Frau Junge-Reyer, wie geht es Ihnen, wenn Sie an die S-Bahn denken?Ich bin wütend und sehr enttäuscht. Die Verantwortlichen der Bahn haben mir noch Anfang Dezember versichert, sie hätten alles im Griff.Warum lassen Sie sich denn so auf der Nase herumtanzen?Das tun wir ja nicht. Wir haben den S-Bahn-Vertrag im vorigen Jahr sehr erfolgreich nachverhandelt. Wir haben Qualitätskriterien und Strafen für fehlende Leistungen klar definiert. Mehr geht nicht. Wir sind nicht Eigentümer der S-Bahn, sondern Kunde.Das Angebot ist aber weiter schlecht. Warum verklagen Sie nicht die Bahn?Das Kernproblem, dass zu wenig Züge zur Verfügung stehen, wäre so nicht zu lösen. Die Bahn hat diese Wagen nicht.Als Grund für die Ausfälle werden immer neue technische Probleme genannt. Glauben Sie das noch?Wenn ich sehe, wie viele Wagen der Baureihe 481 täglich in die Werkstätten müssen, dann muss ich den Erklärungen der Bahn glauben. Die Frage ist, wie es zu so einem technischen Versagen überhaupt kommen konnte.Der Lieferant Bombardier sagt, es liegt an der mangelhaften Wartung durch die S-Bahn.Die Wartungen sind nicht sorgfältig genug durchgeführt worden und sie wurden nicht ordentlich dokumentiert. Das war ein schweres Versäumnis.Hat der Senat beim Vertragsabschluss 2004 Fehler gemacht?Damals ging man davon aus, dass die S-Bahn ein leistungsfähiges Unternehmen ist und der Mutterkonzern ein verlässlicher Partner der Politik. Niemand ist auch nur auf die Idee gekommen, dass so etwas passieren kann.Hätten Sie nicht wissen können, dass die Züge veraltet sind?Sie sind nicht veraltet. Es sind Wagen angeschafft worden, von denen alle ausgingen, dass sie 30 Jahre halten.Sie hätten kontrollieren können.Wir haben erst gemerkt, dass etwas nicht stimmt, als es den ersten Radbruch gab.Und dann kam der Winter. Sie haben die S-Bahn jetzt abgemahnt und ein Ultimatum bis heute gesetzt. Was erwarten Sie konkret?Ich erwarte ein Konzept, wie die S-Bahn ihre Fahrzeuge in Ordnung bringen will und wie sie dafür sorgt, dass sich ein solches Desaster nicht mehr wiederholt. Außerdem müssen die Fahrgäste besser informiert werden. Das ist in unglaublicher Weise vernachlässigt worden.Wird die Fahrpreiserhöhung, die seit Januar gilt, zurückgenommen?Für die BVG gilt: Nachdem wir die Tarife drei Jahre lang nicht erhöht hatten, halte ich die verhältnismäßig geringe Steigerung für gerechtfertigt. Für die S-Bahn halte ich sie nicht mehr für gerechtfertigt. Deshalb müssen die Kunden erneut entschädigt werden. Bahnchef Grube muss spätestens am Montag im Verkehrsausschuss dazu etwas sagen.Was fordern Sie?Angemessen wäre eine ähnliche Entschädigung wie 2010, also zwei freie Monate für Abonnenten, für alle anderen Freifahrten etwa am Wochenende.Was kostet das die Bahn?Rund 77 Millionen Euro.Werden Sie auch die Zuschüsse weiter kürzen?Wir werden selbstverständlich im Januar wieder Geld abziehen.Wie viel Geld haben sie bisher insgesamt einbehalten?Von den rund 550 Millionen Euro, die Berlin und Brandenburg in den letzten beiden Jahren hätten zahlen müssen, haben wir etwa 90 Millionen einbehalten.Ist die S-Bahn inzwischen auf dem Weg in die Pleite?Ich vermute, die S-Bahn ist seit Ende 2009 ein Zuschussgeschäft.Sie haben 2010 bei der EU eine mögliche Teilausschreibung der S-Bahn angemeldet. Entscheidet der Senat vor der Wahl, wie es weitergeht?Darauf lege ich großen Wert. Jede Verzögerung würde uns von der S-Bahn abhängiger machen. Von der Bestellung von Wagen bis zur Lieferung