Eigentlich sind Mützes ein Fall fürs Fernsehen: Man muss sie reden hören. Dieses Berlinern! Diese Paardynamik! Kleine Leute, großes Kino.

Das Wort „authentisch“, das in diesen Zeiten so inflationär in aller Munde ist, weil Echtes und Unverstelltes immer mehr verschwindet, stimmt in ihrem Fall auf den Punkt. Und das muss man erst einmal hinkriegen in einem Umfeld, das sich seit 24 Jahren beinahe täglich ändert und in dem sich das Personal ganz schön wichtig nimmt. Berlin-Mitte eben.

Die Mützes nehmen sich nicht wichtig. Nicht mal dafür, dass Leute wie sie hier zu einer aussterbenden Art gehören und eigentlich zum Kulturerbe gezählt werden müssten. Aber das klagt niemand für sie ein – und sie selbst schon gar nicht. Ruth und Max Mütze, beide Jahrgang 1939, beide Ur-Berliner und Ostler, wohnhaft in der Keibelstraße. Platte, zehn Etagen.

In den Ohren vieler Ost-Berliner klingt Keibelstraße bedrohlich. Nummer 35, vis-à-vis vom Block der Mützes, war das DDR-Polizeigefängnis. In dem landete man mitunter schneller, als gedacht. Heute nutzt die Senatsverwaltung für Bildung Räume dort, rundherum wimmelt es in den Hotels, im Hofbräuhaus, aber Zellen mit Klo gibt’s in der 35 immer noch.

Die Mützes gehören nicht zu denen, die alles schlecht finden, nur, weil es nicht mehr das Alte, das Gewohnte ist. Sie haben noch erlebt, wie desolat die Wohnungen früher waren, wie sollten sie da gegen die Sanierung, das Schönerwerden sein? Dass sie dennoch an den alten Zeiten hängen, sagen sie ganz frank und frei, doch Bitterkeit blitzt nicht auf. „Wir war’n ja rote Socken, da sind wir vielleicht nicht die Richtigen für Sie“, sagt Frau Mütze und schaut fragend. Es klingt, als hätten sie kein Recht, in der Zeitung zu erscheinen, jedenfalls nicht in einer der heutigen, „die immer so kritisch sind“. Vor allem mit Menschen wie ihnen.„Was soll man denn machen, wenn man dit Rote schon mit der Muttermilch mitgekriegt hat?“

In ihrem Viertel sind Mützes das Schnurtelefon unter lauter Handys. Schnurtelefone wie sie gibt es nur noch wenige, selbst in der Platte wie der ihren. Fast nur noch junge Leute in den Wohnungen nebenan. Und aus aller Welt. Syrien, England, Vietnam, Bulgarien. „Benehmen sich aber gut“, konstatieren die Mützes. Man grüßt sich, das ist doch schon viel in diesen Zeiten. Nur wer der Monstera im Treppenhaus die Ableger gemaust hat, das wüssten Mützes allzu gern. Die neuen Menschen, die neuen Geschäfte – „also wir kommen da nicht mehr hinterher“. Das klingt nun eher trotzig. Als hätte sie wieder einmal niemand gefragt. Obwohl sie schon so lange hier sind und damit Instanzen irgendwie.

Aber dass sie nun nur zu Hause hocken würden, weil die Welt da draußen so verrückt geworden ist – um Gottes Willen. Es gibt Wege, die gemacht werden müssen. Zu Reichelt am Platz der Vereinten Nationen oder zum Alex rüber. Aber nicht ins Kaufhaus, „wo sie einem das Fell über die Ohren ziehen“. Sie sind gern unterwegs, im Sommer im Garten und immer mit der Volkssolidarität. Weil Alte und Arme ja keine Lobby mehr haben in diesen Zeiten. Und weil sich Max Mütze, der ehrenamtliche Vorsitzende seines Bezirks, „für nichts zu schade ist“, geht er selbst immer noch los, zum Geldsammeln. „Eigentlich grenzt es ja an Bettelei“, sagt er. Dieses Gefühl geben ihm zumindest die Leute. An der Tür geht er deshalb diskret vor: „Drei Meter weg vom Spion, damit keiner denkt, ich komm’ gleich mit dem Fuß in die Tür.“

Wenn die jungen Leute in der Nachbarschaft heutzutage auf Retro stehen, dann meinen sie damit vor allem Tische und Lampen, aber keine Menschen. Kann sein, dass die Mützes, wenn sie in ihrem Viertel unterwegs sind, selbst für Touristen gehalten werden, allein des Alters und der praktischen Jacken wegen. Ihr Viertel, das macht in diesen Tagen vornehmlich in Schuhläden und Galerien. Die Geschäfte schaue sie gar nicht mehr an, sagt Frau Mütze, „die sind ja für Touristen“. Und die Galerien? „Da guck ich immer und denke, das verstehste nicht, was da so hängt. Aber ich frage mich schon: Liegt das am Alter, an der Bildung?“

Seit 54 Jahren sind Mützes verheiratet, seitdem wohnen sie in Mitte, seit mehr als zwanzig Jahren nun schon in der Keibelstraße. Sogar geboren und aufgewachsen sind sie in der Gegend, er in der Bergstraße, sie ein Stückchen nördlicher, in Prenzlauer Berg.

