Bäume im Sommer bringen, wenn der Wind durch ihre Zweige fährt, das Licht zum Flirren. Man kann verrückt werden davon, die Kontrolle über sich verlieren - die psychedelische Wirkung auf Autofahrer unter alten Alleen ist bedenklich - oder gar das Bewusstsein. Deshalb schlummern Kinder so zuverlässig im Kinderwagen unter großen Bäumen ein.Ein frühes Lied von Robert Schumann, "Der Nussbaum", hat diese Wirkung rauschender Luft und flirrenden Lichts auf menschliche Nerven nachgestaltet. Man höre sich das einmal an, wie Elisabeth Schwarzkopf diesen Schluss singt: "Das Mägdlein horchet, es rauscht im Baum; sehnend, wähnend sinkt es lächelnd in Schlaf und Traum". Entgegen aller Regeln gibt sie schon beim "rauscht" etwas mehr Druck auf das u, statt auf das a, wie Gesangslehrer einem das immer beibringen. Das u aber ist der Vokal der Tiefe, der Brunnens der Vergangenheit, des Un- und Vorbewussten. Dann überführt Schwarzkopf den Ton ganz ins Geräusch und lässt es rauschen auf dem sch. In der nächsten Zeile verlangt Schumann den Übergang vom piano zum pianissimo, und Schwarzkopf, dieser Anweisung folgend, holt nun alles an Magie hervor, was in der deutschen Sprache steckt: Stimmhaft summen die S- und W-Anlaute in "sehnend, wähnend, sinkt es"; die gedehnten Vokale eh und äh werden müd und fahl, aber mit geheimer, bebend-diskreter Lust getönt. Dazu wispert das Klavier leise auf und ab, die Musik schummert und sirrt; Schwarzkopf singt uns in ein ekstatisches Koma, in einen Schlaf des Glücks.Es ist ein großer Moment in der Interpretationsgeschichte des Liedes; groß, weil hier das strenge Kalkül der Mittel einer Wirkung dient, die auf den Kontrollverlust aus ist. Aber es ist nur einer von vielen großen Momenten in der Kunst Elisabeth Schwarzkopfs, die als Sängerin - vor allem im Liedfach - für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg etwas geleistet hat, für das es keinen Vergleich gibt. Gewiss, sie ist nicht unumstritten gewesen. Ihr überfeinertes Spiel mit den Klangfarben, ihr ständiges Eindunkeln, Abschattieren von Vokalen - das alles galt ihren Kritikern als manieriert, als unerträglich künstlich, als Verzerrung des natürlichen Singens.Nun ist die Forderung nach Natürlichkeit im Gesang ihrerseits ein Vorurteil der Naivität, in Verkennung der Tatsache, dass Singen eine höchst elaborierte Technik des Körpers ist. Elisabeth Schwarzkopf hat zum Technischen des Singens früh ein sehr bewusstes Verhältnis bekommen. Die am 9. Dezember 1915 in Jarotschin bei Posen geborene Lehrerstochter wurde an der Berliner Musikhochschule zunächst als Altistin ausgebildet. Die Sopranistin Maria Ivogün bemerkte dann, dass dies das völlig falsche Fach sei und bildete die Stimme der Schwarzkopf ins andere Extrem um: zum Koloratursopran. Nach dem Zweiten Weltkrieg feilte ihr Mann, der britische Plattenproduzent Walter Legge, erneut an ihrer Stimme und machte sie zum lyrischen Sopran. Solche Identitätswechsel der Stimme schaffen Distanz zum Körper.Auch das war immer ein Vorwurf der Schwarzkopf-Nörgler, dass ihre Stimme den direkten Ausdruck von Körperlichkeit verweigere. Als sie in London zum ersten Mal die Rolle ihres Lebens, die Marschallin in Richard Strauss' "Rosenkavalier" sang, mäkelten die Kritiker, sie sei zwar extrem kunstvoll - aber kalt. Und zur Kälte der Stimme warf man ihr später noch eine Kälte des Herzens vor, wenn sie in öffentlichen Meisterkursen die Studenten erbarmungslos niedermachte: "So? Singen wollen Sie? Hahaha! Gehen Sie doch lieber zur Post!" Dabei waren solche Ausbrüche bei ihr eher einem Fürsorgeinstinkt geschuldet. Sie wusste, dass diese Welt kaum Sänger brauchte; wusste, wie hart der Beruf war, wusste, dass man kommentarlos entsorgt werden konnte, so wie Herbert von Karajan es nach vielen Jahren gemeinsamer Arbeit bei den Salzburger Festspielen getan hatte. Den Namen "Karajan" sprach sie bis zuletzt lieber gar nicht oder nur widerwillig aus.Aber alle Einwände gegen Schwarzkopf sind im Grunde Vorwürfe an die Kunst, dass sie Kunst und nicht Natur ist. Die geistig aufgeweckteren Köpfe liebten genau das hochgradig reflektierte ihres Gesangs. Nicht von Ungefähr hat sich Glenn Gould bei ihrer einzigen gemeinsamen Aufnahme vor lauter Verehrung vor der Sängerin fast zum Trottel gemacht. Schwarzkopf selbst hat gewusst, dass sie sich für einen Gesang des röhrenden Naturalismus nicht eignet. Ihr lagen die Figuren mit den komplexen Empfindungen, ihr lag die zermürbende Balance zwischen Einfühlung und Distanz: Mozart und Richard Strauss hatte sie sich am Ende ausschließlich verschrieben, bevor sie 1972 von der Bühne abtrat.Beim Lied pflegte sie - noch bis 1979 - wie keine sonst Hugo Wolf, genau erspürend, welche Spannung diese Form veröffentlichter Innerlichkeit braucht. Mit den Liedern der Mignon zeigte sich Elisabeth Schwarzkopf als intime Tragödin. "Heiß mich nicht reden, heiß mich schweigen,/Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht;/Ich möchte dir mein ganzes Innre zeigen, /Allein das Schicksal will es nicht." Von ihr gesungen klingt das paradoxerweise wie eine quälende Selbstentblößung. So konnte Ausdruck als gesteigerte Reflexion erscheinen, wie sie andererseits stimmlich Erkenntnis und Verführung zu vereinen wusste - gleichsam eine Sirene des Intellekts.Wie gestern bekannt wurde, ist Elisabeth Schwarzkopf bereits in der vergangenen Woche, in der Nacht zum Donnerstag im österreichischen Schruns gestorben. Bis zum Schluss nahm sie die Welt recht wach wahr. Und wenn sie von einer jungen Gesangsbegabung überzeugt war, dann konnte sie Züge mütterlicher Fürsorge entwickeln, über die sie nicht sprach.Mit Elisabeth Schwarzkopf ist eine Stimme dahingegangen, der man beim Denken zuhören konnte.------------------------------Foto : Mit sybillinischem Lächeln: Elisabeth Schwarzkopf (1915 - 2006).