BERLIN, 8. September. Es war keine beliebige Fuhre, die sich da an einem Hotel in der Nähe des Berliner Doms in Bewegung setzte. Ein Bus mit Athleten, Funktionären des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF und allerlei prominenten Meeting-Direktoren. Res Brügger zum Beispiel, der Chef des Letzigrund-Sportfestes in Zürich, und Wilfried Meert, der Direktor des Memorial van Damme in Brüssel, gehörten zu jenen, die sich auf die Reise ins Berliner Olympiastadion machten. Eine Stadtdurchquerung, die zu einem kleinen Abenteuer geriet.Im Schritttempo kämpfte sich das unklimatisierte Gefährt durch die Innenstadt. Immer wieder blickten die verschwitzten und verzweifelten Insassen auf ihre Chronometer. Giorgio Reineri etwa, der Pressechef der IAAF, hämmerte seinen Kopf wiederholt gegen eine Haltestange. "Ich fass es nicht", sollte die Geste sagen. Wilfried Meert wird sich daran erinnert haben, wie gut man solche Transporte daheim in Brüssel zu organisieren pflegt: Dort schickt man die Busse vom Athletenhotel mit einer blaulichtigen Polizei-Eskorte auf den Weg ins Stade Roi Baudouin.Missliche SituationIndes, auch im baustellen-dominierten Berlin ist jeder Transport irgendwann am Ziel. Schon nach einer knappen Stunde, Reineri hatte seine Stirn noch keine dreißig Mal ans Aluminium gerammt, kam der Bus am Marathontor des Olympiastadions zum Stehen. Zwei Dutzend Athleten entflohen ihrem zeitweiligen Gefängnis in Richtung des Innenraums. Die Meeting-Chefs um ihren einflussreichen Vorsprecher Res Brügger marschierten flink auf ihre Ehrenplätze. Und Reineri, der grau melierte Signore, fuhr sich elegant durchs Haupthaar, dann zerrte er an der zerknitterten Seidenhose.Natürlich war es gemein, den IAAF-Pressechef in so misslicher Situation um Aufklärung zu bitten über jene eigenartigen Nachrichten, die eine Leichtathletik-WM in Berlin betreffen. Schließlich hatte sein Chef, IAAF-Präsident Primo Nebiolo, erst vor zehn Tagen in Sevilla behauptet, Berlin bekäme die WM 2009. Zuvor seien Paris (2003), London (2005) und Tokio (2007) gesetzt. Die Termine seien mit den Stadtvätern aller Metropolen abgestimmt. Er könne dies nicht bestätigen, zischte Reineri zunächst. "Herr Nebiolo hat sich vor einiger Zeit mit Herrn Diepgen getroffen, dem kann ich nichts hinzufügen." Dann erklärte er, Nebiolo habe sich so nie geäußert. Merkwürdig dies, dabei sind Nebiolos Zitate dokumentiert.Nebiolo selbst konnte dazu nicht einvernommen werden. Der kleine, 76 Jahre alte Italiener war nur kurz im Olympiastadion aufgetaucht. In einer teuren jedoch nicht der teuersten, darauf legt Nebiolo gewöhnlich viel Wert Karosse eines IAAF-Sponsors kutschierte man den Sonnenkönig zur symbolischen Übergabe des Jackpots von insgesamt einer Million Dollar an Gabriela Szabo (Rumänien) und Wilson Kipketer (Dänemark). Nebiolo sei sehr angetan gewesen von dem, was er beim Istaf sah, wurde verbreitet, wie auch sein Statement, Berlin habe gute Chancen auf die WM 2005.Nebiolo sprach mit Diepgen2005, 2009 ja was denn nun? "Keine Ahnung", sagte der deutsche Olympiavorsteher Walther Tröger, der mit Nebiolo gemeinsam im IOC sitzt. Nebiolo habe immer nur über 2005 geredet, erklärte der deutsche Leichtathletik-Präsident Helmut Digel, der dem IAAF-Council angehört. Digel hält die Diskussionen noch so lange für überflüssig, wie es keine "Reaktionen und keine Bewerbung aus Berlin" gibt. Für eine offizielle Stellungnahme der Berliner Verantwortlichen in Sport und Politik wäre es höchste Zeit. Schließlich habe Nebiolo dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen schon mehrfach gesagt, dass er eine WM in der deutschen Hauptstadt befürworten würde.Diepgen aber, so verlautete aus der Senatskanzlei, sei noch immer von der desaströsen Olympiabewerbung geschockt. Bevor er sich in ein neues Abenteuer stürze, erwarte er eine klare Analyse der Chancen einer Berliner Bewerbung. "Wir würden diese Sache unterstützen, eine Leichtathletik-WM wäre hervorragend für das Image der Stadt", sagte Jürgen Kießling, der für Sport zuständige Berliner Senatsrat. Doch Kießling wartet auf ein Signal des DLV oder des Berliner Leichtathletikverbandes. Jeder wartet auf jeden. Wartet man zu lange? So viele Einladungen spricht Nebiolo vielleicht nicht mehr aus.IAAF GRAND PRIX Das Finale // Wertung: Ein Sieg am 11. September in München bringt 24 Punkte, Rang zwei 21 und Rang drei 18 Zähler. Disziplin-Sieger erhalten 50 000 US-Dollar, die Sieger der Gesamtwertung bekommen 200 000 Greenbacks.Einzel: In den Grand-Prix-Disziplinen (zehn Männer, acht Frauen) führen auch Astrid Kumbernuss (Kugel) und Jürgen Schult (Diskus).Gesamt: Frauen: 1. Mutola und Szabo je 84 Punkte, 3. Masterkowa 81, 4. Hemmings 80. Männer: 1. Barmasai 87, 2. Gatsioudis 85, 3. W. Kipketer 84, 4. Tarasov, 5. Crear und Ngeny je 80.