Frau Mütze hat Kaffee gebrüht, türkischen, in den guten, alten Zwiebelmustertassen. Sie ist die Ruhigere von beiden, kann aber durchaus bissig werden, wenn ihr was gegen den Strich geht oder sie meint, der Gatte rede Quatsch. Für den Besuch haben sie sich fein gemacht, er in Beige, sie in Türkis. An der Tür haben beide nur geguckt, und gleich war klar, hier heißt es: Schuhe aus! Ihre Sechzigquadratmeter-Wohnung ist das unauffällige Reich eines normalen Rentnerpaares, Üppigkeiten ausgeschlossen. Küche mit Durchreiche, Anbauwand, Gardinen.

Wenn beide auf der Spitzendecke über dem runden Wohnzimmertisch ihre Fotoalben aufklappen, dann tritt das Bild eines Paares zutage, das Dinge in dieser Stadt miterlebt hat, die viele ihrer jungen Nachbarn noch nicht mal ahnen und vielleicht auch gar nicht wissen wollen. Dass es erst sechzig Jahre her ist, dass dort, wo heute Aperol Sprizz getrunken oder das Baby zum Yoga gebracht wird, Tote auf den Straßen lagen, Bombentote. Und sie, die Mützes, als Kinder dran vorbeimussten. Wäre es nicht toll, sie würden den Kindern von heute davon erzählen können? Aber fragt ja keiner. Obwohl sie mehr wissen als die Stadtführer im Prenzlauer Berg, denen sie sich selbst schon einmal angeschlossen haben auf einer Tour. Wer will schon wissen, dass in den Hinterhöfen in Prenzlauer Berg und Mitte noch Vieh gehalten wurde und man sich als Stift dort eine Kanne warmer Kuhmilch abholen konnte, auf Marke, wohlgemerkt. Und dass nach Kriegsende jede Blumenrabatte statt mit Primeln mit Rüben und Kohl bestellt war, gegen den Hunger. Am Zillepark in der Bergstraße waren Gemüsebeete, auch an der Siegessäule und am Alex.

„Machen Sie mal ’ne Umfrage, ob noch einer weiß, was ein Schlafbursche ist!“, sagt Max Mütze und nippt am Kaffee. Er weiß es, sein Vater war einer, aus Kamenz in der Lausitz kommend. Einer von vielen Arbeitern, die in die Betten fremder Leute schlüpften, um ein bisschen Schlaf zu kriegen. Gegen Entgelt freilich. War ja kein Wohnraum da im Berlin der Zwanziger und Dreißiger.

Ruth nannten sie „Zicke“, als sie ein Mädchen war, „weil ich immer Durst hatte wie ’ne Zicke!“ Sie sei brav gewesen, sagt Frau Mütze und nickt in Richtung Ehemann – „im Gegensatz zu dem“.

So war das eben, wenn man ein wilder Kerl war, sagen die Augen von Max Mütze. In den Bombentrichtern im Tiergarten, erzählt er, hätten sie gebadet, die standen meist mit Wasser voll, durch die nahe Spree. Auf einer alten Flak, die hinter dem Bahnhof Friedrichstraße stand, haben sie Karussell gespielt. Wo? „Na da, wo heute Funk und Fernsehen ist!“

Und weiter hoch, zum Reichstag hin, sind sie auf den Schwarzmarkt gezogen. „Die Amis haben wir angebettelt“, sagt Herr Mütze, „nach Zigaretten. Aber das hat damals jeder gemacht. Ich sollte immer fragen: Have you bacon for my Papa?“ Hast du Schinken für meinen Papa.

Ruth Mütze hört zu und lächelt wie eine Ehefrau, die weiß, dass ihr Mann sich selbst für einen echten Haudegen hält.

Er kennt diesen Blick und kontert: „Na, du sei stille, du hast Kippen gesammelt!“

„Mann, das hab’ ich doch für die Eva gemacht, deren Mutter hat das immer verlangt. Zigaretten war’n doch Goldstaub.“

Ein bisschen Schamgefühl kommt am Kaffeetisch auf, wenn sie davon erzählt, dass sie im Krieg mit anderen Kindern „Hitler kommt!“ gespielt hat, und die Mutter deshalb „Nazitrine“ zu ihr sagte. So war das eben, aufgestellt in Reih und Glied. So schlimm die Zeiten waren, und sie hungerten wie alle – der Blick zurück ist rosa. Kindheit eben. „Nichts war schöner“, sagt Herr Mütze, „wenn wir als Kind aussem Garten kamen, und von der S-Bahn runter zur Großen Hamburger liefen, über den Koppenplatz, bis hin zur Bergstraße – immer auf Ausschau nach ’ner Brause. Die gab’s bei Kauners, Bergstraße 3, da ist heute ein Puff drin. Mit Herzchen und Open-Schild.“ Ihre S-Bahnstation hieß seinerzeit noch „Börse“, ab 1951 „Marx-Engels-Platz“, seit 1992 dann „Hackescher Markt“.

