Kirow - Dreieinhalb Stunden lang liest der junge Richter das Urteil vor, aber dann geht plötzlich alles sehr schnell. Fünf Jahre Lagerhaft für Alexej Nawalny, so verkündet Sergej Blinow mit zittriger Stimme, und vier Jahre Lagerhaft für Pjotr Ofizerow. Die Verurteilten seien, so ordnete er an, unverzüglich in Gewahrsam zu nehmen.

Schon haben sich die Gerichtsdiener aufgebaut. Eine Umarmung noch mit den Ehefrauen, dann klicken die Handschellen zu. Blicke und Tränen, alles wird live aus dem Gerichtssaal ins Internet übertragen. Am Donnerstag hat damit ein Bezirksgericht in Kirow den prominentesten Kreml-Gegner verurteilt. In diesem Urteil gibt es wenig Logik– außer der Logik der Unterdrückung.

Schon am Morgen hatte Nawalny eine große schwarze Reisetasche ins Gericht geschleppt. Darin alles, was man in der Haft braucht. Freisprüche sind in Russland extrem selten. Aber der Richter hätte die Strafe auf Bewährung aussetzen können. Genau das erwarteten viele in diesem offenkundig politischen Prozess: Schließlich ist Nawalny auch Bürgermeisterkandidat für die ersten direkten Wahlen, die in Moskau seit vielen Jahren stattfinden. Der amtierende Bürgermeister Sergej Sobjanin hatte siegesgewiss gefordert, dass auch Nawalny antrete.

„Bitte kein Trübsal meinetwegen“

Der Urteilstext, den Richter Blinow über Stunden herunterrasselte, ist eine Kopie der Anklageschrift. Laut Staatsanwaltschaft hat Nawalny 2009 sein Amt als Berater des Gouverneurs von Kirow ausgenutzt, um dem staatlichen Holzproduzenten Kirowles nachteilige Verträge aufzunötigen. Kirowles sei gezwungen worden, Holz über die Firma VLK von Nawalnys Bekanntem Pjotr Ofizerow abzusetzen.

Diesen Vorgang hat die Staatsanwaltschaft bizarrer Weise als Diebstahl gewertet – als sei das Holz nie bezahlt worden. Das widerspricht zwar den Tatsachen, erlaubt es aber, einen härteren Paragrafen anzuwenden, nämlich „Unterschlagung“.

Aber weder die fehlende wirtschaftliche Logik noch die Tatsache, dass sogar der Kronzeuge der Anklage vor Gericht sich an nichts erinnerte, haben den jungen Kirower Richter gehemmt. Immerhin hat Blinow einer Direktübertragung des Prozesses ins Internet zugestimmt.

Nawalny hat sein Urteil trocken kommentiert. „OK. Bitte keine Trübsal meinetwegen“, twittert er, bevor er sein Telefon abgeben muss. „Und vor allem – keine Däumchen drehen, die Kröte schmeißt sich ja nicht selbst von der Pipeline.“ Putin ist für ihn die Kröte, die Russlands Ölreichtum kontrolliert.

Vorerst wieder auf freiem Fuß

„Alexej wusste genau, dass die Haftstrafe nicht auf Bewährung ausgesetzt wird“, sagt Nawalnys Frau anschließend. Die Anti-Korruptions-Arbeit seiner Stiftung gehe weiter. Aber offen ist, ob der Wahlkampf in Moskau fortgesetzt wird.

Am Abend treten nämlich zwei unerwartete Ereignisse ein. In Moskau ziehen einige tausend empörte Menschen spontan zum Kreml, sie skandieren „Freiheit“ vor dem Duma-Gebäude. Mitten im Wahlkampf stört das die Ruhe, die Bürgermeister Sobjanin für die Wiederwahl wünscht. Die Menschen kleben Nawalny-Aufkleber auf die Dienstlimousinen der Abgeordneten und auf die Gefangentransporter mit den Festgenommenen.

Das andere, völlig unerwartete Ereignis ist eine Wende der Staatsanwaltschaft. Sie legt Beschwerde dagegen ein, dass Nawalny noch im Gerichtssaal in Gewahrsam genommen worden ist. Schließlich sei das Urteil gegen ihn noch nicht rechtskräftig, es müsse erst von der Berufungsinstanz bestätigt werden. Bis dahin solle man ihn auf freiem Fuß lassen, fordert die Staatsanwaltschaft. Zuvor war es diese Behörde, die vom Richter das Gegenteil, nämlich die unverzügliche Festsetzung gefordert hatte.

Die Agitation geht weiter, sagt Nawalnys Wahlkampfchef Leonid Wolkow am Nachmittag am Telefon. Aber es geht nicht mehr um einen Kandidaten, sondern darum, den Leuten zu sagen, dass dies keine echten Wahlen mehr sind. Es sei mit Nawalny besprochen gewesen, dass er aus der Haft keinen Wahlkampf führe und seine Kandidatur zurückziehe. Aber nun, da die Staatsanwälte Nawalny vorerst in Freiheit lassen wollen, könnte er es sich noch einmal anders überlegen. Über die Frage des Gewahrsams wird am Freitag entschieden.