BERLIN, 10. Mai. Die Einschätzung ihrer möglichen nächsten Gegnerin entlockte Miriam Schnitzer ein nervöses Lachen. Sie habe keine Ahnung, wie sie gegen Venus Williams agieren solle, sagte Miriam Schnitzer, Nummer 182 der Weltrangliste. "Ich sehe mir jetzt ihr Match an, und dann werde ich versuchen, mich auf dem Platz nicht zu verstecken." Miriam Schnitzer verkehrt gewöhnlich nicht in den Kreisen der Tennis-Millionärinnen. Sie spielt für Bocholt in der Bundesliga, und ihr letzter Titel war der einer deutschen Hallenmeisterin. Die Amerikanerin Venus Williams hat sie in ihrem Berufsleben bislang nur flüchtig kennen gelernt. Die Konversation beschränkte sich auf ein knappes "Hallo". Henin nutzt ihre GelegenheitDie Bekanntschaft wird sich bei den German Open in Berlin nicht vertiefen. Denn nicht Venus Williams, die Weltranglisten-Zweite, rückte ins Viertelfinale der mit 1,18 Millionen Dollar dotierten Veranstaltung gegen Schnitzer vor, sondern Justine Henin, eine 18-jährige Belgierin, derzeit die Nummer achtzehn der Welt. Henin gelang es am Donnerstag, Williams die dritte Saisonniederlage beizubringen, sie schlug zu, als sich die Gelegenheit bot, 6:1 und 6:4. Im Gegensatz zu Martina Hingis, die ihr Achtelfinale gegen die Französin Nathalie Dechy leicht gewann (6:3, 6:1), zeigte Venus Williams eine erstaunlich unkonzentrierte Vorstellung auf dem Center Court am Hundekehlesee. Was nicht nur an ihren Schnürsenkeln lag, die die Angewohnheit hatten, sich in den merkwürdigsten Momenten zu lösen. Als Justine Henin sich den zweiten Matchball erkämpfte, musste sie warten, bis Williams sich gebückt hatte, um die Schuhe zu binden. Viel sei ihr wirklich nicht gelungen, gab Williams, die Wimbledon- und US-Open-Siegerin, später zu. Selbst beim Ballwurf hatte sie Probleme. Matchball drei und vier servierte Williams ihrer Gegnerin per Doppelfehler. Ein Gutes hat die Niederlage jedoch. Die Amerikanerin kann früher als geplant nach Florida zurückreisen, um sich auf gewohntem Terrain auf die French Open, den Frühjahrsklassiker im Tennis, vorzubereiten. Das Turnier in Hamburg, das sie am Sonntag gewonnen hatte, und die beiden Matches in Berlin genügen ihr als Vorbereitung auf die Sandspiele im Stade Roland Garros: "Ich habe gern eine kleine Pause vor Paris", sagte sie: "Vier Wochen in Europa sind doch ein wenig lang." Für die Italian Open kommende Woche hatte sie schon am Montag ein Attest nach Rom geschickt. Sie plagt sich mit einer Verletzung im linken Knie, wovon ein schmaler Tapeverband kündet.Henin glaubte ebenfalls, dass Williams "vielleicht nicht ihr bestes Tennis" spielte. Ihren Sieg schmälert das nicht. Die Belgierin gilt als eines der größten Talente, und mit ihrer Rückhand kann sie zaubern: Der Ball fliegt, segelt oder schwebt, wohin sie will, und sein Ziel verfehlt er nie. Henin hat zu Jahresbeginn zwei Turniere in Australien gewonnen, und ihre Saisonbilanz ist nur ungleich schlechter als die von Williams: 24 Siege, 7 Niederlagen. Dass für Miriam Schnitzer die Aufgabe nun leichter geworden wäre, nur weil an diesem Freitag nicht Williams, sondern Henin ihr gegenübertritt, lässt sich nicht behaupten. Miriam Schnitzer, 24 Jahre alt, hatte in der zweiten Runde die an Nummer sieben gesetzte Französin Nathalie Tauziat aus dem Turnier befördert, im Achtelfinale besiegte sie die Tschechin Denisa Chladkova, der sie vorige Woche noch unterlegen war. Sie wisse, sie könne "mithalten mit den Großen". Nur fehle ihrem Spiel die Konstanz. Justine Henin jedenfalls war gewarnt: "Sie ist die Überraschung des Turniers." Nähere Bekanntschaft wird am Freitag gemacht.

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