Josef Stalin und Franklin D. Roosevelt hatten höchsten Respekt voreinander. Das Verhältnis des sowjetischen Diktators zum nächsten US-Präsidenten Harry S. Truman war dagegen unterkühlt. Nikita Chruschtschow konnte mit dem jungen John F. Kennedy nichts anfangen. Der Autonarr Leonid Breshnew kutschierte Richard Nixon höchstpersönlich durch Moskau. Michail Gorbatschow flanierte mit Ronald Reagan über den Alten Arbat, den Fußgängerboulevard in der damals sowjetischen Hauptstadt.

Barack Obama und Dmitri Medwedew trafen sich vor fünf Jahren in einem gewöhnlichen Burger-Laden in Washington zum Lunch. Unvorstellbar ist, dass es ein Treffen in entspannter Atmosphäre auch mit Wladimir Putin geben könnte. Auch am Montag in New York herrschte eine eisige Atmosphäre. Woran liegt das?

1. Obama und Putin haben unvereinbare Vorstellungen von der Weltordnung

Putin ärgert es, dass Obama nicht auf den greisen Metternich-Verehrer und früheren US-Außenminister Henry Kissinger (92) hört. Dessen Vorstellungen von einer Aufteilung der Welt in Einflusssphären der Großmächte, in die die jeweils anderen sich nicht einmischen, ist dem russischen Präsidenten sehr nahe. Sie hat aus seiner Sicht zwei Vorteile: Russland und die USA begegnen sich in Augenhöhe in dieser Welt, die zudem stabil ist, weil klare Rangordnungen zwischen Großen und Kleinen herrschen.

Obama hält Putin für einen Mann von gestern, ja von vorgestern, der die Welt zurück auf alte Wege führen möchte. Für den US-Präsidenten ist Russland längst keine Weltmacht mehr, allenfalls noch eine Regionalmacht. Doch durch Störmanöver gelingt es Putin immer wieder, Obama von seinem erklärtermaßen wichtigsten Ziel abzuhalten: der strategischen Neuausrichtung der USA auf China und den asiatisch-pazifischen Raum

2. Obama und Putin verbindet eine gegenseitige emotionale Abneigung

Obama hält Putin für einen Hinterhofschläger, für vulgär und ungehobelt. Belege dafür sind für den US-Präsident beispielsweise Äußerungen Putins zu den tschetschenischen Separatisten wie diese: "Wir werden sie wie Ratten vernichten und bis auf die Scheißhäuser verfolgen." Nicht auszuschließen ist auch, dass Obama Putin für einen Rassisten hält. Aus seiner Xenophobie macht der russische Präsident jedenfalls kaum einen Hehl.

In Putins Augen ist Obama ein schwacher Führer, völlig unfähig seine zentralen politischen Ziele mit der notwendigen Energie durchzusetzen, weil er zu weich ist. In Interviews betonte der russische Präsident mehrfach seine Bewunderung für die Amerikaner, aber Obama ist in seinen Augen unwürdig, sie zu führen.

3. Obama und Putin glauben einander kein Wort

Für Obama klingen die Worte Putins von der Achtung für die USA offensichtlich hohl. Er sieht in Putin vor allem den Menschen, der aufgewachsen ist in einer Kultur der Lüge - und mehr noch, der als Offizier des sowjetischen Geheimdienstes KGB professionell ausgebildet ist für Lüge und Verstellung.

Putin erträgt Obamas Art nicht, Lektionen in Gutmenschentum zu erteilen und anderen Staaten Verhaltenszensuren zu erteilen. Deshalb ist er selbst seit längerem dazu übergegangen, den USA seinerseits Lektionen zu erteilen. Vor allem aber sieht Putin in Obamas Auftreten den Versuch, überall die bestehende, in seinen Augen legitime Ordnung zu zerstören und Regimewechsel - letztlich auch in Moskau - herbeiführen zu wollen.

4. Obama und Putin stehen sich bei ihren Ambitionen im Weg

Aus Putins Sicht hat Obama ihm durch einen von Washington aus organisierten und finanzierten Staatsstreich in der Ukraine die Stimmung bei den Olympischen Winterspielen verdorben. In dieses Prestigeprojekt hatte der russische Präsident einen zweistelligen Milliardenbetrag investiert. Doch die Aufmerksamkeit lag weniger auf den überwältigenden Erfolgen der russischen Sportler, als auf den Ereignissen in der Ukraine. Der Handstreich zur Annexion der Krim war Putins Antwort.

Aus Obamas Perspektive war die Leichtigkeit von Putins Krim-Operation faktisch eine Erniedrigung. Sie demonstrierte die Unfähigkeit der Weltmacht USA, einem offensichtlich zu allem entschlossenen Gegner eine adäquate Antwort entgegenzusetzen. Stattdessen soll die US-Regierung Kiew sogar geraten haben, den Verlust der Halbinsel hinzunehmen.

5. Obama und Putin erwarten nichts mehr voneinander

Obama hatte Putins Vorgänger Medwedew 2009 vorgeschlagen, Misstrauen und die alte Rivalität über Bord zu werfen und einen Neustart der Beziehungen zu wagen. Dass hatte sich mit dem Beginn der dritten Amtszeit Putins rasch erledigt. Der US-Präsident hegt 400 Tage vor seinem Abgang von der politischen Bühne keinerlei Illusionen, dass er als ein Präsident in die Geschichte eingeht, der das Verhältnis zu Russland entspannt hat.

Putin muss nur noch abwarten, dass Obamas Zeit abgelaufen ist. Es spricht einiges dafür, dass er mit einem Donald Trump besser könnte. Schließlich ähnelt der in vielem Silvio Berlusconi, der mit Putin nicht nur in Lippenbekenntnissen, sondern wirklich persönlich befreundet ist.