Das teure Hörspielstudio des DDR-Rundfunks in Oberschöneweide dient kaum noch seiner Bestimmung. Das Aufnahmestudio, in dem der ORB bis vor kurzem noch produzierte, hält sich über Wasser, in dem es die Räume "zweckentfremdet" vermietet. Gerade proben hier zwei bekannte Bühnenkünstlerinnen der DDR eine Revue für eine lange Theatertournee quer durch Westdeutschland, Österreich und die Schweiz. Aufgezeichnet werden auf Band oder CD dürfen die Songs, Lieder, Szenen und Gedichte von Brecht aber nicht, denn das hat seine Tochter ausdrücklich untersagt. Links hinten sitzen vier junge Musiker: Keyboard, Trompete, Percussion, Saxophon, Flöte, Schlagzeug. Durch den mit teurer Elektronik ausgestatteten schallisolierten Raum zieht sich eine Brecht-Gardine. Sie steht halb offen. Der 68jährige Theaterregisseur Manfred Wekwerth, der bis 1990 das Berliner Ensemble leitete und Präsident der Akademie der Künste der DDR war, schließt sie höchst eigenhändig, denn für einen Regieassistenten hat die Truppe, die für Auftritte in 75 kleinen, mittleren und großen Städten probiert, kein Geld. Wekwerth spricht beim Vorhangzuziehen die Worte "Na, da wollen wir Papa mal zurechtzupfen". Spielerlaubnis erteilt"Papa" ist das allgemeine Kosewort, es klingt hier und heute besonders liebevoll, vielleicht weniger ironisch als sonst, weil die Brecht-Tochter Barbara Schall diesmal ganz ohne das bekannte lange Federlesen zügig und "freundlichst" gestattet hatte, die Brecht-Texte auf der Bühne zu spielen, genau so, wie Wekwerth sie zusammenstellte. Auf der improvisierten Bühne rüsten sich die Ost-Schauspielerinnen Vera Oelschlegel und Renate Richter, die zu DDR-Zeiten niemals miteinander auf der Bühne standen, die Westprovinz zu erobern, mit Texten "von Papa". Die "Oelschlegel" leitete früher das finanziell vorzüglich ausgestattete, künstlerisch experimentierfreudige Theater im Palast der Republik. Die "Richter" spielte am Berliner Ensemble große Rollen in der Nach-Weigel-Zeit. Das realsozialistische "Theaterlexikon" von Christoph Trilse nennt sie eine "profilierte Darstellerin vorwiegend revolutionärer Gestalten". In der berichtigten Nachwendeauflage desselben Autors kommt die Schauspielerin nicht mehr vor.Vera Oelschlegels Tourneebühne "Theater des Ostens" reist durch Städte, die sich eine Einladung finanziell leisten können, sie liegen fast alle westwärts. Sie spielt in Itzehoe, Hameln, Minden, Augsburg das Brecht-Programm "Denn wie man sich bettet, so liegt man oder Was kostet die Welt". Premiere ist in Schweinfurth.Vorhang aufJetzt geht der Vorhang auf und die Zwei-Stunden-Revue los, in der die Damen Oelschlegel und Richter hoch ihre Beine werfen, öfter als die Städte die Hüte wechseln, Handtaschen schwenken, vor allem aber ganz wunderbar singen. Zum Beispiel den "Moon of Alabama", der, um Tantiemen zu sparen, in der Komposition von Brecht vorgetragen wird ­ die klingt einfacher, volksliedhafter als die von Weill. Gerade unterbricht Wekwerth den "Strahlenden Azur" und meint mit Brecht: "Glotzt nicht so romantisch". Wir hören noch das Lied "Von der belebenden Wirkung des Geldes", den "Kanonen-Song", die "Ballade zum § 218", "Erinnerung an die Marie A." und zum Schluß die "Moritat von Mackie Messer". Die beiden singenden, tanzenden Schauspielerinnen zeigen, daß Brecht vor allem eines ist: amüsant. Professor Wekwerth hat in Papas Spruchbeutel natürlich das passende Zitat gefunden, das die Revue rechtfertigt. "Das vornehmste Geschäft des Theaters ist die Zuschauer zu unterhalten und zwar in adäquater Weise."Die Truppe ist abgereist. In Berlin gastiert sie zum Schluß: am 21. Mai im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt. Alle Achtung.