Victor Klemperers Leben in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR: Ein bißchen unter Naturschutz

Victor Klemperer (1881 1960), dessen Tagebücher aus der Zeit von 1933 bis 1945 die deutsche Leselandschaft erschütterten, schuldet seinem Publikum noch 15 Jahre Biographie: Auskünfte über sein Leben in der sowjetischen Besatzungszone und in der DDR.Diese Aufzeichnungen gibt es. Der Entkommene des Holocaust hat bis zum Jahr 1959 Notizen gemacht, bis ihn die fortschreitende Angina pectoris am Schreiben hinderte. Hadwig Klemperer, seine zweite Frau, schleppte das Tintenfaß noch 1958 auf eine Chinareise mit. Die Tagebücher aus der Zeit nach 1946 werden vom Aufbau-Verlag für die Publikation vorbereitet und sollen 1999 erscheinen.Ende 1945 war Klemperer, wie wir aus dem veröffentlichten Teil seiner Tagebücher wissen, mit vielen Zweifeln, aber doch voller Hoffnungen der KPD beigetreten. Er sah im Kulturbund sein wichtigstes öffentliches Betätigungsfeld, wurde in den Zentralvorstand der VVN (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes) gewählt und schließlich von der Akademie der Wissenschaften der DDR als Ordentliches Mitglied aufgenommen. Von 1950 bis 1958 gehörte er der Fraktion des Kulturbundes in der Volkskammer an. Er habe, sagt Klemperer von sich, mit allen zehn Fingern geschrieben und mit allen zwölf Fingern geredet.Es ging ihm endlich gut in dieser Zeit. Er bewohnte sein Haus in Dresden-Dölzschen wieder. Endlich machte er im Osten die ersehnte Universitätskarriere, wenngleich mit gemischten Gefühlen. An der Technischen Hochschule in Dresden kreuzten Kollegen wieder seinen Weg, die 1935 seiner Vertreibung wortlos zugesehen oder gar beifällig zugestimmt hatten. 1948, an der Universität Greifswald, fühlte er sich nicht wohl unter den blassen, mickrigen Studienräten in der vorpommerschen Provinz, beklagt wenig Essen und viel russische Unsicherheit durch Enteignungen und leidet unter dem Gerücht, er habe die amerikanische Staatsbürgerschaft beantragt. Auch ein Jahr später, nun Ordinarius in Halle, stören ihn noch viele alte verkalkte Leute und: Was Sachsen an Nazis rausschmeißt, geht nach Sachsen-Anhalt.Der Kalte Krieg und die sich vertiefende deutsche Teilung beschleunigen dann unverhofft Klemperers späte Karriere. In Berlin spaltet sich die Universität, im Westen der Stadt wird die Freie Universität gegründet, dem Professoren-Drain folgt auch Fritz Neubert, ein ehemaliger PG, der Nazivergangenheit wegen von Klemperer leidlich gehaßt. Der frei gewordene Lehrstuhl des Romanischen Instituts der Humboldt-Universität wird zunächst Werner Krauss aus Leipzig angeboten, doch der ist dort schon etabliert und sagt ab.Klemperer hat im Wintersemester 1950/51 Gastvorlesungen in Berlin gehalten, 68 Stunden zu einem Stundenhonorar von 35 Mark. Nun gibt man ihm den Lehrstuhl und einen Einzelvertrag mit dem für damalige Verhältnisse astronomischen Gehalt von 4 000 Mark. Solche Verträge schloß der Ministerrat, um Spitzenkräfte bürgerlicher Herkunft an die DDR zu binden und von der Flucht in den Westen abzuhalten.Zu seinen Studenten suchte Klemperer ein kumpelhaftes Verhältnis, besorgte ihnen antiquarische Literatur, bot in Pausengesprächen auch schon mal von seinen Zigarillos an und verlangte in Seminaren gar, mit Du angeredet zu werden. Von den Fachkollegen der Romanistik wurde er dagegen kühl distanziert behandelt. Im Archiv des Romanischen Instituts der Humboldt-Universität befindet sich ein Papier, in dem Klemperer der "Verzicht auf forscherische Darstellung" und "breite Pinselführung des Polyhistors" vorgeworfen werden. Er stehe "unter extrem idealistischem und expressionistischem Einfluß der frühen Weimarer Zeit". Der