Washington - Vor ein paar Tagen raunte US-Außenminister John Kerry während einer Pressekonferenz in Washington geheimnisvoll, dass er noch etwas in der Hinterhand habe. Die USA, sagte Kerry, verfügten über Optionen, um den Druck zu erhöhen, damit aus der Syrien-Konferenz in der Schweiz ein Erfolg werde. Was genau er damit meinte, sagte Kerry nicht. Eine Wiederholung des Spektakels vom vergangenen Spätsommer, als US-Präsident Barack Obama dem syrischen Machthaber Baschar al-Assad erst mit Militärschlägen drohte, dann aber überraschend einen Rückzieher machte, dürfte es nicht gewesen sein.

Tatsächlich hat die US-Regierung derzeit nur wenige Möglichkeiten, um auf ein Ende des Bürgerkriegs in Syrien und auf die Einrichtung einer Übergangsregierung ohne Assad einzuwirken. Militärisch sei der Konflikt nicht zu lösen, sagt Kerry bereits seit Monaten. Eine schnelle politische Lösung allerdings ist auch unwahrscheinlich geworden, seit Assad laut darüber nachdenkt, demnächst wieder zu den Präsidentschaftswahlen anzutreten. Und nun hat auch noch der Streit über die Teilnahme des Irans an der Konferenz die Aussichten auf erfolgreiche Verhandlungen am Genfer See weiter verdüstert.

Atom-Deal ist wichtiger als Syrien

Zwar hat die US-Regierung mit ihrem harschen Protest den Generalsekretär der Vereinten Nationen Ban Ki Moon dazu gebracht, den Iran überraschend wieder von der Konferenz auszuladen. Doch dürfte das nur ein diplomatisches Manöver gewesen sein, damit die Konferenz überhaupt stattfindet. Die syrische Opposition hatte schließlich mit einem Boykott gedroht, sollten Iraner am Verhandlungstisch sitzen.

Russlands Außenminister Sergej Lawrow bezeichnete die Ausladung Irans am Mittwoch jedenfalls als Fehler. Und Irans Außenminister Mohammed Dschavad Sarif sagte, es sei bedauerlich, dass Ban Ki Moon seine Einladung „unter Druck“ wieder zurückgezogen habe und nicht den Mut habe, die „wirklichen Gründe“ dafür zu nennen. Sein Vize Abbas Araktschi verbreitete derweil, die Chancen, dem Syrien-Konflikt auf der Konferenz ein Ende zu setzen, seien in Abwesenheit des Iran gering und das wisse die ganze Welt.

Langfristig haben Kerry und Obama aber ein großes Interesse daran, den Iran nicht allzu sehr zu verprellen. Aus US-Sicht ist der Atom-Deal mit Teheran allemal wichtiger als der syrische Konflikt. Nahost-Experten wie Michael Doran und Max Boot, die in Washingtoner Denkfabriken arbeiten, glauben, dass Obama und Kerry von einem diplomatischen Meisterwerk träumen. Der US-Präsident und sein Außenminister wollten mit Teheran das erreichen, was Richard Nixon vor 40 Jahren mit Peking gelang: eine Annäherung, die einen jahrzehntelangen Quasi-Kriegszustand beendet. Folgen soll dann die Zusammenarbeit von Groß- und Regionalmächten (USA, Russland, EU und eben Iran), um den gesamten Nahen Osten zu stabilisieren.

Aus US-Sicht wäre diese Aussicht sehr verlockend. Sie würde langfristig die USA aus der selbst auferlegten Pflicht nehmen, sich in jede Krise im Nahen Osten einzumischen. Auch könnten der Iran und seine schiitischen Verbündeten als mögliche Partner im Kampf gegen sunnitische Extremisten agieren. Vorbild ist dabei der Irak, wo sowohl der Iran als auch die USA den schiitischen Ministerpräsidenten stützen. Auch ein Ende des syrischen Bürgerkrieges dürfte ohne den Iran, der Assad bislang stets zu Hilfe geeilt ist, nicht gelingen. Eine Annäherung an Teheran könnte helfen, so heißt es in Washington, Afghanistan zu stabilisieren, wenn Ende dieses Jahres die internationalen Kampftruppen abziehen. Und US-Unternehmen würden nach Jahrzehnten wieder einen Zugang zu einem der größten Märkte in der Region erhalten. Im rohstoffreichen Iran leben mehr als 75 Millionen Menschen.

Es fehlt ein gemeinsamer Gegner

Ein Problem an dieser strategischen Neuausrichtung ist, dass Washington mit erbittertem Widerstand aus Israel und Saudi-Arabien rechnen müsste, die bislang zu den engsten Verbündeten der USA in der Region zählen. Vor allem aber müsste der Iran mitspielen. Das jedoch scheint derzeit noch nur ein Wunsch zu sein. Die Nahost-Experten Doran und Boot glauben, dass eine Wiederholung des Nixon-Meisterstücks schon deswegen ausgeschlossen sei, weil der Iran und die USA keine gemeinsamen Gegner haben. Mao habe in den 70er Jahren die Sowjetunion als Bedrohung für sein Land empfunden und damit eine Allianz mit den kapitalistischen Imperialisten aus den USA gerechtfertigt.

Teheran dagegen hat bislang nicht erkennen lassen, dass es dem historischen Beispiel Chinas folgen möchte. Am Dienstag entsandte die Islamische Republik zum ersten Mal in ihrer Geschichte zwei Kriegsschiffe in den Atlantik – ein Signal der außenpolitischen Stärke. Und erst vor ein paar Tagen beschrieb US-Außenminister Kerry frustriert die Rolle Teherans in Syrien mit diesen Worten: Kein anderes Land stelle so viele Kämpfer in Syrien wie der Iran.