Hans Magnus Enzensberger hat uns das Staunen über unsere eigene Gesellschaft beigebracht, und ganz offensichtlich ist er selbst aus diesem Staunen bis heute nicht mehr herausgekommen. "Schade, dass die Deutschen", so beklagte er 1982, "keinen Balzac und nicht einmal einen Zola haben, der ihre Sitten und Gebräuche überliefern könnte. Die sonderbaren Blüten, die das Glashaus der Bundesrepublik treibt, gäben den Erzählstoff für allerhand Komödien ab." Aber in Enzensbergers eigenen Schriften, in den Essays wie in den Gedichten, sind sie doch alle gesammelt, diese sonderbaren Blüten: die Tulpenlampen der fünfziger Jahre und die sackartige Jugendmode der neunziger; der Quellekatalog und die Bildzeitung; die Deutsche Frage und die Unregierbarkeit, der Massentourismus, das Fernsehen, die Debatten um die Innere Sicherheit: alles.Die Wiederbegegnungen können schmerzhaft sein. Die siebziger Jahre, das unseligste und hässlichste Jahrzehnt der Nachkriegszeit, leben mit fotografischer Deutlichkeit nach in dem kurzen Gedicht "Die Dreiunddreißigjährige" aus dem Band "Die Furie des Verschwindens": "Erst hat sie Hesse gelesen, dann Handke./ Jetzt löst sie Silbenrätsel im Bett./ Von Männern lässt sie sich nichts gefallen./ Jahrelang war sie Trotzkistin, aber auf ihre Art." Die schwer greifbare Welt der Westdeutschen, jetzt auch der Ostdeutschen, wurde der Fantasie zugänglich in Enzensbergers Texten.Das Klischee sagt, dieser Autor habe begonnen als zorniger junger Mann, sich im Lauf der Jahre aber mit der sozialen Normalität ausgesöhnt; heute gilt er vielen als Verteidiger des Status quo. In Wahrheit ist die Konstanz der Wahrnehmung überwältigend. Bereits die Ekelattacken und Sezierungen der Frühzeit enthalten ein Moment faszinierten, fast genüsslichen Erstaunens, und die späteren Vorschläge zur Güte geben der aufgedonnerten Vitalität des hochkapitalistischen Wohlstands ihren Segen nicht ohne einen Beiklang anerkennenden Hohnes. Man rühmt immer Enzensbergers Beweglichkeit; es wäre Zeit, auch seine erbarmungslose Treue zu seinen Gegenständen zu loben. Enzensberger ist sein ganzes Leben lang sehr viel gereist und auch als Leser und Übersetzer denkbar weit herumgekommen. Doch er kommt auch immer wieder heim und schaut mit dem von der Ferne ausgeruhten Blick nach, wie es seinen Beobachtungsobjekten inzwischen geht. Man könnte aus seinen Texten ein thematisch geordnetes Lesebuch zusammenstellen, das die Entwicklung ganzer Problemfelder dokumentieren würde, zum Beispiel die Geschichte der Massenpresse. In den späten fünfziger Jahren entwarf Enzensberger eine "Theorie des Tourismus", die dessen Freiheitsversprechen als Massenbetrug entlarvte; 1972 kritisierte er eine intellektuelle Spielart des Reisens, den Revolutionstourismus in sozialistische Länder; 1982 verteidigte er "eine genusssüchtige, völlig enthemmte Bevölkerung", die sich herausnimmt, en masse an die Ostsee oder nach Mallorca zu fahren, gegen den Hochmut der Kulturkritik. In dem "Anspruchsdenken" dieser Massen erkennt Enzensberger nun das "Gespenst der Gleichheit".Enzensbergers Zickzack ist unermüdliche Neugier und Treue zugleich. Selbst seine meistkritisierte Intervention, die Beschreibung Saddams als Hitlers Wiedergänger während des Golfkriegs, hat einen Vorgänger: In seinem Essay "Über die Schwierigkeit, ein Inländer zu sein" weigerte sich Enzensberger 1964, den Massenmord der Deutschen als exklusiven Ausdruck einer nationalen Besonderheit zu verstehen: "Deutsche haben ihn verübt. Das scheint manche Leute mehr zu beschäftigen als die Entdeckung, dass der Mensch zu allem fähig ist." Darin sollte man nicht ein apologetisches Argument sehen, sondern die desillusionierte Warnung vor der Wiederholbarkeit des Entsetzlichen. Enzensbergers zu Recht bewunderter zeitdiagnostischer Instinkt, seine Schnelligkeit, das Vorauseilen vieler seiner Wahrnehmungen, dürfte das Resultat seiner Konstanz sein: Er beschäftigt sich einfach mit den richtigen Problemen. Er stochert nicht im Nebel, sondern schaut die sich drehende gleiche Welt von immer neuen Seiten an. Wiedererkennen und Überraschung halten sich dabei die Waage. Er hat die Gabe der fantastischen Einfachheit.Seine oft zitierte "Verteidigung der Normalität" gilt allerdings eher der zähen Vitalität von Underdogs und Sonderlingen, die sich durchs Dickicht der Gesellschaft schlagen, als dem sozialen Durchschnitt. Überhaupt steht Enzensberger der offiziösen "Gesellschaft", zu der er kraft Erfolges wohl oder übel zählt, ganz kalt gegenüber. Sein Respekt gilt den Lyrikern, den Eigensinnigen und Versponnenen, die er mit nimmermüder Hingabe entdeckt, übersetzt und durchsetzt