Verfasser ist nicht bekannt, vermutlich war es Werner Krauss, der seiner Zugehörigkeit zum antifaschistischen Widerstand wegen in der Todeszelle gesessen hatte und am Romanischen Institut in Leipzig ein streng marxistisches Weltbild pflegte.Der Kritisierte hat das Papier wohl nie gelesen, vermutlich hätte er darüber geschmunzelt. Er sah sich gern als Orator (im Gegensatz zum Rhetor). Er trat der jungen Generation nicht als ein Verfolgter gegenüber, nicht als ein Genugtuung, Reue und Wiedergutmachung fordernder Jude, nicht als Opfer, sondern als Aufklärer in Voltairescher Tradition. Erreichen wollte er vor allem eine Jugend, der man eingetrichtert hatte, daß alle eigentliche Kultur germanisch sei, daß Herder und Schiller und Goethe und Fichte den Nationalsozialismus vorausverkündet hätten und Nietzsche und Wagner gewissermaßen mit dem Goldenen Ehrenzeichen der NSDAP einhergekommen seien. In seiner Broschüre Kultur, die 1947 im Verlag Neues Leben erschien, beklagt er: Dieser Generation ist das Denken und Fühlen vom Abc an vergiftet worden, sie hat nie etwas anderes gelernt, gesehen, in sich eingeatmet als Nazismus ( ). Schwerer als das Wiederdenkfähigmachen einer betäubten Millionenschar älterer Menschen ( ) unendlich viel schwerer ist es, diese Jugend zu gewinnen.In der latenten Russenfeindlichkeit seiner Umgebung sah er sowohl eine Fortsetzung des Franzosenhasses als auch jener Gefühlslage, die die Verbrechen an den Juden möglich gemacht hatte. Ist zur Zeit mit den Juden nichts anzufangen, tut es der Russe, schreibt er 1950 in sein Tagebuch. Diese Assoziation taucht schon früher zum ersten Mal auf, als er am 12. 0ktober 1949 die Gründung der DDR in der Sowjetischen Besatzungszone bewertet. Zunächst stellt er Bezüge zur nazistischen Vergangenheit fest:20 Millionen (Ostdeutsche P. J.) sind noch kein Drittel des deutschen Volkes und von den 20 sind mindestens ein Dutzend antisowjetisch ( ) Ich weiß, daß die demokrat. Republik innerlich verlogen ist, die SED als ihr Träger will die soz. Republik, sie traut nicht den Bürgerlichen, und die Bürgerlichen mißtrauen ihr. Irgendwann gibt es Bürgerkrieg.Der so sehr auf Umerziehung bedachte Mann träumt von der Voltaireschen besten aller Welten, aber er ahnt, daß er sie nicht finden wird. Die deut. dem. Republik. Das tobt seit gestern durch den Rundfunk. Die Präsidentenwahl, die Aufmärsche. Die Reden. Mir ist nicht wohl dabei. Ich weiß, wie alles gestellt und zur Einstimmigkeit vorbereitet ist. Ich weiß, daß es nazistisch genauso geklungen hat und zugegangen ist.Der Westen bietet ihm da schon gar keine Alternative. Im Staate Adenauers, wo ehemalige NS-Beamte, Richter und Wehrwirtschaftsführer neue Karrieren machen, bekommt er sein Buch LTI (Lingua Tertii Imperii die Sprache des Dritten Reiches) nicht gedruckt. "Salonbolschewist" und "verkalkte Senilität, die sich zu Propagandazwecken mißbrauchen läßt", raunzt die bayrische Regionalpresse, als Klemperer 1949 in München weilt, um der Witwe seines Lehrers Karl Voßler die Urkunde zum Ehrendoktorat in Halle zu überbringen. Er liefert freilich selbst Munition nach, indem er trotzig seine Hoffnungen auf eine Alternative im Osten verteidigt und die sowjetischen Panzer als Friedensboten bezeichnet.Ein Jahr später, als Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, reist Klemperer nach Frankfurt am Main. In Eschersheim will er vor Sympathisanten einen Vortrag über seinen Humanismusbegriff halten. Über dem Auftritt liegt ein Hauch des Konspirativen er findet im Hinterzimmer einer Kneipe statt. Die Versammlung wird nach 15 Minuten von der Polizei aufgelöst. In sein Tagebuch notiert er sarkastisch: Ich war gerade im 13. Jahrhundert angekommen.Der Autor