung und Verantwortung für andere als Wert an sich begeistert haben. Das Drama der bildungsarmen Kinder ist doch, dass sie isoliert sind......und dass diese Jungen keine Partnerin mehr finden.Das ist kein deutsches Phänomen, das konnte man bereits vor 15, 20 Jahren etwa in Schweden beobachten. Dort haben sich daraufhin Werte und Ziele für Männer verändert. Ein akzeptierter Mann ist nicht mehr der Boss, sondern der, der Partnerschaft ernst nimmt. Er schätzt die Bildung der Frau und betrachtet sich im Bezug auf Kinder nicht als zweitklassige Mutter, sondern als erstklassiger Vater. Das hat die Gesellschaft enorm verändert und das Gleichgewicht auf dem Ehemarkt wieder hergestellt.Wie reagieren eigentlich die Herren in Ihrer Partei, wenn Sie so reden?Bei den über 60-Jährigen hat sich eine gewisse Wachheit entwickelt.Bezogen worauf?Bezogen auf ihre erwachsenen Töchter. Die Männer sind stolz auf deren berufliche Erfolge, aber bedauern, dass die Enkelkinder ausbleiben. Und weil sie ihre Töchter lieben, realisieren sie, dass Kinderlosigkeit eben nicht das Ergebnis einer selbstsüchtigen Generation ist.Verraten Sie uns, wer von den Unionsmännern das erkannt hat?Es wäre nicht fair, nur einen zu nennen. Aber ich kann Ihnen sagen, dass Edmund Stoiber mich sehr unterstützt hat, als es in den Koalitionsverhandlungen um Vereinbarkeit von Beruf und Familie ging.Aha. Und was ist mit den Jüngeren?Ein wachsender Anteil erkennt, dass wir den jungen Menschen Antworten auf ihre ganz realen Probleme geben müssen. Wir können nicht mit Rezepten kommen, die vielleicht noch vor 30 Jahren galten.Eines der realen Probleme ist, dass Männer unsicherer werden, ob sie eine Familie ernähren könnten.Berechtigt. Deshalb müssen wir konsequent daran arbeiten, dass Partner gleichermaßen Verantwortung für Einkommen und Erziehung übernehmen. Nur so lässt sich auch die Kinderarmut reduzieren.Zurück zu den benachteiligten Jungen. Was ist zu tun?Einer der Schlüssel ist eine bessere frühkindliche Bildung. Dieses Thema wird noch immer sehr vernachlässigt. Die öffentliche Hand legt sich mächtig ins Zeug mit den Universitäten, während die Eltern die frühkindliche Bildung am stärksten selbst finanzieren müssen. Wir müssen das dringend vom Kopf auf die Füße stellen, denn die ersten Lebensjahre entscheiden über den weiteren Bildungsweg.Sie wollen die Länder zwingen, endlich genug Kitas anzubieten?Wenn wir bedenken, dass jedes dritte Kind einen Migrationshintergrund oder keine Geschwister mehr hat, kann die Antwort nur lauten: Wir brauchen mehr Orte, wo Kinder mit anderen Kindern ihre Welt entdecken. Aus der Gruppe der Kinder mit Migrationshintergrund und bildungsarmen Elternhäusern kommt jedes fünfte Kind niemals in den Kindergarten. Da muss es uns nicht wundern, dass diese Kinder vom ersten Schultag an in eine Außenseiterposition geraten.Sie kommen oft auch dann nicht, wenn es Kitaplätze gibt. Warum?Die Erfahrung des Saarlandes ist, dass fast alle Kinder im beitragsfreien letzten Kita-Jahr in den Kindergarten gehen. Offenbar wird das so akzeptiert wie die Schule ohne Schulgeld. Ich bin deshalb überzeugt, dass wir mittelfristig generell Beitragsfreiheit haben werden.Auch so erreichen Sie nicht alle.Das stimmt, es gibt auch Eltern, die ein gewisses Desinteresse an der Entwicklung ihrer Kinder haben oder schlicht überfordert sind. Für sie ist es zu anstrengend, morgens aufzustehen, ein Frühstück zu machen, ein Täschchen zu packen und das Kind in den Kindergarten zu bringen. Und es gibt Eltern, die ihre Kinder bewusst zurückhalten, um sie nicht zu integrieren.Sind Sie für die Kindergartenpflicht?Das hielte ich für ein zu grobes Instrument. Aber wir sollten für jedes vierjährige Kind einen verbindlichen Sprachtest einführen. Für diejenigen, deren Sprachfähigkeit auf dem Stand eines Zwei- oder Dreijährigen ist, müssen wir ähnlich der Schulpflicht einen verpflichtenden Sprachkurs entwickeln. Ideal wäre, diesen Kurs in das Kindergartenleben zu integrieren.Und wo soll das Geld herkommen?Im internationalen Vergleich geben wir viel Geld für Familienförderung aus, mit weniger Wirkung. Ich lasse zurzeit alle familienpolitischen Leistungen daraufhin untersuchen, ob sie effizient wirken oder sogar gegeneinander. Ich möchte die Leistungen besser bündeln und so Mittel für die frühkindliche Bildung freisetzen. Und durch den Geburtenrückgang gibt es Einsparungen im Bildungswesen, die die Chance geben, neu zu investieren. Entscheidend ist, dass das Geld nicht abgezogen wird.Das Gespräch führte Regine Zylka.------------------------------Foto: Ursula von der Leyen legte als Ärztin und Mutter von sieben Kindern bislang eine beispiellose politische Karriere hin. Die 47-Jährige trat erst 1990 der CDU bei und wurde 2001 politisch aktiv. In Niedersachsen wurde sie 2003 Gesundheitsministerin und ist seit November 2005 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.