Die riesige, sattgrüne Rasenfläche ist frisch gemäht wie ein Golfplatz. Vereinzelte Baumgruppen werfen darauf Schatten. Wege aus Beton führen hin zu Spielplätzen, zu einem Wäldchen, zu Boulebahnen und langen Holzbänken. Wo mehr als hundert Jahre Güterzüge fuhren, ist eine grüne Oase entstanden - Berlins jüngster Park am Gleisdreieck. Dessen erster Teil, der 17 Hektar große Ostpark zwischen Kreuzberg, Schöneberg und Tiergarten, wird am Freitag offiziell eröffnet.

Einer der Initiatoren des Parks ist der 63-jährige Norbert Rheinlaender. Der Architekt und überzeugte Radfahrer aus Kreuzberg hat sich seit gut 30 Jahren für einen Park am Gleisdreieck eingesetzt. Als in den 1970er-Jahren der West-Berliner Senat beschloss, auf der alten Bahntrasse eine Autobahn zu bauen, war Rheinlaender Gründungsmitglied der Gegenbewegung - Grüntangente statt Westtangente hieß ihr Motto. Doch erst nach dem Mauerfall wurde der Bürgerwunsch von der Politik ernst genommen.

Prellböcke auf der Wiese

Rheinlaender ist froh, dass es den Park mitten in der Stadt gibt. "Er ist ein Ort der Naherholung für rund 30.000 unmittelbare Anwohner und gut für die Durchlüftung der Stadt", sagt er. Dennoch betrachtet er das Entstandene mit gemischten Gefühlen: "Wir wollten so viel wie möglich vom Wildwuchs erhalten, um Stadtgeschichte zu bewahren. Stattdessen wurde großflächig abgeholzt."

Park-Architekt Leonard Grosch kennt diese Kritik. "Wir haben auf den Kontrast zwischen Alt und Neu gesetzt", sagt er. Und darauf, dass die schnurgeraden Betonwege bald wieder überwuchert sein werden von Gestrüpp, was nicht wieder beschnitten werde. Im Übrigen sei der Park nicht nur für Freunde des Wildwuchses, sondern für Hunderttausende gedacht: "Die große Wiese wird am meisten genutzt werden, da muss Platz sein", so Grosch. Auch habe man Bahnrelikte wie Prellböcke, zwei Stellwerke und Schienenstränge erhalten.

Recht haben beide: Entstanden ist ein Park der Kompromisse. Es gibt designte, etwas steril wirkende Freiflächen und Wege, doch auch die Anwohner setzten sich durch. So wurde ein Naturspielplatz angelegt, der ursprünglich nicht geplant war. Entstanden ist ein Gelände ohne Spielgeräte, dafür mit Matsch, Sand, Steinen und Holz sowie Brombeerbüschen und Apfelbäumen. Auch ein Spielplatz mit Kletterstangen und -netzen war ein spezieller Anwohnerwunsch.

Schlüsselelement des Berliner Freiraumkonzeptes

Ein Teil des Parks ist der Interkulturelle Garten, in dem Frauen aus Bosnien Gemüse und Blumen anbauen. Im Wäldchen wurde nichts verändert, es wurde nur eingezäunt, um brütende Vögel zu schützen. Ob sich allerdings auf den benachbarten, eigens geschaffenen Schotterflächen wirklich wie geplant Käfer und Eidechsen ansiedeln, bleibt abzuwarten. Immerhin gibt es gleich daneben drei Sportplätze, darunter eine Skateranlage, die wie ein Pool in die Erde eingelassen ist und die bereits heftig genutzt wird.

Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) jedenfalls ist stolz auf den neuen Park. "Es ist gut, dass wir es geschafft haben, in der Mitte Berlins einen Park zu gestalten, der den unterschiedlichsten Ansprüchen gerecht werden kann", sagte sie gestern. Der Park am Gleisdreieck sei ein Schlüsselelement des Berliner Freiraumkonzeptes. Dieses sieht laut Junge-Reyer vor, über die geplante Internationale Gartenbauausstellung (IBA) in Tempelhof im Jahr 2017 hinaus Grün- und Freiräume zu schaffen, die dem Klimawandel gerecht werden.



Berliner Zeitung, 01.09.2011