BERLIN, 25. Oktober. Berlin soll künftig enger mit den europäischen Wirtschaftszentren verbunden werden. Spätestens bis zum Jahr 2020 sollen Berliner innerhalb von drei Stunden in jedes wichtige europäische Industriezentrum gelangen können. In der Region Berlin-Brandenburg sollen alle Städte innerhalb einer Stunde von jedem anderen brandenburgischen Ort aus erreichbar sein. Mit Hilfe moderner Informations- und Kommunikationssysteme sollen Berlin-Besucher zudem jederzeit zu ihrem Bestimmungsort gelangen.Das sind die Kernpunkte einer neuen Verkehrsvision "Berlin-Brandenburg bewegt", die der "Berliner Zeitung" vorliegt. Das Zukunftskonzept wurde von Verkehrsexperten der Deutschen Bahn, den Berliner Verkehrsbetrieben, den Technischen Universitäten Berlin und Cottbus sowie dem Bahntechnikkonzern Adtranz im Auftrag der Landesregierung Brandenburg und des Berliner Senats ausgearbeitet. "Ziel ist es, Berlin zu einem Verkehrs- und Mobilitätszentrum zu entwickeln", sagte Wolfram Martinsen, Sprecher der Expertengruppe, die das Projekt entwickelte.Automatischer NahverkehrNoch im Oktober sollen erste Projekte konkret angegangen werden, sagte ein Sprecher der Senatsverkehrsverwaltung. Die Zeit dränge auch, so Martinsen. Angesichts der Tatsache, dass Siemens Verkehrstechnik (VT) seine Geschäfte nicht mehr von Berlin aus führe, und Bombardier nach der Fusion mit Adtranz eine Verlagerung der Europazentrale von Berlin nach Brüssel erwäge, "müssen schnell alle Beteiligten an einen Tisch und die neuen Konzepte umsetzen". Martinsen: "Wir müssen solche Projekte entwickeln, die sich auch nach außen vermarkten lassen." Nur dann könnten neue Arbeitsplätze entstehen.Als Beispiele nannte Martinsen die Automatisierung kompletter Nahverkehrsstrecken. Ein Pilotprojekt läuft auf der U-Bahn-Linie 5. Allerdings hat sich die Belegschaft der BVG bereits skeptisch gegenüber einer führerlosen U-Bahn ausgesprochen. Martini: "Durch die Automatisierung wird der Verkehr viel flexibler." Je nach Anzahl der Passagiere könne die Taktfolge der Züge bei einem vollautomatischen Betrieb beliebig gekürzt oder verlängert werden. Weitere Projekte seien das Bahnerprobungszentrum in Hennigsdorf mit einem neun Kilometer langen Testring für neue Schienenfahrzeuge, der zügige Ausbau des neuen Großflughafens Schönefeld und das Verkehrsleitzentrum in Berlin. "Leider geraten wir in vielen Fällen in Verzug", kritisierte der Chef des Berliner Instituts für Bahntechnik, Peter Mnich. "Die Vision ist völlig richtig", doch werde sie bisher in der Stadt nur halbherzig verwirklicht. So plane man seit Jahren einen Bahntestring in Hennigsdorf, ohne einen wesentlichen Schritt weitergekommen zu sein. Ursprünglich war im Norden Berlins ein 36 Kilometer langer Ring vorgesehen, nach zahlreichen Anliegerprotesten wurde eine Neun-Kilometer-Variante daraus. "Wir brauchen in Berlin innovative Verkehrslösungen, die nur wenige haben", forderte Mnich, "Verkehrssysteme für die nächsten 80 Jahre." Damit halte man auch die Industrie und die Forschung in der Stadt und schaffe neue Arbeitsplätze. Mnich: "Wenn wir ins Ausland verkaufen wollen, benötigen wir hier Referenzprojekte." Stattdessen jedoch sei in den letzten zehn Jahren kaum Neues entwickelt und der Transrapid Berlin-Hamburg ganz gestrichen worden. Für eine regionale Magnetbahnverbindung hat Berlin kaum Chancen. Favorisiert werden dafür München und das Ruhrgebiet. Der geplante Bahntestring steht immer noch auf dem Papier, in Nordrhein-Westfalen indes hat Siemens VT einen eigenen Testring aufgebaut, der kräftig erweitert wird und an dem sich seit kurzem auch Bombardier und Adtranz beteiligen. Die von der brandenburgischen Landesregierung avisierten 92 Millionen Mark Fördermittel für den Hennigsdorfer Ring liegen denn auch vorerst auf Eis. Der Grund: Bombardier hat nach seiner Bekanntgabe über den geplanten Adtranz-Kauf noch keine Nutzergarantie abgegeben. Vieles wurde verzögertAuch die Automatisierung der U-Bahn verzögert sich. "Schon Mitte der 80er-Jahre hatten wir ein solches Projekt, ein weiteres gab es 1996", sagte Mnich. Beide wurden wieder abgebrochen. Inzwischen ist Berlin selbst für Deutschland kein Vorreiter mehr. Auch so genannte "People Mover", moderne Stelzen- oder Hängebahn-Systeme, waren "unter anderem für die Wasserstadt Spandau geplant", sagte Martinsen. Gebaut wurden sie nicht in Berlin, sondern auf dem Flughafen Frankfurt a. M. Ein weiteres Projekt ist zwischen Bahnhof und Flughafen Düsseldorf geplant. Martinsen: "So etwas stünde auch Berlin gut zu Gesicht."In einer Stunde von Stadt zu Stadt // Konzept: Das Verkehrskonzept "Berlin-Brandenburg bewegt" wurde im Auftrag der Landesregierung Brandenburg und des Berliner Senats von Verkehrsexperten ausgearbeitet. Es soll der Region eine Vision für die nächsten 20 Jahre geben. Bereits im Oktober soll mit der Umsetzung der ersten Schritte begonnen werden.Kernpunkte: Die Reisezeiten in alle wichtigen europäischen Wirtschaftsregionen sollen maximal drei Stunden betragen. Innerhalb Brandenburgs soll man von Stadt zu Stadt nicht länger als eine Stunde fahren.Projekte: Das Konzept soll durch die effektive Kombination modernster Transportmittel und Verkehrsleitsysteme erreicht werden. Der Nahverkehr soll voll automatisiert werden, der Flughafenbau zügig erfolgen.Ziel: Ziel ist nicht nur die bessere Anbindung. Die Projekte in Berlin sollen in andere Länder vermarktet werden und somit helfen, neue Arbeitsplätze in der Region zu schaffen. Schon heute ist Berlin eines der größten Zentren für Bahntechnik. Dieses Potenzial soll künftig besser genutzt werden.PEOPLE MOVER Die Monorail in Sydney ist eines der modernsten und attraktivsten Nahverkehrsmittel - eine Vision für Berlin?