Du hast keine Haare", sagt der fünfjährige Junge, der sich vor der Frau mit der Glatze aufgebaut hat. "Nein", antwortet sie, "mein Körper kämpft gerade gegen eine Krankheit, und deshalb hat er keine Zeit, sich um die Haare und Wimpern zu kümmern." Aus den Augenwinkeln sieht Uta Melle, wie die Mutter des Jungen blass wird. Aber die nächste Frage kommt, bevor sie eingreifen kann: "Und Brüste hast du auch keine mehr, hat Marlene mir erzählt." "Stimmt", antwortet Uta Melle, "da war eine Krankheit drin, und deswegen mussten die weg." Der Junge nickt und mischt sich wieder unter die anderen Gäste des Kindergeburtstages.Fast zwei Jahre ist die Begegnung her, Uta Melle war mitten in der Chemotherapie. Sie erinnert sich noch gut an die strafenden Blicke, die Leute auf dem Spielplatz oder auf der Straße ihr zuwarfen, weil sie ihre Glatze nicht unter einem Tuch oder einer Perücke verbarg. "Bei Krebs geht es eben um Urängste", sagt sie, "mit denen ist man nicht gerne konfrontiert."Ihre Haare sind nachgewachsen. Bei einigen sehen sie nach der Chemotherapie ganz anders aus als vorher. Heller oder dunkler, glatt statt lockig oder andersherum. Bei Uta Melle sind die dunklen Locken mit ein paar grauen Strähnen zurückgekommen. Entspannt sitzt die 42-Jährige zu Hause am Küchentisch ihrer Wohnung in Prenzlauer Berg, hat ihre langen Beine über eine Stuhllehne gehängt."Wir sind überall", sagt sie. Mehr als 57000 Frauen erkranken in Deutschland pro Jahr neu an Brustkrebs. Es ist die häufigste Krebsart bei Frauen und die häufigste Todesursache der Dreißig- bis Sechzigjährigen. Jede zehnte Frau bekommt im Laufe ihres Lebens Brustkrebs. "Es ist eine Volkskrankheit", sagt Uta Melle, "da kann man nicht immer nur verdrängen."Der Wunsch, etwas gegen das Weggucken zu tun, ließ sie nicht mehr los, langsam nahm eine Idee in ihrem Kopf Gestalt an. Nach längerer Suche über das Internet versammelte sie im vergangenen Sommer neunzehn Frauen aus ganz Deutschland zu zweitägigen Fotoaufnahmen in Berlin. Sie sind verheiratet, ledig oder leben getrennt. Einige haben Kinder. Sie wohnen in Berlin, in süddeutschen Kleinstädten und im Ruhrgebiet. Die Jüngste von ihnen ist 37, die Älteste 54 Jahre alt. Heraus kam ein Bildband, der "Amazonen" heißt. Druckfrisch liegt er vor Uta Melle auf dem Tisch, sie blättert ein bisschen darin.Nebel wabert durch den Hof einer Fabrikhalle. Die Frauen tragen Bademäntel. Sie haben sie aufgerissen und posieren mit nackten Oberkörpern. Einige Frauen haben noch eine Brust, andere haben wieder aufgebaute oder gar keine Brüste, so wie Uta. Sie lachen und flirten mit der Kamera.Wiederaufbau oder brustlos bleiben? Das ist die Frage, die sich einer Frau nach der Amputation stellt. Uta Melle war der Ansicht, dass sie auch ohne ganz gut zurechtkommen würde. "Genant war ich noch nie", sagt sie, "und obwohl meine Brüste wirklich schön waren, finde ich mich auch ohne sie durchaus attraktiv." Aber ganz ohne die Meinung ihres Mannes wollte sie diese Entscheidung nicht treffen. Er antwortete in Form einer Zeichnung, eine Amazone ohne Brüste war darauf zu sehen und drei Worte: Klarheit, Wahrheit, Schönheit.Auch um das Verständnis von Schönheit geht es für die Frauen - gerade beim Fotoprojekt. Braucht man zwei Brüste, um sich schön und weiblich zu fühlen? Amazonenvolk nennt Uta Melle die Frauen auf den Fotos liebevoll. "Genau wie in anderen Völkern gibt es im Amazonenvolk ganz verschiedene Typen und Persönlichkeiten, ich wollte, dass jeder Betrachter beim Anschauen an eine Frau denken muss, die ihm nahe steht."Einen Speer und einen Helm trägt Elena zum freien Oberkörper, ihre brustlose rechte Seite hat sie der Kamera zugewandt. Ruhig und majestätisch blickt sie in die Ferne. Elisabeth fährt sich lasziv durchs Haar, und Lina räkelt sich selbstbewusst auf dem Sofa. Für Uta Melle sind die Fotos der Beweis, dass Schönheit nicht in einer oder zwei Brüsten steckt.Auf einigen Fotos posiert Uta zusammen mit ihrem Lebenspartner. Er hat das Projekt, für das die Fotografinnen