Herr Butter, haben Sie eine Lieblingsverschwörungstheorie?Gute Frage. Da muss ich mal nachdenken.Fangen wir anders an: Wie kommt man überhaupt dazu, über Verschwörungstheorien zu forschen?Ich habe zunächst über Hitler als Verkörperung des Bösen in amerikanischer Literatur promoviert. Da kommen einem dann auch Romane unter wie der von Timothy Benford, in dem Hitlers schwangere Geliebte kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs per U-Boot in die USA gebracht wird und dort eine Tochter bekommt. Die steht jetzt kurz davor, Präsidentin zu werden. Ach du meine Güte.Ja, ein ganz grässliches Buch. Aber auch interessant. Im Grunde bringt das Buch Kritik am amerikanischen Feminismus zum Ausdruck. Mit anderen Worten, man sollte bei Verschwörungstheorien, ob fiktional oder nicht, mehr zwischen den Zeilen lesen, weil sie auch verraten, wie die Gesellschaft gerade tickt?Genau. Die ältere Forschung hat solche Theorien lange pathologisiert und ihre Anhänger als paranoid abgetan. Wenn man aber weiß, dass mehr als ein Drittel der US-Amerikaner tatsächlich glaubt, die Bush-Regierung stecke hinter den Anschlägen vom 11. September, ist es relativ sinnlos, sie alle als geisteskrank abzutun. Inzwischen gibt es in der Forschung recht elaborierte Ansätze, nach denen wir Verschwörungstheorien als eine verzerrte Reaktion auf soziale Missstände verstehen sollten. Was sind Auslöser dafür?Theorien, vor allem solche, die sich gegen die eigene Regierung richten, entstehen immer dann, wenn Menschen das Gefühl haben: Da gibt es eine immer größere Distanz zwischen den einfachen Leuten und ihren politischen Repräsentanten, Interessen der Wähler werden nicht mehr vertreten. Insofern sind solche Theorien durchaus ein integraler Bestandteil repräsentativer Demokratien. Warum trifft das besonders die USA?Die Amerikaner stehen ihrer Zentralregierung seit jeher misstrauisch gegenüber und hegen immer schon den Verdacht, dass diese sich gegen die eigenen Bürger verschworen hat und vielleicht von ausländischen oder anderen Mächten kontrolliert wird. Viele glauben heute, dass irgendwann eine Gruppe von Bankiers und Wall-Street-Managern die Macht übernommen hat. Und zum Teil werden Theorien ja auch selbst von politischer Seite ins Spiel gebracht. Präsidenten müssen damit leben, jeder wird irgendwann zur Zielscheibe. Barack Obama hat ja zwei Jahre nach seiner Amtseinführung auch schon eine stattliche Sammlung.Stimmt. Zu ihm gibt es wohl mehr Verschwörungstheorien als zu jedem anderen US-Präsidenten vor ihm. Neben dem allgemeinen Misstrauen steckt hinter den Obama-Theorien zuweilen aber auch ein mehr oder weniger manifester Rassismus gegenüber Afroamerikanern. Da wird Barack Obama als Usurpator dargestellt, der sich die US-Staatsbürgerschaft erschlichen hat und Teil eines Komplotts ist. Aber an Präsidenten wie ihm lässt sich auch schön nachvollziehen, welchem Muster solche Theorien folgen.Nämlich?Das Weltbild jedes Verschwörungstheoretikers besagt: Nichts geschieht durch Zufall, alles ist miteinander verbunden und es gibt Kräfte, die den Verlauf der Geschichte kontrollieren können. Deshalb denken Theoretiker Geschichte auch immer von hinten und fragen: Wem nützt es? Und der, dem es nützt, wird verantwortlich gemacht. Bei 9/11 kommt man so zu dem Schluss: Wir haben den Patriot Act, den Krieg in Afghanistan, eine noch nie da gewesene Einschränkung der Bürgerrechte. All das war im Sinne der Bush-Administration, deshalb ist sie auch verantwortlich. Alle Theorien folgen dabei einem manichäischem Weltbild: Es geht immer um den Konflikt zwischen Gut und Böse.Worum ging es eigentlich in den ersten obskuren Ideen?Die lassen sich in den USA bis zu den ersten puritanischen Siedlern im 17. Jahrhundert zurückverfolgen. Sie begriffen sich als das auserwählte Volk Gottes, während alle Kräfte, die sich ihnen entgegenstellten, Teil eines teuflischen Komplotts waren. Das galt für Indianer genauso wie für Quäker und französische Katholiken aus Kanada. Später richteten sich Verschwörungstheorien gegen die englische Krone, dann waren Illuminaten und Freimaurer dran. Noch später osteuropäische und jüdische