BERLIN, 5. Februar. Die Bundesanstalt für Arbeit (BA) muss sich rechtfertigen, weil ihre Arbeitsvermittlung anscheinend nur bedingt funktioniert. Bert Rürup, Sozialexperte unter den fünf Wirtschaftsweisen, warnt vor voreiligen Schuldzuweisungen.Herr Professor Rürup, die Arbeitsämter helfen Erwerbslosen offenbar viel weniger als bisher behauptet. Wie kann es zu solchen Verzerrungen kommen?Das würde ich auch gerne wissen. Ich kann mir nur vorstellen, dass es zahlreiche Arbeitsvermittler mit der Buchführung nicht so genau nehmen. Die wollen auch Erfolgserlebnisse haben. Wenn ein Arbeitsloser zum Beispiel über eine Zeitungsanzeige einen neuen Job gefunden hat, haben das vermutlich Vermittler für sich verbucht, ohne direkt am Vertragsabschluss beteiligt gewesen zu sein.Gibt es etwa mehr Geld, wenn man viele Vermittlungen vorweisen kann?Nein. Aber eine hohe Zahl von Vermittlungen begünstigt natürlich indirekt die Karriere. Da kann es nahe liegen, dass sich Vermittler und Arbeitsämter gern mit fremden Federn schmücken.Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, kann dies nur bedeuten, dass BA-Chef Bernhard Jagoda und Bundesarbeitsminister Walter Riester ihren Laden nicht im Griff haben.Vorsicht! Die Bundesanstalt ist keine nachgelagerte Behörde des Arbeitsministeriums, sondern eine selbstverwaltete Körperschaft. Sie gibt sich ihre Statuten selbst und wird paritätisch von Gewerkschaften, Arbeitgebern und dem Staat verwaltet.Was meinen Sie damit?Wenn offensichtlich nicht eindeutig klar ist, was als Vermittlung gewertet werden darf und was nicht, fällt das nicht nur auf das Ministerium zurück, sondern mehr noch auf die Bundesanstalt. Und damit auch auf den DGB und die Arbeitgeberverbände, die ebenfalls im Vorstand der Körperschaft sitzen. Schonungslose Aufklärung tut Not.Die Beitragszahler pumpen jedes Jahr viele Milliarden Euro in die Arbeitslosenversicherung. Wird jetzt das Ansehen dieses Systems beschädigt?Zumindest eines Teils davon, nämlich der Arbeitsvermittlung. Man muss sich vor Augen halten, dass diese bisher ein Aushängeschild der Bundesanstalt ist, auch wenn hier nur jeder Zehnte ihrer Beschäftigten arbeitet. Wenn die Zahl der Vermittlungen hoch war, konnte sie trotz hoher Arbeitslosigkeit sagen: Seht her, wir haben einen guten Job gemacht. Falls sich der Vorwurf bestätigt, dürfte dies in Zukunft schwer fallen.Walter Riester will mit dem Job-Aktiv-Gesetz die Arbeitsvermittlung modernisieren. Macht ihm der Rechnungshof einen Strich durch die Rechnung?Das glaube ich nicht. Das Gesetz sollte sogar dazu beitragen, dass es in Zukunft nicht mehr zu solchen gravierenden Fehlern kommt. Künftig schließen Arbeitsamt und Arbeitsloser eine Eingliederungsvereinbarung. Da wird jeder Schritt dokumentiert.Das Gespräch führte Thorsten Knuf.