WASHINGTON. Das vielleicht letzte große Geheimnis der Pentagon Papers kennt auch Leslie Gelb nicht. Warum US-Verteidigungsminister Robert McNamara im Juni 1967 überhaupt eine geheime Task Force beauftragt hatte, eine "umfassende und objektive" Geschichte des Vietnamkriegs zu schreiben, konnte sich Gelb, einer der Hauptautoren, nie erklären. Nicht einmal Präsident Lyndon Johnson wusste von dem Projekt. Als Gelb, damals ein junger Beamter, dem inzwischen an die Spitze der Weltbank gewechselten McNamara später die 7000 Seiten starke Studie übergab, blätterte der nur flüchtig darin. "Er hat gesagt: Ich will sie nicht, nimm sie mit zurück ins Pentagon", erinnert sich Gelb heute.McNamara, jahrelang von Zweifeln, später auch einem schlechten Gewissen geplagt, nahm sein Geheimnis mit ins Grab. Seit wenigen Tagen aber können Historiker erstmals den kompletten Bericht über die Entscheidungen und Widersprüche studieren, mit denen sich die USA bis zum Ende der Präsidentschaft Lyndon Johnsons immer tiefer in den Vietnamkrieg verstrickten. Das Nationalarchiv in Washington sowie drei Präsidentenbibliotheken haben zu Wochenbeginn auch das letzte, bislang unveröffentlichte Drittel der brisanten Studie ins Internet gestellt. Es sei, heißt es in der Erklärung, der "erste definitive Einblick in dieses historische Dokument".Dass für die Freigabe ein symbolischer Jahrestag gewählt wurde, hat in den USA ebenfalls aufhorchen lassen: Auf den Tag 40 Jahre zuvor hatte die New York Times im Juni 1971 erstmals Auszüge aus den damals noch streng geheimen Pentagon Papers gedruckt - und ein politisches Erdbeben ausgelöst. Denn die Studie weckte Zweifel an den offiziellen Kriegsgründen, sie entlarvte Geheimoperationen und jahrelange Propagandalügen. Präsident Richard Nixon, dessen Amtszeit der Bericht eigentlich gar nicht untersucht, versuchte damals, die Veröffentlichung mit allen Mitteln zu verhindern. Nixon fürchtete, dass die Stimmung weiter gegen den unpopulären Krieg kippt.Vor allem der Pentagonbeamte Daniel Ellsberg, der die Studie der New York Times zugespielt hatte, bekam die Wut der Regierung zu spüren. Der frühere Marineinfanterist wurde wegen Geheimnisverrats und Spionage angeklagt. Ins Gefängnis musste er nur deshalb nicht, weil Nixons berüchtigte "Klempner", die später auch den Watergate-Skandal auslösten, in das Büro seines Psychiaters in Los Angeles eingebrochen waren.Immer noch aktuellNun, glaubt Ellsberg, finden die Pentagon Papers mit der Freigabe durch das Nationalarchiv "genau zum richtigen Zeitpunkt erneut Aufmerksamkeit". Zum einen hält der inzwischen 80-jährige Informant den Inhalt unverändert für aktuell: "Der Krieg in Afghanistan ist fast eine Wiederholung von Vietnam", erklärte er in einem Interview. Bis heute hat die Vietnam-Erfahrung Ellsberg geprägt, misstraut er offiziellen Erklärungen. Wieder stecke man in Kriegen fest, schrieb er in einem Aufsatz, ohne zu wissen, wie man hineingeraten sei und welche Richtung sie vermutlich nähmen. Wieder erlebe man die "gleiche, endlose und blutige Hängepartie", werde versucht, einen nicht zu gewinnenden Krieg zu verlängern.Und noch eine andere Parallele sieht Ellsberg: Wie einst gegen ihn gehe die Regierung heute wieder gegen "Whistleblower" vor. Er spricht von einer "beispiellosen Kampagne gegen Staatsdiener, die Informationen enthüllen, welche Öffentlichkeit und Kongress ein Recht haben zu kennen". Vor allem mit dem inhaftierten Obergefreiten Bradley Manning erklärte sich Ellsberg solidarisch, dem die Todesstrafe droht, weil er der Internetplattform Wikileaks interne Pentagondokumente über die Kriege im Irak und Afghanistan zugespielt haben soll: "Wenn Bradley Manning getan hat, was man ihm vorwirft, ist er mein Held." Er selbst habe lange bereut, nicht schon früher Unterlagen über die Widersprüche der Vietnam-Politik veröffentlicht zu haben. Denn dann, glaubt Ellsberg, wäre der Krieg womöglich früher beendet worden.Leslie Gelb, der Co-Autor der Pentagon Papers, hält das für eine Illusion. "Natürlich gab es Lügen, aber ich kenne keinen Krieg, in dem es keine Lügen gibt", sagte Gelb dem Radiosender NPR: "Beides gehört zusammen."------------------------------Foto: Vor 40 Jahren kopierte er Seite für Seite des Berichts: Daniel Ellsberg.