In der Nachkriegszeit ging es am Wochenende mit den Eltern raus aufs Land, zu den Bauern, hamstern. Ein Teppich gegen Milch und Eier. Als Max Mützes Eltern später selber einen Garten hatten, am Betriebsbahnhof Rummelsburg, fuhr der Vater in der S-Bahn mit einer Kiepe auf dem Rücken hinaus ins Grün. Was drin war in der Kiepe? „Na, Mist, aus den Ställen hier!“

Früher Mist in der S-Bahn, heute ein Waggon voller Smartphones. Siebzig Jahre Berlin, da hat sich viel verändert, auch an der Ecke Garten-, Tieckstraße.

„War doch Tieckstraße, Ruthchen, oder? Gib mir so’ n Plan da, dass wir keinen Quatsch erzählen.“

Ruth Mütze holt den Stadtplan aus der Anbauwand und eine große Lupe gleich dazu.

Es war die Tieck. Eine Ecke im Wandel der Zeiten: Mietskasernen vor dem Krieg, dann Bombentrümmer, später eine Brache. Zu DDR-Zeiten wird eine Kaufhalle gebaut, die im geeinten Land zum Penny wird. In den 2000ern wieder Abriss, jetzt stehen Eigentumswohnungen, auf deren Balkons auch mitten in der Woche Leute in ihren Liegestühlen lesen. Unvorstellbar war das zu ihrer Zeit.

Oder Ecke Mulack-, Stein- und Auguststraße, das alte Ballhaus, Clärchens. „Ballhaus, Knallhaus“, sagt Frau Mütze. „Das war Nuttengegend! Vorm Krieg, nach dem Krieg, in den Ruinen auch!“ Hing ein Handtuch aus dem Fenster, hieß das, der nächste Freier konnte kommen. Die war’n aber auch gute Menschen, diese Frauen, im Krieg ham die auch jüdische Menschen versteckt.“

In ihren Fotobüchern auf der Spitzendecke sind jetzt die Sechzigerjahre dran. Die Mützes von damals sehen aus wie die Hipster von jetzt, absichtslos natürlich, sie waren ja zuerst da. Sie mit Mähne und mit Ballerinas, er mit fescher Tolle und Kastenbrille. „Cool“ würden Leute dazu sagen, die heute in Mützes Straßen unterwegs sind und das gleiche Alter haben. Um die zwanzig.

Obwohl, Rock’n’Roller waren sie eher nicht, ihr Ding war die Volkstanzgruppe am Ernst-Thälmann-Platz, heute Mohrenstraße. Fast Ballett hätten sie ihnen dort beigebracht, sagt Max Mütze, und neulich beim Arzt, da konnte er den Fuß noch so weit spreizen, dass dem Mann das Staunen kam. Ansonsten: Polka. Mazurka, Schustertanz. Und immer Auftritte, bis runter in die Sächsische Schweiz.

Zur Hochzeit blieben sie zu Hause, „das war damals so“. Sie trug ihr wildes rotes Haar und ein blaues Kostüm, er brachte rosa Nelken. Um die er kämpfen musste: Alpenveilchen wollte man ihm geben.

Ihre Söhne kamen 1958 und 1966, keiner ist bis heute verheiratet, einen Enkel gibt es. Gearbeitet haben beide in der Baubranche, ihr Leben lang, um sie herum nur Bauten, an denen sie eine Aktie haben. Vor allem Max Mütze, Baustelleningenieur a.D. An der Charité hat er mitgebaut, an der Leipziger Straße, sogar noch Rinder- und Schweineställe in Marzahn zu Anfang seiner Laufbahn. Dabei trug er immer den Ring von Onkel Willi, ein Erbstück, ein Aquamarin. Wie kann einer vom Bau so einen Ring tragen, musste er sich ständig anhören. Obwohl selbst Genosse, blieb er hart. Der Ring blieb dran. Er hatte es gar nicht vor, aber Max Mütze setzte ein kleines Fanal für den Individualismus, der heute in ihrer Gegend so gefeiert wird.

Ruth Mütze war im Ingenieurhochbau, „wir haben den Palast gebaut“. Ein Reizthema für sie. „Das war so furchtbar, wie der abgerissen wurde“, sagt sie. Früher, zum Anfang ihrer Ehe, wohnten sie auch in der Melchior- und in der Mollstraße. Jetzt also hier. Sie sind froh, wenn sie bleiben können, das Geld reicht für die Miete, auch in Zukunft.

Noch mal wegziehen aus der Keibel?

Frau Mütze schaut, was für ’ne Frage.

„Nur, wenn wir wirklich nicht mehr hochkommen!“