BERLIN. Die Bundeswehr soll künftig international eine weitaus größere Rolle spielen als bisher. Das kündigte Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) bei der Vorstellung der radikalsten Reformpläne seit Gründung der Bundeswehr im Jahr 1955 an. Der Einsatz einer verkleinerten Bundeswehr werde künftig nicht mehr nur allein von den deutschen Interessen abhängig gemacht, sagte de Maizière gestern in Berlin. Die Vereinten Nationen würden Deutschland künftig verstärkt um den Einsatz von Bundeswehr-Soldaten bitten, auch wenn keine unmittelbaren Interessen der Bundesrepublik erkennbar seien. Was in anderen demokratischen Staaten längst eine Selbstverständlichkeit sei, solle auch in Deutschland so behandelt werden, sagte der Verteidigungsminister.Statt der Landesverteidigung solle sich die Bundeswehr künftig stärker um freie Handelswege, die Sicherung der Rohstoffversorgung und den Kampf gegen den internationalen Terrorismus kümmern. "Wir wollen dem Frieden in der Welt dienen", sagte de Maizière.Der CDU-Minister plant einen radikalen Umbau der Bundeswehr. So soll die Truppe von derzeit 249000 auf künftig 175000 bis 185000 Mann verkleinert werden. Gleichzeitig sollen aber demnächst 10000 Soldaten für Auslandseinsätze vorgehalten werden. Diese Zahl lag bisher bei 7000.Amtsvorgänger Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) plante eine Reduzierung auf 170000 Mann, verstärkt durch 15000 Freiwillige, die als Ersatz für die Wehrpflichtigen einen zwölf bis dreiundzwanzig Monate dauernden Dienst leisten können. Nach den jetzigen Plänen de Maizières dagegen soll die Zahl der Freiwilligen bei 5000 plus X liegen. Damit zieht der Minister die Konsequenz aus dem gescheiterten Bemühen seines Hauses, genügend Freiwillige anzuwerben.Unklar ist noch, welche Bundeswehr-Standorte geschlossen werden und wie die neue Ausrüstung der deutschen Armee aussehen wird. De Maizière räumte ein, dass er noch Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Reform erwarte. "Die Neuausrichtung der Bundeswehr und des Ministeriums gleichzeitig ähnelt einer Operation am offenen Herzen, während der Patient weiter auf der Straße spazieren geht", sagte de Maizière.Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin lehnte die Sicherung von Handelswegen durch die Bundeswehr ab. "Es darf nicht um die militärische Absicherung wirtschaftlicher Interessen gehen, sondern darum, globale Sicherheitsinteressen im Auftrag der Uno einzudämmen", sagte er der Berliner Zeitung. Trittin verlangte auch den Verzicht auf Rüstungsprojekte, "die nach Kaltem Krieg aussehen". Grundsätzlich lobt er aber den Verteidigungsminister für seine Reformpläne. "De Maizière nähert sich und die Bundeswehr jetzt schrittweise an die veränderte Realität an", sagte Trittin. Das sei eine Ohrfeige für Guttenberg.Ähnlich wie der Bundeswehrverband sagte der SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold, dass die Pläne zur Steigerung der Attraktivität der Bundeswehr uninspiriert seien. "So, wie es im Augenblick gemacht wird, droht ein Scheitern des Freiwilligenmoduls", so Arnold.Linken-Parteichef Klaus Ernst nannte de Maizières Konzept zur Bundeswehrreform absolut unzureichend. Die jetzige Mannschaftsstärke solle halbiert werden. Seine Partei lehne es zudem ab, dass die Bundeswehr in die Lage versetzt werde, mehr Auslandseinsätze zu absolvieren.Tagesthema Seite 2,Kommentar Seite 4------------------------------"De Maizière denkt erst nach, dann redet er. Das ist die richtige Reihenfolge." Rainer Arnold, SPD