Washington - Den anwesenden Präsidenten und Regierungschefs vom afrikanischen Kontinent klang es wie Musik in den Ohren. „Afrika ist der Erdteil der unbegrenzten Möglichkeiten“, schwärmte US-Vizepräsident Joe Biden. „Wenn Ihr es erlaubt, werden wir gemeinsam mit Euch in die Zukunft gehen.“ Außenminister John Kerry sprach von einem „entscheidenden Moment“ in den Beziehungen zwischen der Supermacht und dem erwachenden Kontinent, der die ganze Welt verändern könne. Und Präsident Barack Obama toastete auf „Das neue Afrika“: Es sei ein Kontinent voller Verheißungen.

46 afrikanische Staats- und Regierungschef waren zum US-afrikanischen Gipfeltreffen angereist, der in den vergangenen drei Tagen in Washington stattfand. Zum Abschluss wurden die Gäste unter einer gigantischen weißen Markise bei einem Empfang auf dem Rasen vor dem Weißen Hauses noch einmal richtig verwöhnt: mit Tomaten-Gazpacho, gegrilltem Steak und Kuchen. Es war das erste Mal, dass der seit fünfeinhalb Jahren regierende Präsident der Vereinigten Staaten Barack Obama seine Kollegen aus Afrika, woher sein Vater stammt, zu einem Staatsbankett geladen hatte.

USA eifern den Chinesen hinterher

Mit all den Aufmerksamkeiten – angefangen von den blumigen Reden bis hin zu Gaumenfreuden – konnten die USA zumindest teilweise den über die Jahre angestauten Ärger der Vertreter afrikanischer Staaten besänftigen. Zumindest während seiner ersten Amtsperiode hatte der US-Präsident mit den afrikanischen Wurzeln ganz und gar nicht gehalten, was man sich in Afrika von ihm versprochen hatte.

Während China seine Handelsbeziehungen mit Afrika im neuen Jahrtausend auf ein Volumen von jährlich 200 Milliarden Dollar verzwanzigfachte, ging der Warenaustausch zwischen der Neuen Welt und Afrika in den vergangenen Jahren sogar zurück – von 100 auf 86 Milliarden Dollar. Die Supermacht tauscht mit dem gesamten afrikanischen Kontinent gerade mal soviel aus wie mit Brasilien. Das dürfe so nicht weiter gehen, sagte Obama während des Wirtschaftsforums, das im Rahmen des Gipfels durchgeführt wurde. „Wir müssen mehr tun. Wesentlich mehr.“

Es soll nicht bei verbalen Zusagen und Versprechen bleiben. US-Firmen wie Coca Cola und General Electric hätten riesige Investitionen vor, kündigte Obama an. Alles in allem könne er den Afrikanern in den nächsten Jahren Investitionen der Privatwirtschaft in Höhe von 17 Milliarden Dollar zusagen.

Hinzu kämen öffentliche und private Gelder, auch aus dem Ausland, die der Präsident für seine Initiative „Power Africa“ locker machen konnte. Rund 26 Milliarden Dollar sollen aufgewendet werden, um die Haushalte von fast einem Drittel der 600 Millionen Afrikaner, die über keine gesicherte Stromversorgung verfügen, an ein zuverlässig funktionierendes Netz anzuschließen.

Die Größenordnung der Versprechen Obamas erreicht allerdings nicht annähernd die Dimension der Zusagen der Chinesen auf solchen Gipfeln. Die Führung in Peking hatte den Afrikanern beim letzten dieser Treffen für die kommenden Jahre eine Billion Dollar an Krediten versprochen.

Harmonie statt Kritik

Trotzdem ist davon auszugehen, dass es die Supermacht mit ihren Zusagen und ihrem Werben ernst meint. Die USA können es sich nämlich gar nicht leisten, den afrikanischen Kontinent weiterhin so zu vernachlässigen, wie sie es bisher taten. In Afrika befinden sich sechs der zehn am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt.

Der Kontinent hat eine Einwohner- und damit Konsumentenzahl von über einer Milliarde Menschen. In den kommenden 35 Jahren wird sich die Zahl mehr als verdoppelt haben. Afrikas alte und neue Mittelklasse gibt bereits annähernd 600 Milliarden Dollar jährlich aus. Kein Wunder, dass der Chef von General-Electric, Jeff Immelt, jetzt verspricht: „Wir haben Afrika erst den Europäern und dann den Chinesen überlassen. Jetzt werden wir uns selber darum kümmern.“

Wie wichtig die US-Regierung diesen noch weitgehend unerschlossenen Markt nimmt, ist auch daran zu sehen, wie vorsichtig die USA mit den afrikanischen Potentaten umgehen. Zwar waren die Präsidenten von Simbabwe und Sudan nicht zu dem Treffen geladen, aber ansonsten jeder Diktator, Menschenrechtsverletzer oder Meister der Korruption. Keiner der Gäste musste sich Kritik anhören.

Während Obama den Autokraten bei einer kurzen Reise vor fünf Jahren noch vorhielt, dass der Kontinent keine „starken Männer“ sondern „starke Institutionen“ brauche, ließ er sie dieses Mal mit solchen Ermahnungen in Ruhe. Er merkte nur beiläufig an, dass Korruption und Vetternwirtschaft dem Aufbruch des Kontinents abträglich seien. „Man sollte ein Unternehmen gründen können, ohne Schmiergeld zahlen oder irgendeinen Cousin einstellen zu müssen“, sagte Obama.

Menschenrechte als Randaspekt

Selbst ein Kleptokrat wie Theodoro Obiang Nguema, Präsident von Äquatorialguinea oder der prunksüchtige König Mswati III. von Swasiland blieben in Washington von Vorhaltungen verschont. Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch haben dies heftig kritisiert. So warf der HRW-Direktor für Afrika, Daniel Bekele, den Veranstaltern vor, Menschenrechtsprobleme zu einem „Randaspekt“ degradiert zu haben.

Das kann sich als riskant herausstellen. Natürlich weiß man in Washington, dass der afrikanische Aufstieg noch höchst anfällig für Rückschläge ist. Geld in einen Staat zu pumpen, dessen Führung schwach oder gar räuberisch ist, hat sich kürzlich erst wieder im Südsudan als katastrophal erwiesen. Bislang hatte sich die US-Regierung rühmen können, dass ihr – anders als China – nicht nur an Afrikas Rohstoffen oder am Geldverdienen gelegen sei. Sie habe das Wohl der Bevölkerung des Kontinents im Sinn. Das aber ließe sich nur mit Demokratie, Verantwortlichkeit und Transparenz, also guter Regierungsführung erreichen. Wenn Washington diese Grundsätze gegenüber Afrika nun vergisst, dann würde es nach dem wirtschaftlichen auch seinen moralischen Vorsprung einbüßen.