Immigranten, gegen Ende des 19. Jahrhunderts Banker. Und dann wurden in den Vereinigten Staaten natürlich die Kommunisten wichtig.Jetzt haben wir viel über die Vereinigten Staaten gesprochen. Was ist denn mit dem Rest der Welt?Auch wenn es an vergleichender Forschung mangelt, gibt es die These, dass Verschwörungstheorien neben den USA verstärkt in Osteuropa und im Nahen Osten vorkommen. Bei letzterem wohl, weil er lange Spielball ausländischer Mächte war. Ressentiments gegenüber dem Westen können deshalb immer wieder instrumentalisiert werden, um von eigenen innenpolitischen Problemen abzulenken. Wir in Westeuropa sind für Verschwörungstheorien heute weniger anfällig, was nicht heißt, dass wir es nicht mal waren. Eine große Ausnahme ist der elfte September: Die ersten Theorien dazu zirkulierten ja erst in Deutschland und Frankreich, bevor sie in die USA kamen.Wie kommt es, dass offenbar vor allem Männer kruden Ideen verfallen, während von Frauen kaum die Rede ist?Theorien, die sich gegen die eigene Regierung richten, haben sich vor allem in den 60-er Jahren nach der Ermordung Kennedys stark verbreitet. Diese Entwicklung läuft parallel zu weiteren Veränderungen: der Frauenbewegung, der Emanzipation. Man kann Verschwörungstheorien daher auch als Antwort auf eine Krise der Männlichkeit verstehen. Der Verschwörungstheoretiker glaubt, dass er allein die wirklichen Verhältnisse durchschaut. So bringt er sich in die Position eines Wissenden, der seiner Umgebung überlegen ist. Und was treibt den Verschwörungstheoretiker von heute so um?Aktuell geht es wohl um Michelle Obamas Gemüsegarten, mit dem sie versucht, Kinder zu vergiften. Das ist zumindest das Letzte, was ich gehört habe.Interview: Yvonne Globert------------------------------Was auf dem Mond und in Roswell wirklich geschahMichael Butter studierte Anglistik, Germanistik und Geschichte, bevor er über die Rolle Hitlers in US- Literatur promovierte. Über skurrile Romane, in denen "Was-wäre-wenn"-Hypothesen durchgespielt werden, kam er zu den Verschwörungstheorien. Um deren Systematik geht es in seiner Habilitation, die er am Freiburg Institute for Advanced Studies an der Uni Freiburg verfasst. Im Januar organisiert er dort eine Tagung zu Verschwörungstheorien im Nahen Osten und in den USA.Barack Obama ist nicht der, für den ihn die meisten halten. Verschwörungstheoretiker bezweifeln, dass der Demokrat Staatsbürger der USA ist und damit auch deren rechtmäßiger Präsident sein kann. Obama sei nicht in Hawaii geboren, sondern in Kenia oder gar Bürger Indonesiens. Seine Geburtsurkunde kann nur eine Fälschung sein.Anhänger der Idee einer "Neuen Weltordnung" warnen vor einer geheim operierenden stinkreichen Weltelite, die uns alle längst unter Kontrolle hat. Jede Polit- und Finanzkrise gibt den wahren Weltherrschern mehr Auftrieb. Seit den 90ern wird gemunkelt, dass sie uns von schwarzen Helikoptern aus beobachtet.Die Anschläge vom 11. September gehen nicht auf das Konto von Terroristen. Vielmehr haben Vertreter von US-Regierung und Geheimdienst die Attentate in Kauf genommen, wenn nicht gar selbst geplant und durchgeführt.Auch die Mondlandungen hat es nie gegeben. Glaubt man "Wissenden" wie Bill Kaysing, wurden diese von Nasa und Regierung vorgetäuscht, um im Wettstreit mit Russland zu glänzen. Die Mondszenen seien im Filmstudio einer geheimen Militärbasis entstanden.Um eben jene "Area 51" ranken sich ohnehin obskure Vorstellungen. Raumschiffe und ihre außerirdische Besatzung sollen hier untersucht und Flugzeuge mittels Ufo-Technologie von amerikanischen Wissenschaftlern entwickelt worden sein. Die Spekulationen konzentrieren sich auf ein 1947 bei Roswell angeblich abgestürztes unbekanntes Flugobjekt.Doch nicht nur in den USA kommen bis heute Verschwörungstheorien auf. In Russland kursiert gerade das Gerücht, schuld an den dortigen Waldbränden seien die Amerikaner, die mit entsprechender Technologie das Klima verändert hätten. ------------------------------Foto: Das Gerücht, die Mondlandung habe es nie gegeben, hält sich nachhaltig. Angeblich entstanden einschlägige Filmaufnahmen im Studio der "Area 51".