Viel radikaler als den Islam griff Papst Benedikt die evangelische Kirche an: Wann protestieren die Protestanten?

Die Berichte vom Papstbesuch in Bayern zeigten ein Idyll: Der Mann aus Marktl am Inn besucht seine Heimat, festlich gekleidete Menschen begrüßen ihn freudig. Bilder aus einer heilen katholischen Welt.Fast übermütig wirkt der Papst, als er an der Universität Regensburg eine Vorlesung hält. Deren Kernaussage: Rationalität und Glaube gehören zusammen. Weder dürfe es einen unvernünftigen Glauben, noch eine religiöse Fragen verachtende Vernunft geben.Die heftigen Reaktionen in der muslimischen Welt haben den Papst überrascht - warum eigentlich? Zitiert er doch nicht nur einen byzantinischen Herrscher, der dem Islam Gewalttätigkeit attestiert; er stellt darüber hinaus auch die These auf, dass der Islam ein Gottesbild vertrete, das nicht an Kategorien der Vernünftigkeit gebunden sei. So laufe etwa die Lehre eines Ibn Hazn "auf das Bild eines Willkür-Gottes" zu, der "nicht an die Wahrheit und das Gute gebunden" sei.Vielleicht war Benedikt XVI. deshalb so überrascht, weil seine Kritik an der islamischen Theologie nur der Auftakt war für eine weitaus radikalere Kritik an der protestantischen Theologie. Im Spätmittelalter habe ein Prozess begonnen, in dessen Verlauf die Bindung Gottes an die Vernunft immer mehr abgenommen habe. "Die Transzendenz und die Andersheit Gottes werden so weit übersteigert, dass auch unsere Vernunft, unser Sinn für das Wahre und Gute kein wirklicher Spiegel Gottes mehr sind". Demgegenüber habe der katholische Glaube "immer daran festgehalten, dass es zwischen Gott und uns, zwischen seinem ewigen Schöpfergeist und unserer geschaffenen Vernunft eine wirkliche Analogie gibt, in der zwar die Unähnlichkeiten unendlich größer sind als die Ähnlichkeiten, dass aber eben doch die Analogie und ihre Sprache nicht aufgehoben werden."Während also die katholische Kirche Rationalität und Glaube, griechisches und christliches Erbe zusammen gehalten habe, habe Europa seit der Reformation mehrere "Enthellenisierungswellen" erleiden müssen. Die Reformation habe zur Aufspaltung von Glaube und Vernunft geführt, die historisch-kritische Methode der liberalen Theologie im 19. Jahrhundert zur Historisierung der Theologie und der radikalen Subjektivierung des Glaubens. Der große Gräzist Melanchthon, der Platon-Übersetzer Schleiermacher und der Dogmengeschichtler A.v. Harnack sollen "Enthellenisierungsprogrammatiker" gewesen sein? Sollte man den Prozess nicht besser "Entkatholisierung" nennen?Eine solche Theologie jedenfalls werde vom Christentum "nur ein armseliges Fragmentstück" übrig lassen und verlege die drängenden ethischen Fragen "ins Subjektive". Während also der Protestantismus dem Relativismus, Subjektivismus und Irrationalismus zum Opfer gefallen sei, habe der Katholizismus stets am Gedanken des vernunftgemäßen Handelns Gottes festhalten und sei deshalb eher in der Lage, mit dem modernen wissenschaftlichen Bewusstsein in einen fruchtbaren Dialog zu treten.Die Protestanten sollten sich diese Interpretation ihrer Geschichte nicht gefallen lassen. Die Vernunftkritik der Reformatoren richtete sich nicht gegen die Vernunft als solche, sondern gegen ihren unkritischen Gebrauch. Die Reformatoren hatten ein scharfes Bewusstsein von der Fehlbarkeit des Menschen und seiner Korrumpierbarkeit. Diese Skepsis war aber vernunftgeleitet.Während in der Rede des Papstes Freiheit nur als Willkür zur Geltung kommt, gehört die Freiheit eines Christenmenschen zu den Grundbekenntnissen des Protestantismus. Diese Freiheit führt nicht in die Beliebigkeit - wie der Papst befürchtet - sondern zu bewusst wahrgenommener Verantwortungsbereitschaft. Die moderne, westliche Welt ist ohne die selbstverantwortete Freiheit gar nicht denkbar. Subjektivität führt nicht zum allgemeinen Relativismus, sondern setzt Selbstbildungsprozesse frei, die den Einzelnen dazu ermutigen, die eigene Lebensführung ernst zu nehmen.Am Ende seiner Vorlesung sagt der Papst: "In diesen großen Logos, in diese Weite der Vernunft laden wir beim Dialog der Kulturen unsere Gesprächspartner ein." Das klingt so, als habe die göttliche wie die menschliche Vernunft ihr geographisches Zentrum im Vatikan und der Papst sei der von Gott erwählte Gastgeber, der in die Räume der Vernunft einlade.Vielleicht hatte das niederbayerische Idyll etwas Verführerisches. Gleichgesinnte mögen ja noch darin übereinstimmen, dass die Vernunft am besten im Vatikan aufgehoben ist. Eine religiös und weltanschaulich pluralisierte, weltweite Leserschaft hat dafür kein Verständnis mehr.Der real existierende Pluralismus ist kein laxer Relativismus, sondern ist Ausdruck harter gesellschaftlicher Kämpfe und Konflikte. Welche Entscheidung in diesen Auseinandersetzungen vernünftig ist, stellt sich oft erst im Nachhinein heraus. Ob es beispielsweise vernünftig war, dass der Vatikan im Bosnienkonflikt das katholische Kroatien als erster Staat diplomatisch anerkannte, müssen die Historiker entscheiden. Bosnischen Muslime werden das anders einschätzen als katholische Kroaten.Die Regensburger Vorlesung wirkt so, als habe der Papst für den Katholizismus die Vernunft reserviert, den Muslimen und den Protestanten Irrationalismus, Willkür und ethische Beliebigkeit attestiert. Das ist Anlass zum Protest, aber auch zum selbstkritischen Nachdenken. Letztlich sollten wir uns über einen Papst freuen, bei dem nicht schon das übertragene Bild die ganze Botschaft ist. Dass nicht mehr das flüchtige Bild, sondern das immer wieder nachlesbare niedergeschriebene Wort in den Mittelpunkt des Interesses rückt, können Protestanten nur begrüßen. Wenn es Benedikt XVI. gelingt, dass sich Theologen aller Konfessionen mit seinen Schriften ernsthaft auseinandersetzen, dann leistet er tatsächlich einen wichtigen Beitrag zum vernunftgeleiteten Dialog der Religionskulturen.------------------------------Rolf Schieder, geb. 1953, ist Professor für Praktische Theologie und Religionspädagogik an der Humboldt-Universität. In der Edition Suhrkamp erschien von ihm das Buch "Wieviel Religion verträgt Deutschland?"------------------------------Die Regensburger Vorlesung wirkt so, als habe der Papst für den Katholizismus die Vernunft reserviert.------------------------------Foto : Ein "Tag des Zorns" in der Reformationszeit, um 1566. Calvinistische Bilderstürmer entfernen Skulpturen und Malereien aus einer Kirche und zerschlagen die Glasmalereien, um gegen die bildliche Darstellung Gottes und der biblischen Gestalten in den Kirchen zu protestieren.Martin Luther hatte mehrfach versucht, bei ähnlichen Unruhen zu mäßigen.