KARLSHORST. Der Wechsel auf die andere Straßenseite ist wie eine Reise in die Vergangenheit. Rechts kleine, sanierte Einfamilienhäuser, links ein prächtiger alter Bau. Die Zufahrt ist versperrt, die rot-weiße Farbe am Schlagbaum blättert ab, Moos überzieht das Kopfsteinpflaster. Das Gebäude, von 1954 bis 1991 die Deutschland-Zentrale des sowjetischen Geheimdienstes KGB, ist das Ziel eines Spaziergangs der besonderen Art. Der Kunsthistoriker Hans-Michael Schulze bietet Stadtspaziergänge an. Er erzählt Leuten, welcher DDR-Politiker wo am Majakowskiring in Pankow wohnte oder wie die Staatssicherheit ihre Mitarbeiter rund um den Obersee in Hohenschönhausen unterbrachte. Schulzes neueste Tour "Berliner Kreml" führt durch Karlshorst. Vorbei an hübschen Villen, an Ein- und Zweigeschossern, leerstehenden Häusern und schmucklosen Dienstgebäuden, Ruinen und Kasernengebäuden.Etwa tausend Grundstücke umfasst das Areal, das von der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) und später vom KGB in Anspruch genommen wurde. Von dort aus wurden politisch unbequeme Personen in der sowjetischen Besatzungszone verfolgt. Aus Karlshorst kam 1953 auch der Befehl, gegen die aufständischen Arbeiter mit Panzern vorzugehen - denn dort hatte auch die Sowjetische Kontrollkommission ihren Sitz.Das Haus, das einst von der Wehrmacht als Schule genutzt und später SMAD- und KGB-Verwaltung wurde, ist noch in einem bemerkenswert guten Zustand. Hans-Michael Schulze war vor einigen Monaten selbst dort drin. Viel fand er in den leeren Büros nicht mehr. Ein paar Hinweisschilder mit kyrillischen Buchstaben hat er mitgenommen und Inventurlisten. "Die ermöglichen mir zumindest ein Bild zu erstellen davon, wie es einst in den Büros aussah." Auffällig waren nur die Fußböden. "Da müssen nach dem Abzug der Russen Leute nach doppelten Fußböden gesucht haben."Ein Casino für OffiziereImmer kommen zu Schulzes Führungen auch Leute, die Karlshorst noch in unangenehmer Erinnerung haben. "Menschen, die dort eingesperrt waren, ohne zu wissen, wo genau sie sich befanden", sagt er. Schulze erzählt von einem Gefängnis in einem Wohnhaus. Neben dem KGB hatte auch der Geheimdienst der Sowjetarmee Häuser in Karlshorst beschlagnahmt. "Weil die sich nicht gegenseitig über den Weg trauten, zogen sie zwischen den Gebäuden Mauern", sagt Schulze. Noch heute stehen die Betonzäune, darauf befinden sich Metallaufsätze - das waren Sensoren, die jeden Eindringling meldeten. Karlshorst, das hat Schulze schnell herausgefunden, war für die Sowjets ideal. Die Häuser haben im Krieg kaum Schäden davon getragen. Mit dem Einzug der Russen mussten 8 000 Menschen, die dort bis 1945 wohnten, ihre Wohnungen verlassen. Die Sowjets bauten unter dem Dach der SMAD von Karlshorst aus die Infrastruktur in der DDR auf und richteten sich ein in dem Stadtteil. Neben einer Schule gab es ein Warenhaus und ein Theater, ein Casino für die Offiziere. Es gab Restaurants, eine Bank, ein Kino. Agenten, deren Enttarnung im Ausland drohte, kamen dann in Karlshorst unter. Von dort aus wurde auch die Spionage in westlichen Ländern mit vorbereitet.Bis 1963 war Karlshorst hermetisch abgeriegelt, hat Hans-Michael Schulze bei seinem Aktenstudium herausgefunden. Im Laufe der Zeit wurde der Sperrkreis kleiner. In etliche Häuser zogen wieder Zivilpersonen. Vereinzelte Gebäude gehörten weiter den Geheimdiensten. Auch dahin führen Schulzes Spaziergänge. Unter anderem zum Gebäude in der Königswinterstraße 3, heute ein ganz gewöhnliches Wohnhaus. Dort brannte zu DDR-Zeiten abends nie Licht, auch das Flimmern eines Fernsehers wurde von den Nachbarn vermisst - das Haus war ein konspiratives Objekt, in dem sich Agenten mit Offizieren trafen.------------------------------Militär-Städtchen // Kriegsende: Am 3. Mai 1945 marschierten sowjetische Truppen in Karlshorst ein und besetzten die Wohnhäuser von schätzungsweise 8 000 Menschen. In der einstigen Wehrmachtsschule an der Zwieseler Straße entstand die Zentrale der Sowjetischen Militäradministration (SMAD). Im benachbarten Offizierskasino wurde am 8. Mai 1945 die Kapitulation Deutschlands unterzeichnet. Sperrzone: Rund 200 Hektar zwischen dem Bahndamm an der Stolzenfelsstraße, der Eisenbahnstrecke am Gregoroviusweg und der Treskowallee gehörten zu den Sperrzone. Ab 1963 wurde sie erheblich kleiner. Vor dem Abzug der Russen waren noch 15 Häuser am Bodenmaiser Weg und der Köpenicker Allee von dicken Mauern umgeben.Hauptnutzer: Nach der Auflösung der Sowjetischen Militäradministration übernahm der Geheimdienst KGB die Wehrmachtsschule in der Zwieseler Straße. In Karlshorst befand sich die größte ausländische Dependance, auch Residentur genannt. Dort waren etwa 600 Mitarbeiter beschäftigt. Der KGB wurde 1991 aufgelöst.Führungen: Die nächste Führung "Berliner Kreml" findet am 25. April statt. Treffpunkt ist um 10 Uhr am S-Bahnhof Karlshorst. Informationen unter Tel. 283 58 80.------------------------------Foto: Die so genannte Festungspionierschule in der Zwieseler Straße war ab 1954 die KGB-Zentrale in der DDR.