WASHINGTON - Wendy Davis redete schon acht Stunden lang, und acht Stunden lang tobte schon die Twitter-Gemeinde. Da ließ sich auch das Netzwerk „Organizing for Action“ vernehmen. Die offizielle Unterstützertruppe des US-Präsidenten schickte eine Botschaft durch das Netz nach Texas. Im Namen von Barack Obama hieß es darin: „In Austin geschieht etwas Besonderes. #UnterstütztWendy.“

Es sollte aber noch gut drei Stunden dauern, bis ein spektakuläres Schauspiel im Senat des US-Bundesstaates sein Ende fand. Das Abtreibungsrecht in Texas wird vorerst nicht verschärft. Wendy Davis, eine 50 Jahre alte Senatorin von der demokratischen Partei, verhinderte das mit einem sogenannten Filibuster. Das ist Dauerrede, die Abstimmungen verzögern soll.

Davis ist in Texas seit vielen Jahren als Befürworterin eines liberalen Abtreibungsrechts bekannt. Die Tochter einer allein erziehenden Mutter wurde bereits im Alter von 19 Jahren selbst zur allein erziehenden Mutter. Das Bestreben der republikanischen Mehrheit im Senat von Austin, Abtreibungen nach der 20. Schwangerschaftswoche zu verbieten und vor allem die 42 Abtreibungskliniken in Texas durch eine besondere Verordnung faktisch zum Schließen zu zwingen, musste Wendy Davis geradezu als Herausforderung begreifen.

Die blonde Frau, die erstes Mitglied ihrer Familie eine Universität besuchen konnte und einen Jura-Abschluss aus Harvard besitzt, hatte sich gewissenhaft auf die Strapazen des Filibusters vorbereitet. In Texas dürfen Parlamentarier, die zur Dauerrede antreten, nicht sitzen, nicht essen, nicht zur Toilette gehen. Sie müssen stehen und reden. Der Bequemlichkeit halber trug Wendy Davis zur cremefarbenen Kostümjacke also Turnschuhe in pink.

Stundenlang wetterte die Senatorin gegen die Pläne der Republikaner an. Dreimal glaubte der konservative Senatspräsident, Wendy Davis bei einem Verstoß gegen die Filibuster-Regeln erwischt zu haben. Kurz vor Mitternacht am Dienstagabend gab Davis auf, und die konservativen Abgeordneten versuchten noch schnell, eine Abstimmung auf den Weg zu bringen. Denn genau um Mitternacht endete die festgelegte Frist zur Verabschiedung des Gesetzes.

Was dann geschah, ist etwas unklar. Auf der Besuchergalerie des Senatsgebäudes jedenfalls brach Tumult aus. Hunderte von Abtreibungsbefürwortern protestierten lautstark. Im Plenum reklamierten die Republikaner zunächst den Sieg für sich, räumten aber später ein, dass die Abstimmung tatsächlich erst nach Mitternacht stattgefunden habe.

David Dewhurst, der Vizegouverneur von Texas, sagte, ein renitenter Mob habe mit der Taktik von Occupy Wall Street ein Gesetz zum Schutz von Frauen und Babys verhindert. Wendy Davis sagte nur, dass sie sehr müde sei und ihre Füße schmerzten. Aber sie lächelte dabei das Lächeln einer Siegerin.

Wie lange das Hochgefühl andauern wird, einen Kulturkampf vorerst gewonnen zu haben, ist noch unklar. Wendy Davis könnte schon bald wieder Gelegenheit zu einem Filibuster bekommen. Denn die Republikaner wollen das Gesetz demnächst erneut zur Abstimmung stellen.