Fast sieben Jahre hat der Rechtsstreit gedauert, dutzende Zeugen waren befragt worden, mehrere Untersuchungsführer wurden eingesetzt - gestern hat das Oberverwaltungsgericht endgültig entschieden: Der Geschichtslehrer Karl-Heinz Schmick, der im Unterricht NS-Verbrechen verharmlost haben soll, kann nicht aus dem Schuldienst des Landes entlassen werden. Die Vorwürfe reichen dafür nicht aus. Der 58-jährige Beamte darf demnach wieder unterrichten. Damit endet der ungewöhnlich lange Streit mit einer deutlichen Niederlage für das Land Berlin. Denn die Senatsbildungsverwaltung wollte den Lehrer eigentlich loswerden. Bis zu seiner Suspendierung im Dezember 2000, betrieben vor allem von einer Elterninitiative an der zeitweise auch Fernsehmoderator Günther Jauch beteiligt war, hatte er Geschichte und Erdkunde am angesehenen Gymnasium Steglitz unterrichtet, vertretungsweise übernahm er dort auch Sportstunden.Bis gestern saß Schmick bei vollen Bezügen Zuhause - das dürften seit Beginn des Streits rund 250 000 Euro ausmachen. Wo der Lehrer künftig eingesetzt wird und ob er überhaupt ins Klassenzimmer zurückkehrt, blieb gestern noch unklar. Der Beamte wurde zu einem Gespräch bei der zuständigen Schulaufsicht gebeten, um Fragen seines Einsatzes zu besprechen, teilte die Senatsverwaltung gestern knapp mit. Formal werde er immer noch als Lehrer des Gymnasiums Steglitz geführt. Er müsse nicht unbedingt wieder ins Klassenzimmer zurück, sagt Schmick nach der Urteilsverkündung. "Ich bin einer anderen Verwendung nicht abgeneigt."Aber Karl-Heinz Schmick ist nicht zufrieden mit dem Urteil. Das war der Miene des 58-jährigen Lehrers anzusehen, als er gestern Mittag den Saal 234 im Oberverwaltungsgericht verließ, in dem unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt worden war. "Ich wollte einen glatten Freispruch, eine vollständige Rehabilitierung", sagte Schmick.Die hat er nicht bekommen. Denn der Disziplinarsenat des Gerichts sah es als erwiesen an, "dass der Lehrer im Geschichtsunterricht (.) den im Berliner Schulgesetz festgelegten Bildungsauftrag verletzt hat", heißt es in einer Presseerklärung des Gerichts. Es folgte damit der Entscheidung der ersten Instanz, der Disziplinarkammer des Verwaltungsgerichts, vom Sommer 2005. Damals hieß es, dass Schmick zwar kein Rechtsextremist sei. Er habe aber den Eindruck hinterlassen, er relativiere die Verbrechen des Nationalsozialismus. Er habe "leichtfertig" den Verdacht erweckt, ein Rechtsextremist zu sein. Das aber könne jedem passieren, dessen Bemerkungen aus dem Zusammenhang gerissen werden, sagte Schmicks Anwalt Torsten Hippe.Durch sein Verhalten habe Schmick dem Ansehen der Lehrerschaft des Landes Berlin und seiner Schule schweren Schaden zugefügt, so meinten beide Gerichte. Zur Strafe werden seine Bezüge für ein Jahr um zehn Prozent gekürzt. Diese Strafe ist mit der gestrigen Entscheidung rechtskräftig geworden.Eine Entfernung aus dem Dienst haben das Verwaltungs- wie das Oberverwaltungsgericht aber abgelehnt, weil der schwerwiegendste Vorwurf - die Relativierung des Vernichtungslagers Auschwitz als Arbeitslager - bereits mehr als zehn Jahre zurückliege. Er habe sich auch nicht der Volksverhetzung schuldig gemacht. Außerdem habe ihn die jahrelange Suspendierung psychisch erheblich belastet, sein Ruf sei kaum noch wiederherstellbar.Zweifel, ob ihre Kampagne gegen den Lehrer Schmick richtig war, hegten die Mitinitiatoren auch gestern nicht. "Ich halte es nach wie vor für richtig, was wir damals nach den uns vorliegenden Informationen gemacht haben", sagte der Mediziner Eckart Franz.Die Vorwürfe waren begründet, sagte auch Rechtsanwalt Gert Menzer, "Wer die Gräueltaten der Wehrmacht verniedlicht, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, er ist rechtsradikal." Genau das habe Schmick getan. Beide Anwälte warfen der Verwaltung vor, das Verfahren unzureichend geführt zu haben. Menzner: "Jurastudenten im ersten Semestern hätten es nicht schlechter machen können."