"Der Eroberer" wurde kein berühmter Hollywood-Klassiker. Trotz des Hauptdarstellers John Wayne. Dabei scheuten die Filmemacher 1954 keinen Aufwand: Der Streifen wurde im neuen Cinemascope-Breitformat und Technicolor aufgenommen. "Der Eroberer" handelt von Tschingis Khan und dessen Reiterscharen im 12. Jahrhundert. Leider waren die Originalschauplätze in den asiatischen Steppen für Amerikaner nicht zugänglich. Deshalb mußten die Produzenten für ihre Bilder von staubaufwirbelnden Pferden eine einheimische Landschaft suchen. Sie wurden fündig: im Snow Canyon beim Örtchen St. George im Bundesstaat Utah. Mit seinen Söhnen Michael und Patrick durchstreifte John Wayne während der Drehpausen öfters das Gelände.Acht Jahre später erkrankte John Wayne an Krebs. Kein Einzelfall, wie sich herausstellte: Auch die weiblichen Hauptdarsteller jenes Filmes, Susan Hayward und Agnes Moorehead, wurden Opfer der heimtückischen Krankheit. Von den 150 Teammitgliedern entwickelten im Laufe der Zeit insgesamt mindestens 91 Krebs. Reiner Zufall?Zwischen 1951 und 1962 ließen die amerikanischen Militärs mehr als 100 nukleare Sprengsätze oberirdisch in der Wüste von Nevada explodieren. Da die Verantwortlichen die Städte Salt Lake City und Las Vegas verschonen wollten, fanden die Tests vor allem bei Westwind statt. So driftete der Atompilz regelmäßig - über St. George. "Keine Gefahr" Natürlich wurden die Einwohner irgendwie gewarnt. In einem damaligen Propagandafilm der amerikanischen Atom-Energie-Behörde spielten sie sogar - wegen des "dramatischen Effekts" - eine kleine Nebenrolle: Durch das Radio erfuhren sie, daß der "Niederschlag der heute morgen gezündeten Atomdetonation in Richtung St. George treibt". Den Einwohnern wurde empfohlen, "etwa eine Stunde im Haus zu bleiben". Mehr nicht. Schließlich beruhigte der Radiosprecher seine Schäfchen: "Eine Gefahr besteht nicht!"20 Jahre lang untersuchte der amerikanische Journalist Paul Jacobs auf eigene Faust und gegen den Willen der Behörden die Schicksale der Menschen von St. Georges und Umgebung. Den Hinweis, daß hier etwas Schreckliches passiert war, hatte er vom Nobelpreisträger Linus Pauling erhalten. Beenden konnte Jacobs seine Recherchen nicht, 1978 ging auch er an Krebs zugrunde, den er selbst auf seinen Aufenthalt in sogenannten Hot spots zurückführte: in Gebieten mit besonders starker Radioaktivität. Doch davor dokumentierte er die Erzählungen und das Dahinsiechen vieler Opfer in der Steppe von Nevada und Utah.Wie etwa die Geschichte des Farmers Elmer Jackson: " Und da bin ich nach Hause gekommen und meine Frau kommt mir an der Tür entgegen und sagt: ,Um Himmels willen, was ist denn mit deinem Gesicht und deinen Augen los?' Und ich sage zu ihr: ,Na, ich bin gerade in diesen atomaren Niederschlag von der Explosion heute morgen in Nevada gekommen.' Und sie sagt: ,Also, deine Augen sehen ja fürchterlich aus, und dein ganzes Gesicht ist voll Blasen.'" Oder wie den Bericht des Sergeanten Cooper: " Wir marschierten auf einen offenen Abhang los. Direkt, bevor die Detonation gezündet wurde, mußten wir uns mit dem Rücken zur Explosion drehen und die Hände vor die Augen halten. Als sie die Bombe zündeten, konnten wir jeden Knochen in den Fingern sehen." Deformierte Säuglinge Bis in die jüngste Vergangenheit hinein betrieben die amerikanischen Regierungen Verharmlosung, wenn es um die nuklearen Detonationen ging. Offiziell bestritten sie den Zusammenhang zwischen den Krebs- und Leukämieerkrankungen und den Atomtests; zwischen dem freigesetzten Plutoniumstaub, Fehlgeburten und schrecklichen Deformationen von Säuglingen.Erst in den letzten Jahren wurde unter Präsident Clinton ein Teil der grausamen Wahrheit bekannt: Mindestens eine Viertelmillion amerikanischer Soldaten und dazu Zehntausende Zivilisten sind bewußt für Strahlenversuche mißbraucht worden. Von ihnen waren über 50 000 "hautnah" dabei, wenn die Bomben hochgingen.Die Dokumente belegen, daß die Behörden gezielt Armeeangehörigen befahlen, in die Strahlenzone einzumarschieren. Noch 1986 ließen die Verantwortlichen eine nukleare Wolke über Wohngebiete schweben, um herauszufinden, wie sich radioaktive Niederschläge auf die Zivilbevölkerung auswirken.Sogar schwangeren Frauen wurde Plutonium verabreicht, um zu sehen, wie die Föten das Ultragift vertragen. Häftlingen wurden die Hoden intensiv bestrahlt. Geistig behinderte Kinder erhielten verstrahlte Nahrung.Das ist allerdings nur ein Teil der Wahrheit. Viele Dokumente aus den Geheimfächern von CIA und Pentagon sind verschwunden. Man darf mutmaßen: die schrecklichsten. Manche Dokumente wurden "frisiert", damit die Schuldigen nicht erkannt wurden. Doch die Gefahr einer gerichtlichen Aufarbeitung besteht für jene Verantwortlichen ohnehin nicht. Alle Taten sind, juristisch gesehen, verjährt. Erst vor wenigen Tagen schätzte Tara O'Toole vom Washingtoner Energieministerium ein, daß viele der Versuche einen "andauernden Nutzen" für die amerikanische Öffentlichkeit gehabt hätten. Die Rolle der Versuchspersonen sei "wirklich heldenhaft" gewesen.Von 1963 bis in die 90er Jahre hinein wurden die Atomtests der USA in Nevada nicht mehr in der Atmosphäre, sondern unterirdisch durchgeführt: über 700 an der Zahl. Damit sollten die Gefahren für die Umwelt minimiert werden. Doch das renommierte unabhängige Center for Defense Information in Washington zählte über 200 Fälle, in denen aus dem Boden Radioaktivität entwich.Und wieder wurden die Einwohner per Radio und Fernsehen irgendwie gewarnt: Bauarbeiter zum Beispiel sollten sich während der Explosion nicht auf Gerüsten oberhalb des achten Stockwerkes aufhalten. Das wäre es. Denn wieder galt: "Eine Gefahr besteht nicht!" Lesen Sie morgen Teil 5: Die heimlichen Atommächte - unbekannte Größen +++