Nach vereisten Weichen im Winter, ausgefallenen Klimaanlagen im Sommer und dem Berliner S-Bahnchaos gerät die Bahn AG in die nächste Krise. Am Montag musste das bundeseigene Unternehmen zugeben, dass die Personalprobleme im Stellwerk Mainz kein Einzelfall sind. Das Stellwerk in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt ist seit etwa einer Woche wegen unerwartet vieler Krankmeldungen in der Urlaubszeit nicht voll besetzt, weshalb es zu schweren Störungen im Zugverkehr kommt.

Bundesweit sei auch an anderen Schaltstellen die Personaldecke zu dünn, räumte DB-Netz-Vorstandschef Frank Sennhenn ein. Die SPD gab Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) eine Mitschuld an den Engpässen. Für Mittwoch ist ein Spitzengespräch zwischen Bahnvorstand und Gewerkschaften geplant.

„Wir haben bundesweit eine angespannte Situation, das ist richtig“, sagte der Vorstandschef der DB Netz AG, Frank Sennhenn, in der ARD. „Wir sind dabei, alle Stellwerke, bei denen wir ähnlich kritische Situationen haben, nach Kräften abzusichern.“ Details nannte er nicht.

Nicht nur in Stellwerken Personalmangel

Der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) zufolge sind die Engpässe nicht auf die Stellwerke begrenzt. „Wir haben auch in anderen Bereichen eine Reduzierung des Verkehrs, weil Personal fehlt“, sagte EVG-Chef Alexander Kirchner.

EVG, SPD und Grüne nennen die Personalpolitik der Bahn verfehlt. Der Renditedruck durch Politik und Bahnvorstand habe dazu geführt, dass bei Instandhaltung und vor allem beim Personal gespart worden sei, beklagte der Vorsitzende des Verkehrsausschusses des Bundestages, Toni Hofreiter (Grüne). Die für die Schienenwege zuständige DB Netz AG hat über Jahre Tausende Stellen abgebaut. Zugleich wurden Stellwerke wegen des geplanten Börsengangs 2008 langsamer als geplant durch vollelektronische Anlagen ersetzt.

Der verkehrspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Sören Bartol, warf Ramsauer schwere Versäumnisse vor. „Die Situation bei den Bahn-Stellwerken zeigt, dass Ramsauer seiner Funktion als oberster Vertreter des Eigentümers der Deutschen Bahn nicht gerecht wird“, sagte er dieser Zeitung. Da helfe es nicht, wenn der Minister seinen Staatssekretär als Mitglied des Aufsichtsrats einen Brief an Bahn-Chef Rüdiger Grube schreiben lasse. „Offensichtlich hat Herr Ramsauer in den letzten Jahren gegenüber der Bahn nicht die richtigen Fragen gestellt.“

Verkehrsminister Ramsauer sei auch dafür verantwortlich, dass es im Eisenbahnbundesamt an Personal fehle. „Die Bahnpolitik muss wieder Chefsache beim Bundesverkehrsminister werden“, forderte Verkehrsexperte Bartol.

Am Mainzer Hauptbahnhof verschärfte sich die Lage am Montag weiter. War bisher nur abends und nachts der Regional- wie Fernverkehr stark ausgedünnt, müssen jetzt Züge ganztägig umgeleitet werden. Das wirkt sich weit über die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt hin aus. „Wegen des entsprechend höheren Zugaufkommens durch Umleitung ist mit Verspätungen im gesamten Rhein-Main-Gebiet und Südhessen zu rechnen“, kündigte die Bahn an. Das Unternehmen versucht nun, Fahrdienstleiter aus dem Urlaub zurückzuholen. Diesen Monat werde es keine Normalisierung des Betriebs mehr geben. Die Bahn will sich an diesem Dienstag äußern, wie es in Mainz weitergeht.