BERLIN. Er ist nicht vom Blitz der Erkenntnis überwältigt worden, er hat auch nicht Gottes Stimme gehört. Er hatte noch nicht mal einen Traum, in dem ihm sein Weg gewiesen wurde. Die Wahrheit ist, dass David Hassenforder gar nicht so genau wusste, was er eigentlich machen sollte in seinem Leben. Am Anfang des Studiums wollte er Religionslehrer werden - und jetzt steht er kurz vor seiner Priesterweihe.David Hassenforder ist 27 Jahre alt. Er wird darauf verzichten, eine Familie zu haben. Er wird einen Beruf ergreifen, den viele für verdächtig halten, weil die Worte Priester und sexueller Missbrauch kaum noch trennbar zu sein scheinen. Warum will er das trotzdem machen? David Hassenforder lacht. Da ist nichts Verschämtes, nichts Zögerliches in seinem Blick. Er kann seine Motive mit ruhiger, fester Stimme erklären, so wie jemand, der nun wirklich weiß, was er will.Es ist ein Sonntag im Frühsommer. Die Kirche Maria Frieden in Tempelhof ist mit Gläubigen gefüllt. Als der Pfarrer den Leib Christi in Form einer Hostie in die Höhe hält, kniet David Hassenforder. Er trägt ein weißes Gewand, so wie der Pfarrer, der die Messe leitet. Rot ist die Farbe der zwölf Ministranten. Die Gottesdienstbesucher begrüßen sich mit Handschlag. Sie sprechen gemeinsam das "Vaterunser", singen im Kanon. Alles wirkt so natürlich, so vertraut. Irgendwann möchte man auch dazu gehören. David Hassenforder sagt, er begegne Gott in der Messe. "Die Glaubenserfahrung hat etwas Erhebendes."Außerhalb der Kirche trägt David Hassenforder Jeans und einen schlabberigen Pullover, der vielleicht seine Körperfülle verdecken soll. Dabei wirkt er sonst überhaupt nicht wie jemand, der etwas verstecken will. Sehr direkt, sehr präsent, er ist genau da, wo er sein will: einer von sechs Priesteramtskandidaten im Erzbistum Berlin, die im September zu Diakonen geweiht werden sollen."Nicht superfromm"Hassenforder stammt aus einer katholischen Familie, "aber nicht superfromm". "Meine Eltern sind sozial engagiert, aber das Erhebende der Glaubenserfahrung, da gehen die nicht mit. Das ist schade", sagt er. "Ich glaube für die auch mit." Hassenforder hat Theologie in Sankt Augustin bei Bonn studiert, bei den Steyler Missionaren. Nachdem ihm klar war, dass er nicht Lehrer werden wollte, begab er sich auf die Suche. Zuerst hatte er die Idee, Pastoralreferent zu werden, das sind Mitarbeiter in der katholischen Kirche, die sich um die Seelsorge kümmern. Aber da gab es nur wenige Stellen. Er sah sich bei verschiedenen Orden um. Aber richtig wohlgefühlt hat er sich dort nicht. "Bei den Benediktinern musste man morgens so früh aufstehen, und im Winter war das Weihwasser eingefroren", sagt er und grinst.Die Idee, Priester zu werden, ist dann ganz langsam gewachsen. "Wie ein Pflänzchen", sagt er. Er hatte Vorbilder, das war vielleicht das Wichtigste. Da gab es einen Pfarrer in seiner Heimatstadt, der ihn stark beeindruckt hat, weil er mit solcher Begeisterung Pfarrer war. Im Studium begegneten ihm als Dozenten konservative wie liberale Priester, mit denen er gute Gespräche hatte. "Eine bunte Mischung", nennt er das. Er hatte nicht gedacht, dass innerhalb der katholischen Kirche eine solche Meinungsvielfalt herrschen könnte.Zwischen der Zeit seiner langsamen Annäherung an seine Berufung und der bevorstehenden Priesterweihe hat sich viel verändert in diesem Land. Die einst würdigen Priester, Hüter der Moral, sind in Verruf geraten. Weil am Canisius-Kolleg in Berlin und in vielen anderen katholischen Internaten und Gemeinden Missbrauchsfälle bekannt geworden sind. Die katholische Kirche hat sie häufig vertuscht, so gut und so lange es eben ging.Es war wie eine riesige Welle, die über das Land schwappte. Nachdem die ersten Fälle bekannt wurden, bekamen auch andere Opfer Mut und lüfteten ihr Schweigen. Plötzlich standen die Priester allesamt wie Verbrecher da. Plötzlich wurde der Zölibat nicht mehr nur als überholte und schwer durchzuhaltende Lebensform der Priester infrage