Man denke sich Rudolf Nelson als Mitglied der Akademie der Künste, seine Memoiren erzählend " Was Kurt Tucholsky sich 1926 als vergnüglichen Abend mit dem "dicken Napoleon des Cabarets", 1960 in Berlin verstorben, ausmalte, ist jetzt gewissermaßen doch noch wahr geworden: Dienstag konnte die AdK die abgeschlossene Katalogisierung des 25 000 Blatt starken Nelson-Nachlasses vermelden eine neue Ausgabe der "Archivblätter" und eine CD mit historischen Aufnahmen beleuchten nun 50 Jahre deutsche Kabarett-Revue vom Kaiserreich bis in die Bundesrepublik, ergänzt durch eine Ausstellung mit Notenautographen und Korrespondenzen.Rudolf Nelson, 1878 als Rudolf Lewysohn in Berlin geboren und der Legende nach ein "Wunderkind" am Flügel, komponierte mehr als 6 000 Unterhaltungsmelodien, zu den bekanntesten zählt "Das Nachtgespenst", zu dem Friedrich Hollaender den Text schrieb. Die säuselnden Zweideutigkeiten à la "Die Susi bläst das Saxophon " oder "Oh, Du Peruanerin/ Sei doch nicht so spröde wie ne Sekundanerin" schafften stets den Sprung vom intim dargebotenen Kabarett-Chanson zum populären Schlager und sind heute beliebter Bestandteil in Max Raabes Repertoire.Nelson fügte dem damals üppig wuchernden musikalischen Kabarett eine neue Nuance hinzu: Vom literarischen wie vom politisch engagierten Genre ließ er sich bloß formal inspirieren und schuf seine eigene, strikt vergnügliche Spielart: das mondäne, süffisante, elegante, anspielungsreiche Revuelied, das er selbst am besten und bedeutungsvollsten zu begleiten verstand. Mit "Eleganz statt Eloquenz, säuselndem Eroteln statt rebellischer Revoluzzer-Geste" definiert es Volker Kühn, der nach Benatzky, Künneke, Hollaender und Spoliansky auch die Aufarbeitung des Nelsonschen Nachlasses begleitet hat.Rudolf Nelson hatte ein Gespür für musikalische Trends (wie den Siegeszug des Jazz, der sich in Modetänzen wie dem Cake-Walk ankündigte) und heimliche Sehnsüchte. Mit "Mir ist heut so nach Tamerlan" ironisierte er den damaligen Hang zum Exotismus, mit Tucholsky, Hollaender und Marcellus Schiffer sicherte er sich die besten Autoren.1904 eröffnete er mit dem Conférencier und Sänger Paul Schneider-Duncker die Kleinkunstbühne "Roland von Berlin". "Stilvoll, ganz entschieden stilvoll das Milieu raffinierter Großstadtmenschen" beschrieb ein Rezensent die sektprikkelnde Atmosphäre. Drei Jahre später machte sich Nelson mit dem "Chat noir" an der Friedrichstraße selbständig, 1914 zog er mit den "Nelson Künstlerspielen" an den funkelnden Kurfürstendamm. Sein Erfolg war auch deshalb von Dauer, weil er Stars statt Sternchen engagierte: Willy Prager, Gussy Holl, Claire Waldoff sowie seine spätere Frau Käthe Erlholz."Man lebt nur einmal" hieß programmatisch eine Revue, die Nelson in seinem Etablissement "La Gaîté" in Amsterdam aufführen ließ denn 1933 hatte er Berlin verlassen müssen. Nach dem Einmarsch der Deutschen spielte seine Truppe in der "Joodschen Schouwburg" weiter, dann wurde dieses Theater zur Deportationsstelle umfunktioniert. Rudolf Nelson überlebte in einem Versteck der holländischen Widerstandsbewegung; 1949 kehrt er mit seinem Programm "Berlin W-Weh" nach Berlin zurück.Die AdK konnte die Präsentation der ihr von Nelsons früherer Mitarbeiterin Anita Sander vermachten Archivalien mit einer überraschend gut besuchten Veranstaltung feiern. Zu sehen war der frühe Tonfilm "Und Nelson spielt" (1929), der geradezu exzessiv die neuen technischen Möglichkeiten auskostet und in einer entzückenden Tricksequenz Nelsons Ensemble über den Flügel marschieren läßt, während er spielt. Und physiognomisch ein heimlicher Zwilling Nelsons! Udo Kroschwald war zu erleben, verstärkt durch die zwischen Göre und Grande Dame changierenden Kolleginnen Katherina Lange und Barbara Schnitzler. Das nach Wilhelm Bendows Vorbild immer reichlich hysterisch dargebotene "Nachtgespenst" gab er so ganz nebenbei und reduziert und verstand darin an die hohe Kleinkunst eines Otto Reutter anzuknüpfen.Archivblätter 4 mit einem Essay von Volker Kühn (71 Seiten, 9 Mark) sowie Doppel-CD (29,90 Mark) sind über die Akademie der Künste erhältlich.

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