in den letzten Jahren beispielsweise W.G. Sebald und Christoph Ransmayr , oder aber Menschen wie der geplagten Kassiererin, die mit ihrem Leben gerade so zurechtkommt. Wer der Mitte der Gesellschaft so kalt gegenübersteht, ist für das Genre des Romans ebenso verloren wie für jenes wärmende Geschichtsgefühl, das die Erzähler seiner Generation so gern produzieren.Das Mittlere, das Große und Ganze, der herrschende Sozialtypus des Kleinbürgertums etwa, entlockt ihm einen schrillen Hymnus, in dem die Prosa des gereiften Essayisten unvermittelt an die Langgedichte des ganz jungen zornigen Poeten anknüpft: "Was ist so einzigartig, so verführerisch am Tischfeuerzeug, am Pepsodent-Geschmack, an der konkreten Poesie, am Hobby-Raum, an ,Sesame Street , an der Plastik-Zitrone, an der Verhaltensforschung, an ,Emma und an ,Emmanuelle , am Deodorans, am Sensitivity Training, an der Polaroid-Kamera, an der Auslegeware, an der Para-Psychologie, an ,Peanuts , an der Metallic-Legierung, am Freizeithemd, an der Science Fiction, an der Flugzeugentführung, an der Digitaluhr, dass es von Kamtschatka bis Feuerland niemanden, keine Nation und keine Klasse gibt, die dagegen immun wäre? Müssen auch die Vietnamesen Valium schlucken?"Enzensbergers sozialer Scharfsinn lebt von der überlegenen Vielfalt seiner Wahrnehmungsmittel mehr als von der Fülle seiner Gegenstände. Er wechselt öfter seine Theorien als seine Stoffe, eine Vielfalt, die durch seinen glasklaren, immer gleich kühl-geschmeidigen, rhetorisch bewegten, romanisch anmutenden Stil eher heruntergespielt als ausgestellt wird. Er traut dem Augenschein, kennt aber auch alle Theorien; sein Blick ist materialistisch und fantastisch, seine Einstellung zur Wirklichkeit trocken, aber auf alles gefasst. Unter Enzensbergers Auge wird die Weltbank zu einem Zauberreich mathematischer Fiktionen, das Fernsehen zu einem buddhistischen Ritual, und dem erfrorenen Osteuropa hörte er schon vor dem Ende des Kalten Krieges alle Erschütterungen ab, die es bis heute durcheinander werfen.Seine Nüchternheit und seine Empfindlichkeit für die Katastrophe, der Sinn fürs Unglaubliche der Ordnung und die Fantastik im Normalen, ist, wie man längst erkannt hat, eine Folge der zentralen Erschütterung seiner Generation, des Zusammenbruchs von 1945 und der kurzen Epoche des sozialen Naturzustandes danach. Die Strukturen der Gesellschaft lagen bloß und auch blamiert vor aller Augen; die Welt war für einen Moment zu einem Indianerspiel geworden. Die skeptische Generation lernte von den Schwarzhändlern, der Wohlstand konnte sich noch lange an die ursprüngliche Akkumulation erinnern, der "Geist" musste seine Brauchbarkeit im Überlebenskampf zeigen.Diese nüchterne, sich kalt gebende Wildheit hat sich Enzensbergers Poesie bis heute bewahrt. Bei ihm kreuzt sich das Märchen mit dem Reallexikon, der Kinderreim mit dem Kursbuch. Seine schöns-Enzensberger zum 70. Geburtstag Fortsetzung von Seite 11 ---ten Gedichte sind gegenständlich; nur ein wenig malen sie das Malen mit. Dabei bleibt seine Aufnahmefähigkeit für fremde Töne erstaunlich. Er hat den Deutschen den Anschluss an die moderne Poesie verschafft, und bis heute ist dieser Ein-Mann-Unternehmer der wichtigste Entdecker im literarischen Betrieb. Er kann nahezu ein Dutzend Sprachen und kennt sich in allen Kontinenten aus, er hat überall Verbindungsmänner und Kontaktleute; der Kritiker der Medien informiert sich aus erster Hand und mit jenem Augenschein, den noch die Enzyklopädisten des achtzehnten Jahrhunderts ihren Theorien und Zahlenkolonnen zu Grunde legten.So hat Enzensberger den Weg seiner Generation begleitet, aber wahrscheinlich ist er ihn fünfmal gelaufen, so wie ein Sprinter, der sich einer Wandergruppe angeschlossen hat, immer wieder vorausrennt, zurückkommt oder auf seitlichen Abwegen verschwindet. Zeitweise schien er ganz verloren gegangen, nicht nur in den Bibliotheken, aus denen er leuchtende Schätze barg, sondern auch in seinem revolutionären kubanischen Abenteuer. Hier sah es für einen Augenblick so aus, als habe er die Rolle des Pfadfinders und Beobachters verlassen. Die Schwäche für das große geschichtliche Projekt, die er 1968 zeigte, war sein größter politischer Fehler und sein schönster menschlicher Zug. Danach hat er den nur bei ihm erstaunlichen Irrtum fruchtbar gemacht für das beste Werk, das ihm gelungen ist: die lyrisch-epische Komödie vom Untergang der Titanic."Er braucht keine Fluten zu sehen, die vom Himmel/ herab in den Abgrund brüllen, doch wenn er/ sie sieht, möchte er wissen, wieviel Liter/ in einer Sekunde da fallen. " Michael Krüger Aus dem Geburtstags-gedicht "H. M. E. "