gestellt. Debattiert wurde, ob die kirchlichen Regeln nicht mitverantwortlich seien für die dunklen Bedürfnisse mancher Priester.Alles geriet in Auflösung. Man fragte, warum jemand überhaupt diesen Beruf ergreift. Was das für Menschen sind, die sich freiwillig in eine abgekapselte Parallelwelt zurück ziehen, mit einer verklausulierten Sprache und uralter Symbolik? In Deutschland kulminierte der Kirchenskandal mit dem Fall des Bischofs Walter Mixa, der nicht nur Jugendliche geschlagen, sondern sich auch erwachsenen Priestern sexuell genähert haben soll. Mixa, der selbst ernannte Moralträger und Besserwisser, wurde zum Symbol des bösen Geistlichen.David Hassenforder hätte sich wahrscheinlich keinen schlechteren Moment aussuchen können, um seinen Traum zu verwirklichen. Aber diese ganze Debatte und dieses vergiftete Klima scheinen ihm nichts anzuhaben. Nicht, dass es ihm egal wäre. Aber es ändert nichts an seiner Entscheidung, an seinem Glauben. Er sagt, er glaube nicht, dass der Zölibat schwerer zu leben sei als eine Ehe. Er will frei sein, die Gemeinde und Gott an die erste Stelle setzen, das könnte er mit einer Familie nicht. Er will auf Ehe und Partnerschaft verzichten um eines höheren Gutes willen.Dass er dann auch auf Kinder verzichten muss, findet er viel schwieriger. Seine Cousinen haben mittlerweile welche. "Für die bin ich der Onkel, das ist schön", sagt er. Er möchte einen Platz in der Familie haben und doch Priester werden. "Sich an etwas binden ist immer schwierig", sagt Hassenforder.Er ist gespannt, ob das Lebensmodell, dass er sich ausgesucht hat, trägt. Aber schließlich sei der Zölibat ja auch nicht plötzlich am Ende seines Studiums aufgetaucht wie das Kleingedruckte in einem Vertrag. Er hat sich mit vielen Patres unterhalten, um eine Vorstellung zu bekommen, was auf ihn zukommt. "Das waren glückliche Menschen", sagt er. Abschaffen würde er den Zölibat nicht, wenn er darüber entscheiden könnte. "Ich glaube auch nicht, dass plötzlich alle Priester werden wollen, wenn es den Zölibat nicht mehr gibt", sagt David Hassenforder.Jeder ist wichtigEs ist nämlich so, dass die katholische Kirche in Deutschland auch ohne Missbrauchsdebatte schon genug Nachwuchssorgen hat. 12 080 Pfarreien und andere Seelsorgestellen gibt es, in den kommenden Jahren wird ein großer Teil von ihnen frei, weil die Pfarrer in den Ruhestand gehen. Aber die Zahl der Priester, die jedes Jahr geweiht werden, sinkt. 179 Priesterkandidaten wurden 2008 neu aufgenommen, Anfang der Achtzigerjahre waren es fast vier Mal so viele.Auch im Erzbistum Berlin bräuchte man perspektivisch mehr Priester. Im vergangenen Jahr wurde gar keiner geweiht, in den Jahren zuvor schwankten die Zahlen zwischen einer und sechs Priesterweihen. "Jeder gute Priester ist für uns wichtig", beschreibt der Erzbistumssprecher Stefan Förner den Notstand. Aber die Anforderungen sind hoch. Die Kirche leistet sich den Luxus, von ihren Priestern ein akademisches Studium, Praktika, den Besuch des Priesterseminars zu verlangen und ein Leben im Zölibat. Frauen werden nicht zur Weihe zugelassen, und es gibt immer weniger Gläubige. Den Mangel verwalten will man aber auch nicht. Nur wenn der Betroffene und auch der Bischof zu dem Schluss kommen, dass der Kandidat wirklich berufen ist, wird geweiht. Dafür übernimmt die Kirche dann eine lebenslange Verantwortung für diesen Menschen. Der Priester gehört zur Kirche, er ist allen weltlichen Strukturen entzogen. Er ist nicht einmal sozialversichert.Auf der Yorckstraße in Kreuzberg tobt der Verkehr. Hinter den Klinkerwänden von St. Bonifatius ist es still. Grüne Höfe umrahmen die Kirche. Hier lebt Johannes Schaan, 29 Jahre alt, Priesteranwärter.Er ist schlank, und die schwarze Kleidung mit dem Kollar, dem weißen ringförmigen Kragen, lässt ihn noch dünner erscheinen. "Ich werde nicht Priester, weil ich etwas bewegen will, sondern weil ich dort Gott begegne", sagt er. Für ihn ist der Priester eine Kontaktperson zwischen Gemeinde und Gott.Der