BERLIN. Die deutschen Sozialkassen stehen in den nächsten Jahren vor einem gewaltigen Personalabbau. "Allein bei den Krankenkassen sind durch die drohende Fusionswelle bis zu 30 000 Arbeitsplätze gefährdet", sagte Verdi-Vorstandsmitglied Isolde Kunkel-Weber der Berliner Zeitung unmittelbar vor einer heute stattfindenden Gewerkschaftskonferenz zu dem Thema in Berlin. Bei den Krankenkassen droht damit jede fünfte Stelle wegzufallen. Einschließlich Rentenversicherung, Berufsgenossenschaften und Arbeitsagentur seien insgesamt über 40 000 Stellen bedroht.Bei den rund 250 Krankenkassen sind der Verdi-Vorstandsfrau zufolge 160 000 Beschäftigte tätig, davon etwa ein Drittel bei Ortskrankenkassen und ein Drittel bei Ersatzkassen. Kunkel-Weber beklagte, dass die Bundesregierung mit der Gesundheitsreform die Tür für kassenübergreifende Fusionen weit aufgestoßen habe. "Ziel von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt ist es, die Zahl der Krankenkassen auf 50 zu senken", sagte sie. "Damit einher geht ein Personalabbau, der auch die Betreuungsqualität der Versicherten deutlich verschlechtern dürfte. Das wollen wir verhindern."Auch Rentenkassen betroffen"Richtig in Schwung kommt das Fusions-Rad, wenn 2009 der Gesundheitsfonds startet", sagte Verdi-Sozialexperte Jochen-Dieter Berking. "Dann wird der Wettbewerb in der gesetzlichen Krankenversicherung im wesentlichen über die Höhe des Zusatzbeitrages ausgetragen, da dieser die einzige Einnahmequelle ist, über die Kassen noch selbst entscheiden dürfen." Dieser Wettbewerb wiederum erhöhe den Druck auf die Kassen, ihre Verwaltungs- und damit Personalausgaben massiv zu senken. Versorgerkassen wie den Ortskrankenkassen, die unter ihren Versicherten eine große Zahl von Leistungsempfängern hätten und die als Kasse über ein wohnortnahes Geschäftsstellen-Netz verfüge, werde das schwerfallen.Um Wildwuchs bei den Kassen-Fusionen zu verhindern, forderte Kunkel-Weber den Gesetzgeber auf, das Zusammengehen an Auflagen zu knüpfen. "Wir erleben, dass unter den Beschäftigten große Untersicherheit herrscht", sagte sie. "Schuld daran ist die Politik. Diese hat elementare Aspekte zu den Fusionen nicht regelt. Hier muss nachgebessert werden." So müssten die Schutzrechte der Krankenkassen-Beschäftigten gewahrt bleiben. "Wir brauchen ordentliche Regelungen zur Geltung von Tarifverträgen und zur Personalvertretung", sagte sie. "Außerdem wollen wir klare Spielräume für Maßnahmen zur Beschäftigungssicherung." Letzteres gelte auch für den Rehabilitationsbereich der Rentenkassen und die Berufsgenossenschaften, bei denen Veränderungen anstehen."Die Rentenversicherung denkt über eine Abspaltung und Privatisierung ihres Rehabilitationsbereiches nach", sagte Kunkel-Weber. Davon betroffen seien rund 6 000 Mitarbeiter. "Wir halten eine Ausgliederung der Rehabilitation für falsch. Nur wenn dieser Bereich bei der Rentenversicherung bleibt, wird der Qualitätsstandard gesichert." Die Gewerkschafterin betonte, dass die rund 100 Reha-Kliniken der Rentenversicherung trotz des hohen Niveaus nicht teurer seien als private Häuser. Es wäre daher schon viel geholfen, wenn diese bei den Einweisungen stärker berücksichtigt würden. Anerkennung zollte Kunkel-Weber den Rentenkassen dafür, dass es diesen bei ihrer Neuorganisation gelungen sei, trotz der Sparvorgaben der Politik beim Personalabbau sozialverträglich vorzugehen. Die Rentenversicherung muss bis 2010 rund zehn Prozent ihrer Verwaltungsausgaben abbauen. Bei den Rentenkassen sind rund 73 000 Beschäftigte tätig, davon könnten Verdi zufolge bis zu 10 000 Stellen wegfallen.Drastische Einschnitte drohen zudem bei den Berufsgenossenschaften. "Hier ist jede fünfte der 26 000 Stellen gefährdet", sagte Kunkel-Weber mit Hinweis auf die von der Regierung geplanten Kostensenkung von 20 Prozent bis zum Jahr 2014. So sollen von 26 gewerblichen Berufsgenossenschaften nur neun übrig bleiben, bei den Landesunfallkassen soll es statt 31 noch 16 geben. "Wir dringen darauf, dass für die bedrohten 5 000 Arbeitsplätze sozialverträgliche Lösungen gefunden werden."Fraglich ist, wie sich die Beschäftigungssituation bei der Bundesagentur für Arbeit entwickelt. "Es gibt Tendenzen, einzelne Leistungsbereiche aus der Agentur auszugliedern", sagte Kunkel-Weber. "Der Aufschwung am Arbeitsmarkt erlaubt jetzt, dass sich die Vermittler intensiver um Arbeitssuchende kümmern. Gerade jetzt darf man deshalb nicht an der Beratungsqualität sparen."------------------------------Personal kostet GeldDie Verwaltungskosten sind in den Etats der Krankenkassen ein dicker Brocken. Maßgeblich bestimmt werden die Verwaltungsausgaben von den Personalkosten. Gerade Versorgerkassen wie AOK, Barmer und DAK unterhalten ein enges wohnortnahes Netz an Geschäftsstellen.Mit der Vereinheitlichung des Beitragssatzes können die Kassen künftig nur noch über die Höhe des Zusatzbeitrages selbst entscheiden. Das verschärft den Wettbewerb - und den Personalabbau.------------------------------Grafik: Ausgaben der Krankenkassen nach Bereichen------------------------------Foto: Auswertung von Röntgenaufnahmen: Sparpotenzial im Gesundheitswesen gesucht.------------------------------Foto: Isolde Kunkel-Weber, Verdi-Vorstandsmitglied