Herr Professor Zhao, unbedingt pünktlich sein, beim Händeschütteln nur leicht zudrücken und Visitenkarten beim Überreichen mit beiden Händen an den Ecken fassen - wer nach China reist, bekommt viele solcher Verhaltensregeln mit auf den Weg. Erwarten Chinesen tatsächlich, dass Besucher die Regeln beherrschen, und wie schlimm ist es, wenn man sie nicht einhält?Man erwartet nicht, dass ausländische Besucher sich wie Chinesen benehmen. Meiner Erfahrung nach ist es am besten, sich natürlich zu verhalten, herzlich und offen zu sein, den anderen mit Respekt zu begegnen - dann wird schon alles klappen. Wenn man unsicher ist, sollte man beobachten, was die anderen tun, und sich daran orientieren. Es gibt mittlerweile etliche Gebrauchsanleitungen für China und wer Zeit hat, kann sich damit beschäftigen. Aber selbst wenn man alle lesen würde: Das eine oder andere ginge immer noch daneben. Das ist aber überhaupt nicht schlimm, denn Chinesen sind sehr tolerant gegenüber Ausländern und sie sind hilfsbereit.Verrückt machen muss man sich also nicht, aber ein paar Verhaltenstipps sind vielleicht doch nützlich: Was geben Sie Chinareisenden mit auf den Weg?Die Deutschen genießen den Ruf, superpünktlich zu sein. Deshalb sollte man als Deutscher eher ein bisschen zu früh als zu spät erscheinen. Pünktlichkeit ist auch in China ein Zeichen von Höflichkeit. Für Wissenschaftler wichtig zu wissen: Das aus Deutschland bekannte akademische Viertel gilt in China nicht. In beiden Ländern hat man es nicht gern, wenn der Gesprächspartner einem ins Wort fällt. Anders als in Deutschland muss man als Mann in China den Damen nicht die Tür aufhalten oder ihnen in den Mantel helfen: "Ladies first" ist unüblich.Welches Image haben die Deutschen in China?Das chinesische Wort für Deutschland heißt wörtlich übersetzt Land der Tugend. Deutsche haben einen sehr guten Ruf; man rühmt sie nicht nur für ihre Pünktlichkeit, sondern auch für ihre Sauberkeit und Gewissenhaftigkeit. Und von chinesischen Wissenschaftlern hört man immer wieder, dass ihre deutschen Kollegen im Vergleich zu Vertretern anderer großer Wissenschaftsnationen besonders offen und ehrlich seien.Geschenke spielen in China eine große Rolle: Was empfehlen Sie als Mitbringsel?CDs mit klassischer Musik kommen immer gut an, ebenso Kölnisch Wasser oder Krawatten. Geschenke wärmen das Herz, heißt es in China. Das Präsent sollte nicht wertlos sein, aber auch nicht so teuer, dass es den Beschenkten in Verlegenheit bringt. Von deutschen Wissenschaftlern wird nicht unbedingt erwartet, dass sie etwas mitbringen. Ein Mitbringsel für den Ranghöchsten bei offiziellen Empfängen ist schön, aber kein Muss.Gibt es etwas, das man nicht schenken sollte?Ja, zum Beispiel Messer. Wer so etwas überreicht, signalisiert damit: Ich will die Beziehung beenden. Uhren sind auch nicht geeignet, denn der Beschenkte könnte sie als Hinweis darauf verstehen, dass seine Zeit abläuft. Uhren haben mit Ende und Abschied zu tun.In Büchern über chinesische Sitten und Gebräuche wird man auf die Gefahr des Gesichtsverlustes hingewiesen. Was verbinden Chinesen mit diesem Begriff?Er bedeutet eigentlich nichts Anderes als Ehrverlust. Ehre ist ja auch in Deutschland wichtig. Hier wie dort ist man gekränkt, wenn man öffentlich kritisiert wird. Ich glaube, das ist eine menschliche Reaktion und nichts spezifisch Chinesisches.Oft heißt es, Chinesen könnten nur schwer Nein sagen. Stimmt das?Das gilt nicht für alle, aber den meisten Chinesen fällt das Neinsagen tatsächlich schwer. Es ist allerdings leicht, indirekte Ablehnungen zu erkennen: Wenn der Gesprächspartner eine Frage zum Beispiel ausweichend beantwortet, will er nicht antworten; manchmal kann oder darf er es auch nicht. Gelegentlich kommt auf ein Angebot ein anderer Vorschlag - auch das ist eine Form des Neins.Was macht Deutschen im chinesischen Alltag zu schaffen?Zunächst die völlig fremdartige Sprache. Aber zum Glück sprechen immer mehr Chinesen Englisch und gerade jüngere Wissenschaftler, die im Ausland waren, haben damit kaum noch Probleme. Das chinesische Essen wird von den meisten Deutschen sehr gut vertragen; Klagen gibt es eigentlich nur über das landestypische Frühstück mit Reissuppe und Ölgebäckstangen, Gemüse und Fleisch. Aber das Problem löst sich allmählich auf, weil auch immer mehr Chinesen beim Frühstück westliche Gewohnheiten annehmen. Probleme bereitet der wilde Verkehr in den Städten, zum Beispiel die Angewohnheit der Chinesen, rote Ampeln zu ignorieren. Fahrradfahren ist in diesem Chaos riskant und wer neu ins Land kommt, sollte darauf verzichten. Für die meisten Deutschen ist es in China ungewohnt laut und vielen fällt es schwer, sich an den allgemeinen Lärmpegel zu gewöhnen.Einen Satz oder ein paar Worte in der Landessprache zu beherrschen, kann oft das Eis brechen. Welche sind die wichtigsten Vokabeln für deutsche Wissenschaftler, die einen Besuch oder einen Arbeitsaufenthalt in China planen?Nihao für Guten Tag und schje-schje für Danke - solche Wörter gehören einfach dazu. Auf der anderen Seite sollte man nicht zu viel Aufwand betreiben, weil das Sprachenlernen doch sehr viel Zeit kostet. Man muss sich schon zwei, drei Jahre vollständig darauf konzentrieren, um einigermaßen sprechen und schreiben zu können.Interview: Lilo Berg------------------------------Mit diesem Beitrag endet die Serie "Wissenschaft in China".------------------------------Der VermittlerZhao Miaogen ist seit 2000 Vizedirektor des Chinesisch-Deutschen Zentrums für Wissenschaftsförderung in Peking.Er wuchs in Shanghai auf und kam 1978 mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach Heidelberg, um Deutsch und Philosophie zu studieren. Bis 1999 arbeitete er als Dolmetscher mit eigener Firma in Deutschland.Buchempfehlung:Yu-Chien Kuan und Petra Häring-Kuan: Der China-Knigge. Eine Gebrauchsanweisung für das Reich der Mitte. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2006, 7,95 Euro.------------------------------Foto: Zhao Miaogen