KABUL. Geologen haben in Afghanistan riesige Rohstoffvorkommen entdeckt. Die Bodenschätze im Wert von etwa einer Billion US-Dollar können das Land zu einem weltweit führenden Rohstoffexporteur machen. Davon sind die Geologen des amerikanischen Verteidigungsministeriums überzeugt, die mit Hilfe sowjetischer Karten aus den 80er-Jahren die Region erforschten.Sie fanden Kupfer, Eisen, Gold, Kobalt und Niobium, vor allem aber riesige Vorkommen des Leichtmetalls Lithium, das unverzichtbar ist für die Herstellung hocheffizienter, wiederaufladbarer Batterien - eine Voraussetzung etwa für den Bau von Elektroautos. Lithium-Akkus stecken schon heute in Handys und Notebooks.Der US-Oberkommandierende der Region, General David H. Petraeus, schwärmte angesichts der Funde von "atemberaubenden Möglichkeiten". Neun Jahre, nachdem der Westen antrat, um die von Afghanistan ausgehende islamistische Terrorbedrohung zu bekämpfen, könnten die Rohstofffunde den Charakter des Konflikts ändern. Sie liefern Geostrategen neue Argumente für eine dauerhafte Militärpräsenz.Die Regierungen des Westens, die angesichts steigender Verluste unter den 130 000 in Afghanistan stationierten Soldaten und zugleich geringen vorzeigbaren Erfolgen unter wachsendem Rechtfertigungsdruck gegenüber ihren Wählern stehen, entwerfen derzeit Abzugsszenarien. Die Regionalmächte und andere Staaten mit strategischen Interessen versuchen, sich neu zu positionieren. Neben China blicken Indien sowie Pakistan, Iran und Russland mit Interesse auf das Land. "In Afghanistan hat das Endspiel begonnen", sagte ein Beobachter bereits, bevor das Ausmaß der Vorkommen bekannt wurde.Dank der Rohstoffe könnte Afghanistans Nettoinlandsprodukt von heute rund zwölf Milliarden US-Dollar deutlich steigen; der Opiumexport könnte zur Randerscheinung schrumpfen. Die Funde könnten "das Rückgrat unserer Wirtschaft werden", sagte ein Berater des afghanischen Bergbau-Ministeriums der New York Times. Erfahrungen aus Ländern wie Angola, Irak, Nigeria, Kongo zeigen, dass Naturschätze nicht zwingend zu Befriedung und Wohlstand für die Bevölkerung führen, sondern ein Land eher destabilisieren.Vor allem Lithium entwickelt sich zum strategischen Rohstoff. Es ist für die Umstellung auf erneuerbare Energiequellen wie Wind und Sonne unverzichtbar. Forscher stellen immer effizientere, sicherere und preiswertere Lithium-Ionen-Batterien vor. Bisher ist Bolivien Weltmarktführer in der Lithiumproduktion. Das in der Wüste der afghanischen Provinz Ghazni unter Salzseen verborgene Lager soll die bolivianischen Vorkommen übertreffen. Noch behindern Krieg und schwache Infrastruktur den Abbau. Vor zwei Jahren sicherte sich ein chinesisches Konsortium die Abbaurechte für ein riesiges Kupferlager in der Logar-Provinz.Der Afghanistan-Experte der Grünen im Bundestag, Tom Koenigs, beurteilt die euphorischen Reaktionen skeptisch. "Es wäre dem Land zu wünschen, auf solche Reichtümer zu stoßen und so den Aufbau seiner Infrastruktur und Sicherheit finanzieren zu können", sagte er dieser Zeitung. Frühere Berichte hätten sich immer wieder als übertrieben herausgestellt. "Aber selbst, wenn die Vorkommen so groß wären, würden sie den Charakter des Krieges nicht verändern. Die Afghanen vergeben die staatlichen Schürfrechte bisher ganz bewusst an Investoren, die Geld in die Infrastruktur gesteckt haben, und nicht zuerst an Kriegsparteien."Die FDP-Sicherheitspolitikerin Elke Hoff sagte, die afghanische Regierung wisse schon länger von den Vorkommen und habe ein Ministerium für die Lizenzvergabe gegründet. "Nun kommt es darauf an, dass die Bevölkerung davon profitiert und die Gewinne nicht in die Taschen von Warlords und korrupten Politikern fließen." Der Westen müsse Afghanistan nun dabei helfen, die nötigen Strukturen aufzubauen.Kommentar Seite 4------------------------------"Afghanistan hat das Potenzial, zum Saudi-Arabien des Lithiums zu werden." Pentagon