der LTI sieht die Einheit der deutschen Kultur und der Sprache durch Überfremdung im Westen bedroht, was er die amerikanische Zerreißprobe nennt. Er hat ein Schaufensterschild aus Paris vor Augen, auf dem er gelesen hat: "Englisch spoken American spoken":Mit ähnlicher Berechtigung könnte da in fernerer Zukunft die Ankündigung erscheinen: "Hier spricht man Ostdeutsch hier spricht man Westdeutsch" ( ) Da nun die Einheit der deutschen Nation aufs schwerste gefährdet ist, und da alles darauf ankommt, daß ihr geistiger Zusammenhang, ihr Einander-Verstehen unbedingt gewahrt bleibt, so bedeutet schon die leiseste sprachliche Dissonanz eine schwere Gefahr."Westdeutsch" das ist für ihn auch die nazistische Sprachpest, von der wir uns befreit haben. Diese blüht drüben wieder auf. Ihre von hier vertriebenen Vertreter dürfen dort ihr Idiom weiterpflegen, da es der faschistischen Gesinnung der Vereinigten Staaten entspricht.Diese propagandistisch überzogenen Texte sind zitiert aus einer Ansprache, die er 1952 im Klub der Kulturschaffenden in Berlin hielt. Klemperer wartet in diesem Vortrag sogar mit Elogen auf Stalin auf:Wie Richelieu weiß er, daß Bemühen um Sprache nicht unwichtiger ist als irgendein politisches und militärisches Bemühen.Es darf jedoch vermutet werden, daß Klemperer hier Stalin als Kronzeugen aufzubieten versucht gegen die Überbautheoretiker der Parteischulen, die zu jener Zeit auch an einem Romanischen Institut wie dem seinen keine ideologiefreie Nische dulden wollten. Unter dem Namen Stalins war in der Sowjetunion eine Broschüre mit dem Titel Der Marxismus und die Fragen der Sprachwissenschaft erschienen, in der überraschend erklärt wurde, daß Sprache nicht von Revolutionen neu erfunden werde und keinen Klassencharakter habe.Klemperers letzte Jahre sind sehr viel weniger von Versuchen begleitet, sein Umfeld sozial, politisch und kulturell zu sezieren, als er dies unter tödlicher Bedrohung der Jahre 1933 bis 1945 tat. Die jüdische Herkunft spielt so gut wie keine Rolle für ihn. Zur Jüdischen Gemeinde in Dresden hält er keinen Kontakt, sowenig wie zur evangelischen Kirche, zu der er in jungen Jahren zweimal übergetreten ist.Als Anfang 1953 nach den Prozessen gegen jüdische Ärzte in Moskau und dem Slansky-Prozeß in Prag in der DDR die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes aufgelöst wird und eine antisemitisch gefärbte Welle der Verfolgung gegen ehemalige West-Emigranten droht, als dann führende Mitglieder der Jüdischen Gemeinden aus Berlin, Leipzig und Dresden in den Westen fliehen, schreibt Klemperer in sein Tagebuch:Ich glaube es nicht (19. 1. 53).Über seine Begegnung mit einer Verängstigten aus Leipzig notiert er:Ich sagte zur (Edith) Joseph, Du bist doch Genossin, Du mußt doch wissen, daß wir unmöglich Antisemitismus haben ( ) Es geht doch gegen Zionismus im Bund mit USA, mit Kapitalismus ( ) Diese Leute haben eben mit dem Joint (der den Konfessionsjuden Pakete schickte) zusammengearbeitet und Konex mit dem Staat Israel gehabt. Abscheulich. (Mit "Joint" ist hier die Hilfsorganisation des Amerikaners Noel Field aus dem Zweiten Weltkrieg gemeint, die von der sowjetischen Propaganda als imperialistische Geheimdienstverschwörung gegen das sozialistische Lager ausgedeutet wurde.)Dann Stalins Tod und der Stopp der Ärzteprozesse. Aber bei Klemperer kommt keine rechte Erleichterung auf:Hinauswurf und Einsperrung eines Ministers ( ) Freilassung und Rehabilitierung der Unschuldigen ( ) Soll man sich entsetzen oder soll man sich mehr wundern. Dennoch bleibt Beunruhigung: Dunkelster Punkt: das Sich-schuldig-Bekennen. Womit erpreßt?Als im Februar 1956 der Geheimbericht der Rede Chruschtschows auf dem 20. Parteitag der