BERLIN. Die umstrittene Schweizer Sterbehilfe-Organisation Dignitas will durch einen juristischen Präzedenzfall erreichen, dass Suizidbegleitung in Deutschland künftig straffrei bleibt. Dazu suche man im Großraum Berlin nach einer sterbewilligen Person, sagte der Dignitas-Vorsitzende Ludwig A. Minelli der Berliner Zeitung. "Wir müssen jemanden finden, der selbst und dessen Angehörige bereit sind, das Risiko der Strafverfolgung einzugehen", erklärte Minelli. Die finanziellen Belastungen werde Dignitas übernehmen. Ziel der Sterbehilfe-Organisation ist es Minelli zufolge, die in Deutschland geltende Rechtslage zu ändern: Wer einem todkranken Menschen beim Suizid assistiert, soll sich nicht mehr strafbar machen. Auch wolle man erreichen, dass das für die Suizidhilfe in der Schweiz verwendete Medikament Natriumpentobarbital in Deutschland zugelassen wird. Minelli bestätigte einen Bericht der in Zürich erscheinenden Sonntagszeitung. Der Berliner Arzt Uwe-Christian Arnold, Vizevorsitzender von Dignitate, der deutschen Schwesterorganisation von Dignitas, hatte dem Blatt gesagt, in einem Musterfall, vorzugsweise im Großraum Berlin, solle in den kommenden Monaten durchexerziert werden, wie sich deutsche Richter verhalten. Man hoffe, dass die Richter in der Region beim Thema Freitod-Begleitung aufgeschlossener seien. Minelli bezeichnete dies als "vernunftgemäße Annahme", weil die Kirchen als Hauptgegner der Sterbehilfe keine so bedeutende gesellschaftliche Stellung in Ostdeutschland hätten und ihr Einfluss deshalb nicht so groß sei. Die eigentliche Hoffnung setzt Dignitas aber in die Richter des 5. Strafsenats des Bundesgerichtshofs in Leipzig, der für Revisionen des Kammergerichts Berlin zuständig ist. "Die haben bisher in dieser Frage vernünftige Urteile gefällt", sagte Minelli. In Deutschland ist Sterbehilfe nicht in jedem Fall strafbar. Es besteht aber die Pflicht zur Rettung des Betroffenen. Ein anwesender Arzt muss also Maßnahmen zur Wiederbelebung einleiten, sonst macht er sich strafbar. "Das deutsche Recht zwingt somit dazu, Suizidwillige beim Sterben allein zu lassen", argumentiert Minelli. Das sei "menschenunwürdig". In der Schweiz dagegen habe das Bundesgericht 2006 der Europäischen Menschenrechtskonvention größeres Gewicht gegeben, die das Recht auf Achtung des Privatlebens zusichert und somit das Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben. Bislang schickt der deutsche Dignitas-Ableger, der seit September 2005 ein Büro in Hannover hat, Sterbewillige in die Schweiz. Dort prüft ein Arzt den Sterbewunsch des Patienten. In eigens von Dignitas angemieteten Wohnungen erhalten die Suizidwilligen dann Natriumpentobarbital, das zu Bewusstlosigkeit führt und das Atemzentrum ausschaltet. Dabei werden sie von Sterbehelfern und Angehörigen begleitet. Dignitas musste seine Sterbewohnung in Zürich-Wiedikon allerdings kürzlich nach Protesten von Anwohnern räumen.------------------------------Foto: Ludwig A. Minelli