braucht man fünfeinhalb Jahre. Deshalb läuft auch jede Forderung, der Senat möge selbst Wagen bestellen, ins Leere.Kann das Land die S-Bahn übernehmen?Diese Option scheidet aus, denn die Deutsche Bahn will ihr Tochterunternehmen nicht verkaufen. Auch der Bundesverkehrsminister will das nicht. Die Frage ist daher, ob wir den S-Bahn-Verkehr auch ab 2017, wenn der jetzige Vertrag ausläuft, wieder direkt an die S-Bahn vergeben. Ob dies überhaupt möglich ist, das ist eine noch ungeklärte europarechtliche Frage. Wir erwarten dazu im März ein Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofs.Sie selbst machen sich für eine Teilausschreibung stark.Ich halte es in der derzeitigen Lage tatsächlich für falsch, der S-Bahn eine Verlängerung des Vertrags in Aussicht zu stellen. Das Problem ist: Nach einer Ausschreibung lassen sich bis 2017 höchstens 200 neue Doppelwagen herstellen. Mehr geht technisch nicht. Wir sind also für rund drei Viertel des Betriebs weiter auf die S-Bahn angewiesen.Was wäre besser, wenn etwa auf dem Ring ein anderes Unternehmen mit neuen Waggons führe?Wir hätten eine Konkurrenz für die S-Bahn und den Vergleich, wer es besser macht. Also eine klassische Wettbewerbssituation. Von dieser Aussicht möchte ich die S-Bahn zurzeit nicht befreien.Was ist mit einer Direktvergabe des Auftrags an die BVG?Da ist zu prüfen, was man der BVG zutrauen und zumuten kann. Auch die BVG müsste neue Züge kaufen.Dass SPD und Linke eine Ausschreibung ablehnen, ist Ihnen bekannt?Ich kenne meine Parteitagsbeschlüsse. Aber wir müssen im Senat alle Varianten prüfen und uns einig werden, was wir wollen.Sie ignorieren den SPD-Willen?Nein, ich werde der Partei Lösungen vorschlagen und dafür werben.Wann soll entschieden werden?Die Entscheidung sollte so bald wie möglich fallen.Was wollen Sie von Bahn-Chef Grube noch hören?Wir brauchen Antworten, wie die Bahn sich grundsätzlich aufstellen will. Wir müssen die Bahnreform von 1993 weiterentwickeln. Mir fehlt die Orientierung am Gemeinwohl. Das wurde im Laufe der Jahre zugunsten der Renditeerwartungen immer weiter zurückgedrängt - unterstützt durch eine nachlässige Politik der Bundesregierung, also des Eigentümers.Der zeitweise durch einen Sozialdemokraten namens Wolfgang Tiefensee vertreten war.Die Kritik bleibt trotzdem richtig. Es gab kein Durchgreifen des Aufsichtsrats, keine Zielvereinbarung, keine politische Steuerung. Da ist eine kapitalmarktorientierte Geschäftspolitik der Bahn unterstützt worden, statt das Gemeinwohl im Auge zu behalten, also den sicheren und gleichen Zugang aller zu Mobilität. Und wenn der Staat das will, dann muss er es auch bezahlen.Muss die Bahn jetzt Geld in die S-Bahn stecken?Ja, es geht nicht anders als mit Investitionen. Die Bahn wird auch vorplanen müssen, mit welchen Fahrzeugen sie ab 2017 rund drei Viertel des Betriebs abdecken will.Haben Sie den Eindruck, dass die Bahn als Monopolist die Probleme wirklich lösen will?Das Problembewusstsein ist da. Die Bahn weiß, was sie dieser Skandal kostet, auch an Imageverlust. Sie will international auftreten. Das geht nicht, wenn man nicht einmal in der Lage ist, den Nahverkehr in der eigenen Hauptstadt zu liefern.Das Gespräch führten Jan Thomsen und Regine Zylka.------------------------------Foto: Nach dem Rücktritt von Peter Strieder im April 2004 wurde seine Staatssekretärin Ingeborg Junge-Reyer Senatorin für Stadtentwicklung. Sie hat an der Verwaltungsakademie in Berlin studiert.Foto: Da könnse lange warten.