Die Zeitschriften "Modern Living", "Men s Health" oder "auto motor und sport" erreichen hohe Auflagen, deshalb schalten Firmen gerne dort Anzeigen. Der Stuttgarter Motor-Presse Verlag, der unter anderem diese Zeitschriften herausgibt, war ein unauffällig agierendes Unternehmen mit gutem Ruf in der Branche. Diese Harmonie wird nun getrübt. Nachdem einige Wochen lang nur Gerüchte kursierten, hat der schwäbische Verlag zugegeben, massiv die Auflagenzahlen gefälscht zu haben. Zunächst ging es nur um Special-Interest-Blätter wie "Audio, Video und Stereoplay". Inzwischen wurde bestätigt, dass die Auflagen von 16 Titeln im dritten und vierten Quartal 2000 sowie im ersten Quartal diesen Jahres teilweise um zehn Prozent in die Höhe getrieben wurden.Die Auflagenkosmetik bringt den Verlag in Turbulenzen. Am Donnerstag gab der Verlagschef Frieder Stein seinen Rücktritt bekannt, seinen Posten übernimmt Christian Delbrück, früherer Zeitschriften-Vorstand des Springer-Verlags. Den Vertrieb aller Titel übernimmt künftig der Verlag Gruner + Jahr, der einen Anteil von 15 Prozent an der Motor-Presse. Bis Ende April 2002 sollen die Gruner+Jahr-Manager Hartmut Bühne und Friedrick Wehrle Delbrück unterstützen.Zum 31. Oktober scheidet die Motor-Presse außerdem mit allen 16 Zeitschriften aus der IVW (Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern). Der Entschluss kam nicht ganz freiwillig, denn die Auflagenprüfanstalt, ein Zusammenschluss von rund 1 800 Verlagen und Agenturen, hatte bereits vor einigen Wochen festgestellt, dass es bei den Zahlen aus Stuttgart einige Widersprüche gab. Es seien "mit erheblicher Energie Daten und Unterlagen manipuliert worden" sagt Georg Wronka, Geschäftsführer des Zentralverbandes der Werbewirtschaft (ZAW), dem die IVW untersteht.Schadenersatz gefordert Unsicherheit über die Konsequenzen herrscht bei den Media-Agenturen, die für Firmen Anzeigenseiten kaufen. Sie sehen sich von der Motor-Presse geprellt und fordern Rückzahlungen. Nach Schätzungen macht das Herzstück des Verlags "auto motor und sport" mit einer angeblichen Auflage von 490 000 Stück rund 100 Millionen Mark Umsatz mit Werbung.Die Fälschungen werden "gravierende Auswirkungen" auf die gesamte Branche haben, sagt Nicole Piontek, Mediaberaterin der Agentur HMS Carat. Man müsse nur noch prüfen, welche Schadenersatzforderungen rechtlich möglich seien. Ihr Kollege Thomas Koch von der gleichnamigen Media-Agentur wird deutlicher: Es sei denkbar, dass "auto motor und sport" zehn Prozent der Anzeigenpreise zurückzahlen müsse, sagte er der "Financial Times Deutschland".Die IVW gilt als unabhängige, seriöse Kontrollinstanz. Bisher, so IVW-Chef Michael Schallmeyer, sei eine derartige Manipulation noch nicht vorgekommen. Die Auflagenzahlen, die die Anstalt herausgibt, sowie die Verbreitung entscheiden über die Höhe der Anzeigenpreise. Unter Mediaplanern gelten die IVW-Zahlen als "harte Währung" "Wer nicht in der IVW Mitglied ist, hat es wesentlich schwerer beim Anzeigenverkauf", sagt Nicole Piontek von HMS Carat. Ungeprüften, lediglich vom Verlag veröffentlichten Zahlen misstrauen die Mediaplaner.