Die alte Doktorarbeit des vor fünf Wochen zum neuen Präsidenten der Humboldt-Universität (HU) Berlin gewählten Jan-Hendrik Olbertz polarisiert die Medien. Wie berichtet, warf ein Forscher dem noch amtierenden Kultusminister Sachsen-Anhalts vor, 1989 in Halle eine Habilitation vorgelegt zu haben, die man als SED-Propaganda bezeichnen könne. Sie sei von der ersten bis zur letzten Seite dem Marxismus-Leninismus verpflichtet gewesen.Die Tageszeitung Die Welt sieht ein Problem für die HU, wenn Olbertz im Herbst das Amt als deren Präsident antritt. "Er soll aus der einst größten Hochschule der DDR eine Spitzen-Universität formen", schreibt die Welt. Doch habe er sich "nie selbstkritisch mit seinen Werken bis 1989 öffentlich auseinandergesetzt", zitiert sie den Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk. Mehr noch: Olbertz habe den Anschein erweckt, er sei systemkritisch, ja ein halber Oppositioneller gewesen. Dies komme einer "Beugung der Wahrheit nahe". Die Zeitung urteilt: "Das sind harte Worte, zumal sie einem gelten, der an die Spitze einer Institution rücken soll, die der Aufklärung verpflichtet ist."Olbertz erfährt jedoch auch Verteidigung. Martin Sabrow, der Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam, hält es für "problematisch, einem im Gedankengebäude des Marxismus-Leninismus sozialisierten DDR-Wissenschaftler die Systemhörigkeit seines œuvre vorzuhalten". Im Tagesspiegel fragt Sabrow, ob bei der Debatte noch die Verhältnismäßigkeit gewahrt sei. "Es gibt keinen Stasi-Vorwurf gegen Olbertz, er war kein Scharfrichter, nicht mal ein richtiger Scharfmacher", schreibt die Zeitung. Olbertz habe sich zwar angebiedert, sich aber nach dem Ende der DDR weiterentwickelt, bis zur Berufung in hohe Ämter, wie andere auch. "Wenn so einer heute nicht Hochschulpräsident werden kann, weil er in jungen Jahren dummes Zeug geschrieben oder gedacht hat, dann hat dieses Land zwanzig Jahre lang vergebens an seiner Einheit gearbeitet."Die Frankfurter Allgemeine Zeitung lässt Verteidiger aus der Humboldt-Universität auftreten. Entscheidend sei, dass Olbertz nicht SED-Mitglied gewesen ist, sagt der Bildungshistoriker Heinz-Elmar Tenorth. Es sei sogar ungewöhnlich, dass ein DDR-Erziehungswissenschaftler "ein Graduierungsverfahren durchgehalten habe, ohne mit den Parteikadern zu kungeln". So hoch ideologisiert sei dieses Fach gewesen.Der FAZ-Kommentator Jürgen Kaube schlägt scharfe Töne gegenüber den Initiatoren der Debatte um Olbertz an. "Wer jetzt schreibt, man habe es in den Qualifikationsschriften von 1981 und 1989 mit Arbeiten zu tun, ,die irritieren und verstören', in dessen Texten qualmt es selber", urteilt er. Dass Olbertz' Arbeiten die Diktatur stabilisiert haben könnten, nennt er "Historikersoziologie". Am Ende hebt er Olbertz' Rolle als Minister und profilierter Hochschulpolitiker hervor: "Sei die Wissenschaft doch lieber froh, wenn einer von der Forschung oder dem, was nach ihr aussieht, zu dem gefunden hat, was er nachweislich viel besser kann und was für sie auch viel hilfreicher ist." Torsten Harmsen