RIO DE JANEIRO. 34 Jahre nach dem Mord an der Deutschen Elisabeth Käsemann hat ein Gericht in Buenos Aires sieben Männer zu Freiheitsstrafen verurteilt, zwei von ihnen erhielten lebenslänglich. Sie werden für Morde, Folter und Misshandlungen im Verhörzentrum "El Vesubio" verantwortlich gemacht.Der frühere Brigadegeneral Héctor Gamen, 84, und der pensionierte Oberst Hugo Pascarelli, 81, erhielten lebenslange Freiheitsstrafen, während fünf ehemalige Gefängniswärter Haftstrafen zwischen 18 und 22 Jahren bekamen. Ein weiterer Angeklagter, Pedro Durßn Sßenz, war Anfang Juni im Alter von 75 Jahren verstorben. Als Kommandant des Lagers, der persönlich folterte und vergewaltigte, galt er als Hauptverantwortlicher.Mit dem Urteil endet nach anderthalb Verhandlungsjahren einer der großen Prozesse um die Menschenrechtsverletzungen während der Militärdiktatur 1976 bis 1983. Dass seitdem so viel Zeit verstrich, liegt an zwei Amnestiegesetzen, die kurz nach Wiederherstellung der Demokratie erlassen worden waren. Erst 2003 wurde diese Amnestie aufgehoben, was eine Flut von Verfahren auslöste.Im El-Vesubio-Prozess ging es um das Schicksal von 164 Opfern; im Fall Käsemann wurden Gamen zu lebenslanger, der Wärter Ricardo Néstor Martínez zu 20 Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Die Tochter des Tübinger Theologen Ernst Käsemann, die damals in Sozialprojekten in Buenos Aires arbeitete, wurde im März 1977 verhaftet und kam, nachdem sie in einem anderen Lager gefoltert wurde, Mitte Mai nach "El Vesubio". Nach etwa einer Woche wurde sie bei einem vom Militär fingierten Feuergefecht hinterrücks erschossen.Ihr Vater erhob damals schwere Vorwürfe gegen die deutsche Diplomatie. Während andere Länder energisch die Freilassung ihrer Bürger aus Lagern wie "El Vesubio" forderten und oft erreichten, habe das Auswärtige Amt mit Rücksicht auf die deutsch-argentinischen Handelsbeziehungen viel zu wenig für seine Tochter getan. Im jetzigen Prozess ist die Bundesrepublik als Nebenkläger aufgetreten.Gemischte GefühleDer Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Kaleck sprach von "gemischten Gefühlen" angesichts der Gerichtsentscheidung, weil sie spät komme und weil Durßn Sßenz vorher gestorben sei. Positiv sei jedoch, dass es zu einem Urteil im Fall Käsemann gekommen sei. Kaleck ist Sprecher der "Koalition gegen die Straflosigkeit", die sich seit Langem für Prozesse gegen die Verantwortlichen der argentinischen Diktatur einsetzt. Die Historikerin Dorothee Weitbrecht, Käsemanns Nichte, forderte das Auswärtige Amt auf, seine Diplomatiegeschichte jener Jahre wissenschaftlich aufzuarbeiten.Das Folterlager "El Vesubio" existierte, zunächst unter anderem Namen, bereits seit August 1975, also noch bevor die Militärdiktatur begann. Die idyllische, in einem Park mit Pool gelegene frühere Freizeitanlage für Mitglieder des Strafvollzugsdienstes wurde Ende 1978 abgerissen, damit eine Kommission des Interamerikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte, die damals Argentinien besuchte, keine Spuren finden konnte. Heute ist das Gelände eine Brache.------------------------------Foto: Elisabeth Käsemann wurde 1977 ermordet.