KPdSU in der Pariser Le Monde erscheint, befindet sich Klemperer gerade in Paris. Seine Notiz:Ich werfe mit Abscheu Blicke hinein. Es ist ganz gräßlich und desillusioniert mich vollkommen.Zu dieser Zeit erleidet seine Hoffnung, daß der Sozialismus sowjetischer Prägung den Humanismus befördern könnte, offenbar den tiefsten Bruch. Er kommt noch zweimal darauf zurück:Stalin ist ein Zeichen, daß auch die marxistischste Verfassung nicht vor der Tyrannei des einzelnen schützt.Und:Über mich: Neuralgischster Punkt die Politik Stalins ( ) die politischen Prozesse, aller Mord, alle Rechtsbrüche usw.Schon zuvor hatte Klemperer mit der politischen Rolle, die er sich mit seinem kulturhumanistischen Impetus in den Nachkriegsjahren selbst auferlegt hatte, zu hadern begonnen. Alfred Kantorowicz, der zu dieser Zeit den Lehrstuhl des Germanistischen Instituts der Humboldt-Universität in Berlin innehat, im gleichen Haus in der Dorotheenstraße, notiert im September 1955 über ein Gespräch mit dem Romanisten im Professorencasino: "Besonders bitter macht ihn die entwürdigende Zumutung, die an ihn in seiner Eigenschaft als Volksvertreter, das heißt, als Abgeordneter in der Volkskammer, gestellt wird. Selbst verfassungsändernde Gesetze wie neulich die Wiedereinführung der Wehrpflicht müßten ohne vorherige Beratung stramm und mit Jubelrufen gutgeheißen werden ( ) Wie ein verängstigter Pennäler fühle er sich, mit seinen 74 Jahren vorgeschriebene Sprüchlein memorierend, sollte er aufgerufen werden. Er schäme sich dieser Rolle, die er zu spielen habe, er leide darunter bis zu Weinkrämpfen, bis zu Herzattacken."Ende 1956 haben sowjetische Panzer den Aufruhr in Ungarn niedergeschlagen, sind Wolfgang Harich und Walter Janka in der DDR verhaftet. Klemperer sorgt sich um seinen Kollegen Alfred Kantorowicz, der zunehmend unter Druck geraten ist. Sich selbst tröstend, schreibt er: Immerhin bin ich der Schußlinie ferner und ein bißchen unter Naturschutz. Man braucht den alten Herrn nicht mehr ernst zu nehmen.Trotzdem zeigt sich der "alte Herr" im Sommer 1957 noch einmal streitbar. Im Sonntag, der Zeitung des Kulturbundes, ist eine rüde Polemik gegen eine Romanistentagung in Halle erschienen, die Klemperer einberufen hatte. Den Funktionären paßte die Anwesenheit zweier westdeutscher Fachkollegen nicht mehr in die Landschaft: "Mit den Wortführern der Nato wird es keine gemeinsame Sprache geben. Die Sprache des Westens kann nicht die Sprache des Ostens sein." Klemperer bezeichnet dies in einem Brief an den Chefredakteur als Anödung durch einen in den Sonntag verirrten Polemiker und verwahrt sich gegen das Herumtrampeln in den westöstlichen Kulturbeziehungen. Der Brief wurde nie gedruckt. Der Gründeranspruch der DDR, die deutsche Einheit retten zu wollen, verlosch immer mehr. Es gingen nun auch die geistigen und sprachlichen Nachspalter ans Werk, die im Osten kulturell zu vollenden versuchten, was 1949 politisch im Westen in Szene gesetzt worden war.An die letzten Tagebücher Victor Klemperers dürfen freilich keine übertriebenen zeitdokumentarischen Erwartungen gestellt werden. Das tägliche Aufschreiben ist nicht mehr als Balancierstange gegen die Angst. Er will nicht mehr Zeugnis ablegen bis zum letzten, sondern zeigt sich harmoniebedürftig, altersweise und gelegentlich auch altersnaiv. Seine zweite Frau Hadwig, die ihn 1952 heiratete und bis zu seinem Tod im Februar 1960 aufopfernd pflegte, gibt darüber Auskunft:"Persönliches dominiert. Um Politik hat er sich eigentlich nicht mehr viel gekümmert. Die Tagebücher werden immer anmutiger."Dieser Artikel fußt auf einem Vortrag, den der Autor auf einer Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung in Dresden hielt.