Esther Haase und Jackie Hardt und viele Helfer unentgeltlich arbeiteten, weil sich kein Sponsor fand, auch finanziell mit unterstützt.Als Uta Melle am 3. April 2009, drei Tage vor ihrem vierzigsten Geburtstag die Diagnose Brustkrebs bekommt, liegt ihre Mutter gerade im Sterben - sie hat nach zwanzig Jahren den Kampf gegen den Brustkrebs verloren. Uta Melle erzählt ihr nichts mehr von der eigenen Diagnose. Zum Geburtstag hat sie von Jackie Hardt, mit der sie befreundet ist, ein Aktfoto-Shooting bekommen. Das nutzt sie nun, um ihre Brüste festzuhalten und sich gleichzeitig von ihnen zu verabschieden. Dann lässt sie beide abnehmen. Der Tumor sitzt nur in einer, aber sie weiß, wie tückisch der Krebs sein kann. Und sie informiert die Kindergärtnerinnen ihrer kleinen und die Schule ihrer großen Tochter.Marlene und Matilde, damals fünf und sieben Jahre alt, wissen, dass die Brüste weg müssen, damit ihre Mutter weiterleben kann, und sie erzählen es auch ihren Freunden. "Wir haben alles so erklärt, wie Kinder es verstehen. Der feste Zugang unterhalb meines Halses, durch den die Chemo-Lösung lief, war für sie das Trojanische Pferd, das Soldaten für den Kampf gegen die Krankheit in den Körper schmuggelt."Uta Melle möchte ihre Freunde auf dem Laufenden halten. Genau dokumentiert sie ihre Behandlung, fotografiert sich fast jeden Tag selber und veröffentlicht die Alben bei Facebook. Tag für Tag kann Uta Melle ihre Arme ein kleines Stück höher heben, weil die Narben nicht mehr so spannen, dann bringen die aggressiven Medikamente wieder alles durcheinander. Sie rauben allen Elan, machen Beulen und lassen Wunden wieder aufgehen, bis sie sich irgendwann endlich wieder schließen. Aufs und Abs, kleine Fortschritte und Rückschläge, können die Freunde so mitverfolgen.Um zu sehen, ob sie doch neue Brüste braucht, macht sie direkt nach der Chemotherapie und mit Glatze noch einmal Aktfotoaufnahmen. Schön sieht sie aus - gestylt als Engel, als David Bowie und Madonna, und sie beschließt endgültig, so zu bleiben, wie sie ist."Nur manchmal vermisse ich meine Brüste", sagt sie, "vor allem beim Sex." Auch Klamotten einkaufen sorgt immer mal wieder für Frust, weil viele Oberteile so abgenäht sind, dass sie nur mit etwas Oberweite richtig sitzen. Es gibt aber auch positive Nebeneffekte. "Früher hat meine Fahrradkuriertasche immer an einer Brust gescheuert, heute liegt sie perfekt an, amazonenmäßig eben."Uta Melle geht es heute gut. "Zurzeit stimmt alles", sagt sie. Als geheilt betrachtet sie sich aber nicht. "Man sagt, dass die Patienten es nach acht Jahren ohne Rückfall geschafft haben, aber ich kenne zu viele Frauen, bei denen die Krankheit auch später noch wiedergekommen ist.Vor der Krankheit hat sie ihre Karriere genau geplant, viel gearbeitet, in der Werbung. Das geht jetzt nicht mehr. Richtig gesund und belastbar ist sie nicht. Sie muss Medikamente nehmen, ist oft erschöpft und durch das Entfernen der Eierstöcke schlagartig in die Wechseljahre versetzt worden. Aber Uta Melle möchte ihr altes Leben auch gar nicht zurück. Es gefällt ihr, jetzt jeden Tag neu anzugehen. Sie verbringt viel mehr Zeit als früher mit ihrem Mann und ihren Töchtern, die während der Chemotherapie zurückstecken mussten.Sie sagt, sie sei zielstrebiger geworden beim Umsetzen der Träume, weil sie nicht weiß, ob sie sehr alt wird. "Vor meiner Krankheit habe ich immer gedacht: Irgendwann will ich mal raus ins Grüne ziehen. Jetzt haben wir angefangen, nach einem Häuschen Ausschau zu halten.Sie möchte künftig andere darüber informieren, wie es wirklich ist, Brustkrebs zu haben, in Schulen oder Arztpraxen, überall dort, wo sich Menschen mit der Krankheit auseinandersetzen wollen. Und allen möchte sie am liebsten laut zurufen: "Hab keine Angst, es gibt ein Leben nach dem Brustkrebs, und es gibt ein Leben damit."------------------------------Foto: Uta Melle im vergangenen Jahr beim Fotoshooting. Die Haare sind nach der Chemotherapie wieder gewachsen, die Brüste ließ sie nicht aufbauen.