Zugang zu diesem Beruf ist bei Schaan ein anderer als bei Hassenforder. Schaans Familie ist geprägt vom Neokatechumenalen Weg, einer Gemeinschaft innerhalb der katholischen Kirche, deren Mitglieder nach dem Vorbild der heiligen Familie von Nazareth in Demut, Einfachheit und Lob leben. In Deutschland gibt es etwa 50 solche Gemeinschaften und zwei missionarische Priesterseminare. Als Zwölfjähriger lernte Schaan Seminaristen kennen, spielte Fußball mit diesen tiefgläubigen jungen Männern. "Sie haben mich interessiert. Sie waren so anders und dabei doch ganz normal", sagt er. Mit fünfzehn hat er zum ersten Mal gespürt, dass Gott ihn ruft.Er kann sich noch genau an den Moment erinnern an jenem Oktobertag 1995. Aber dann dauerte es noch fünf Jahre, bis er wusste, dass er tatsächlich Priester werden will. Beim Abitur hat er die neugierigen Fragen der Verwandten noch abgewehrt, sich an der Technischen Universität für Verkehrswesen eingeschrieben. Aber im März 2000 rief Gott ein zweites Mal. "Damals habe ich mich für ein Mädchen interessiert", sagt Schaan. Er war verliebt, aber das Mädchen wollte nicht. Er hat dann geglaubt, dass dies ein Hinweis sei. Ein Wink Gottes. Er sollte Priester werden. Ein Freund fand, er spinne.Dieses AlleinseinDen Verzicht auf Sex, Ehe, Kinder findet Schaan wichtig. "Dieses Alleinsein, niemand ist da, das ist auch eine fortwährende Prüfung, ob das echt ist", sagt er.Die Missbrauchsdebatte erwischt die Priesteramtskandidaten in jener Ausbildungsphase, in der sie aus der Isolation des Seminars ins wirkliche Leben hinausgehen - in die Gemeinden, zur Caritas, in all jene Einrichtungen der Gesellschaft, in denen Seelsorger tätig sind. Johannes Schaan war gerade in einer Schule im Praktikum als bekannt wurde, dass Jesuiten-Patres, Geistliche, die am Canisius-Kolleg unterrichteten, über Jahrzehnte Schüler missbraucht haben sollen. "Schon in der Bahn habe ich gespürt, was die Leute denken, wenn sie mich sehen mit dem Kollar", sagt Schaan.In der Schule seien die Lehrer vorsichtiger geworden. "Einem Kind über den Kopf streichen, das muss ich mir jetzt zwei Mal überlegen", sagt Schaan. Aber sollte er den Priesterberuf aufgeben wegen der vielen Missbrauchsfälle? Nein. "Jetzt erst recht, habe ich gedacht", sagt Schaan. Die Diskussion hat ihn überhaupt nicht kaltgelassen. "Aber die eigentliche Erfahrung von Kirche ist eine andere", sagt er, "und es wird auf der Kirche rumgehackt für etwas, was überall in der Gesellschaft passiert.""Die Debatte stimmt mich traurig", sagt David Hassenforder. Er gerate mit der katholischen Kirche in eine Verteidigungshaltung. "Man wird angegriffen. Das nimmt einem die Chance, wirklich draufzusehen." Auf die Strukturen, und was man verändern könnte oder müsste. Er findet den Generalverdacht, jeder Priester sei ein Kinderschänder, absolut ungerecht. "Das muss man den Tätern vorwerfen", sagt er. Aber er sieht die Situation auch als Herausforderung. Übersetzungsarbeit sei dringend nötig. "Der Blick auf die katholische Kirche ist für Nicht-Katholiken immer der auf etwas ganz Fremdes. Nur weil man nicht versteht, warum der Priester im bunten Gewand mit Weihrauch in die Kirche einzieht, muss man sich doch nicht darüber lustig machen." Er hat aber auch Erwartungen an die Kirche, sie soll ein Beispiel geben, wie man umgeht mit solchen Fällen, man dürfe sich nicht einigeln.In der Tempelhofer Gemeinde Maria Frieden wären viele glücklich, wenn David Hassenforder als Priester eines Tages zu ihnen zurückkehren würde. "Er kam als Herr Hassenforder, und er geht als David", sagt die Pastoralreferentin am Ende des Gottesdienstes. "Unser prächtiger Praktikant - einer von uns", so nennt ihn der Pfarrer. Dann applaudiert die Gemeinde lange, und David Hassenforder muss sich eine Träne abwischen.------------------------------Foto: David Hassenforder (l.) und Johannes Schaan sind zwei von sechs Priesteramtskandidaten im Erzbistum Berlin, die im September zu Diakonen geweiht werden sollen.