------------------------------Gerüchte, Flugblätter und eine ElterninitiativeAm Anfang des jahrelangen Verfahrens gegen den Geschichtslehrer Karl-Heinz Schmick steht ein Flugblatt. Am 23. Mai 2000 kursiert es an der Schule unter der Überschrift "Braune Bildung am Gymnasium Steglitz?" Das Blatt zeigt ein Foto von Schmick. Die anonymen Autoren bezichtigen ihn der Holocaust-Relativierung.Schon vor dem Flugblatt hat es über den Pädagogen immer wieder Gerüchte gegeben. So soll er, laut Ermittlungsakten, 1994 im Geschichtsunterricht einer zehnten Klasse gesagt haben, Auschwitz sei eher ein Arbeitslager gewesen. Es sollen wiederholt rassistische Äußerungen gegenüber Schülern gefallen sein, er soll am 20. April, Hitlers Geburtstag, demonstrativ eine Militärjacke mit Deutschlandfahne getragen haben.Nach dem Erscheinen des Flugblatts verlangt die Schulleitung eine Erklärung von dem Lehrer. Die legt Schmick vor - mit einem Bekenntnis zu Demokratie und Grundgesetz. Den Vorwurf der Holocaust-Verharmlosung weist er als perfide zurück.Die Debatte an der Schule ist aber nicht vorbei. Am 7. Juni 2000 wird an der Schule eine außerordentliche Sitzung der Gesamtelternvertretung unter dem Thema "Politische Bildung am Gymnasium Steglitz" angesetzt.Wenige Tage später wird die Elterninitiative Politisches Denken gegründet. Ihr Ziel ist es, Schmick aus dem Klassenzimmer zu verbannen. Sie wird zeitweise von Fernsehmoderator Günther Jauch unterstützt, der zu diesem Zeitpunkt auch ein Kind an dem Steglitzer Gymnasium hat.Die Initiative recherchiert und reicht am 27. November eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Schmick ein. Sie hält es für erwiesen, dass er rechtsextrem ist und NS-Verbrechen relativiert. Als Beleg wird unter anderem Schmicks kritische Auseinandersetzung mit der Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" angeführt.Aufgeschreckt durch die öffentliche Debatte an der Schule hatte die Senatsverwaltung bereits Anfang November 2000 begonnen, sich mit dem Fall Schmick zu befassen.Am 7. Dezember 2000 erhält Schmick die Suspendierung. Seither sitzt er bei vollem Gehalt zuhause. Das hat das Land bisher rund 250 000 Euro gekostet.Am 17. Mai 2001 wird das Disziplinarverfahren gegen den Lehrer Schmick förmlich eröffnet. Ziel ist, ihn aus dem Schuldienst zu entfernen. Die Zeugenbefragungen beginnen. Allerdings bleiben die meisten Aussagen widersprüchlich.Die erste Entscheidung fällt im Juni 2005. Schmick sei zwar kein Rechtsextremist und Relativierer von NS-Verbrechen, so das Verwaltungsgericht. Er habe aber diesen Eindruck erweckt und dem Ansehen der Lehrer geschadet. Sein Gehalt soll gekürzt werden.------------------------------Foto: Karl-Heinz Schmick, 58, hat ab 1968 an der FU Berlin Geschichte im Hauptfach, Politische Wissenschaften und Erdkunde studiert. 1981 wurde der Lehrer verbeamtet. Er unterrichtete zunächst am Willi-Graf-Gymnasium, seit 1989 am Gymnasium Steglitz.Foto: Günther Jauch diskutierte mit.