Verfassungsschutz half Toni Stadler beim Vertrieb von Hass-CD und warnte ihn offenbar: "Aber halt deine Bude sauber"

BERLIN. Toni Stadler, der enttarnte V-Mann des brandenburgischen Verfassungsschutzes, hat vor dem Berliner Landgericht gestanden, dass er mithilfe von Potsdamer Verfassungsschützern illegale Hass-CD verbreiten konnte. Zudem habe er unter den Augen des Verfassungsschutzes ein Bunkerlager mit allerlei verbotenen neonazistischen CD und anderem Propagandamaterial in Cottbus angelegt, sagte der Angeklagte am Dienstag.Die Staatsanwaltschaft wirft dem 28-Jährigen, der in Guben einen einschlägig bekannten Szene-Laden betrieb, Volksverhetzung, Gewaltverherrlichung sowie Propaganda-Delikte vor. So soll er das Booklet für die CD "Noten des Hasses" der Neonazi-Band "White Aryan Rebels" verfasst haben, in dem zum Mord an Prominenten wie Alfred Biolek und Michel Friedman aufrufen wird. Außerdem wird ihm vorgeworfen, in besagtem Lager in der Cottbuser Wilhelm-Külz-Straße massenhaft rechtsextreme Hass-CD und T-Shirts mit Hakenkreuzen gehortet zu haben.Vorwürfe gegen WegesinStadler war mit kurz geschorenen Haaren und einer dunkelroten Kapuzenjacke zum ersten Prozesstag erschienen. Der leicht gedrungene, kleine Mann wirkte nervös, griff häufig zu einer mitgebrachten Wasserflasche.Auf Drängen des Staatsanwalts belastete Stadler seinen V-Mann-Führer mit dem Decknamen "Bartok" schwer - auch der Leiter des brandenburgischen Verfassungsschutzes, Heiner Wegesin geriet ins Zwielicht. Sein V-Mann-Führer habe ihm "Sicherheit gegeben", sagte Stadler. "Er hat mir gesagt, dass ein V-Mann noch nie in Haft gekommen ist." Zudem habe "Bartok" betont, dass sein Chef Wegesin über alles Bescheid wisse. Der V-Mann-Führer habe auch gesagt, Wegesin verfüge "über gute Verbindungen zur Staatsanwaltschaft", die einen V-Mann schützten.Oberstaatsanwalt Jürgen Heinke sagte, dass der brandenburgische Verfassungsschutz damit "zu weit gegangen" sei. Zudem dränge sich der Verdacht auf, dass Stadler vor Gericht nicht alles sage, weil er unbedingt in das mit dem Brandenburger Landeskriminalamt bereits ausgehandelte Zeugenschutzprogramm aufgenommen werden wolle. Heinke machte klar, dass die Berliner Justiz wohl auch den V-Mann-Führer "Bartok" wegen Strafvereitelung angeklagt hätte. Doch auf Drängen der Brandenburger mussten die Berliner bereits vor Wochen die Ermittlungen gegen "Bartok" an die Cottbuser Staatsanwaltschaft abtreten. Dort ist gegen den V-Mann-Führer noch keine Anklage erhoben worden. "Eigentlich machen Richter und Staatsanwalt hier dem brandenburgischen Verfassungsschutz den Prozess", sagte ein Beobachter des Verfahrens.Toni Stadler war bei einer Verkehrskontrolle in der Lausitz als V-Mann angeworben worden. "Ich wurde unter Druck gesetzt", sagte er. Man habe gedroht, Straftaten wie Fahren ohne Führerschein gegen ihn zu verwenden. "Bartok", der von Anfang an dabei war, gab Stadler ein angeblich abhörsicheres Handy und einen "sauberen" Computer. Außerdem warnte er ihn telefonisch indirekt vor Polizeirazzien. "Halt deine Bunde sauber", sagte "Bartok" etwa Anfang Juli in einem Telefonat mit Stadler. Ein Mitschnitt wurde vor Gericht abgespielt.Laut Staatsanwaltschaft wurde die CD "Noten des Hasses" in einem Medienpädagogischen Institut in der Rudower Chaussee 4 in Berlin aufgenommen. Mirko Hesse - inzwischen als V-Mann des Bundesamtes für Verfassungsschutz enttarnt - sei für die Herstellung der CD in der Slowakei und in Thailand zuständig gewesen. Der Berliner Neonazi Lars Burmeister habe die Aufnahme verantwortet.Die Medienpädagogen in der Rudower Chaussee, in der die Hass-CD aufgenommen worden sein soll, bestritten dies gegenüber der "Berliner Zeitung". "Das ist komplett ausgeschlossen", sagte ein Sprecher. Nur Schülerbands, die den Pädagogen lange bekannt sind, hätten unter Aufsicht Zugang zum Bandkeller. Das Urteil über Toni Stadler wird am Montag gesprochen.Der V-Mann galt als "Super-Quelle" // Sommer 2000: Toni Stadler aus Cottbus wird vom Potsdamer Verfassungsschutz als V-Mann angeworben. Intern wird er als Super-Quelle bezeichnet.Ab März 2001: Die gewaltverherrlichende CD "Noten des Hasses" wird in der rechten Szene verbreitet. Toni Stadler vertreibt 2 800 der insgesamt 3 000 hergestellten Exemplare.Mai 2002: Die Berliner Polizei erfährt von einer geplanten Neuauflage der "Noten des Hasses" und ermittelt.20. Juli 2002: Bei einer Razzia der Berliner Polizei wird Toni S. festgenommen. Er wird als V-Mann enttarnt.Juli-November 2002: Der Streit zwischen Brandenburger und Berliner Sicherheitsbehörden eskaliert zusehends.DDP/JOCHEN ECKEL Rechtsextreme CD und Literatur, die V-Mann Toni Stadler aufbewahrt und vertrieben hat.