Vielleicht gibt es ja irgendwo eine hinreißende Russin namens Irina Jurijewna. Tim Krohn jedenfalls will ihr sein Autorenwort gegeben haben, und so entsteht in neunzehn Nächten ein "Buch der leichtfertigen Liebe" in neunzehn Kapiteln, die Irina jeweils per Fax zugeschickt bekommt, kommentiert und dirigiert bis der Autor endlich zu ihr reisen und sie - so hoffen wir - tatsächlich in seine Arme schließen darf. Dieser literarische Flirt spiegelt sich auf vielfältige Weise in der vor den Augen der Leser entstehenden Geschichte von Liebe, Kunst und Telekommunikation, einer Kombination, wie sie folgenreicher in der Kulturgeschichte des Gefühls kaum gedacht werden kann.Eines Tages trifft bei Ewa Guve in der schwedischen Provinz ein fehlgeleitetes Fax ein, gerichtet an den Filmagenten Ira in Moskau, den sie geliebt und um dessentwillen sie vor vielen Jahren die Malerei aufgegeben hatte. Ihre beinahe nur noch erinnerte Sinnlichkeit, die in der Belanglosigkeit ihres Lehrerinnendaseins verloren gegangen war, erwacht zu neuem Leben, als habe sie das "Zeichen der anderen Welt" erhalten, "die nach ihr verlangte". Es irritiert auf den ersten Blick, dass gerade das in höchstem Maß Vermittelte - ein quer durch Europa zwischen einander unbekannten oder entfremdeten Absendern und Empfängern irrlichterndes Fax - die Körper in Wallung geraten lässt. Liebe und Literatur in Zeiten der Telekommunikation: Was verbindet sie? Beide leben von einer Lust, die sich noch am Nebensächlichsten entzündet, und von einem Begehren, das durch Abwesenheit stimuliert wird, kurzum: von den Fantasien, die sich in den Räumen zwischen den Menschen entfalten und die paradoxerweise die Ideen von Intimität, Nähe und Präsenz hervorbringen. Dass die moderne Liebe im Briefroman des 18.Jahrhunderts auftaucht, ist eben kein Zufall, denn Lesen und Lieben sind gleichermaßen in einer Gefühlskultur verankert, die dem Innern von Menschen und Büchern im Zusammenspiel von Distanz und Nähe unauslotbare Tiefen unterstellt - nur deswegen kann man auf die ebenso seltsame wie schöne Idee kommen, ein und dieselben Buchstaben und Worte eines Romans sein Leben lang immer wieder zu lesen, ohne sich dabei zu langweilen, und sich an einen Partner in liebender und ununterbrochener Zuneigung zu binden, "bis dass der Tod euch scheidet".Wie unwahrscheinlich das ist, zeigt freilich der Fortgang von Krohns "Buch der leichtfertigen Liebe", denn Ewas Interesse gilt nicht ihrer Jugendliebe, sondern der nur virtuell bekannten Briefschreiberin, Iras jetziger Lebensgefährtin Dunja, einer in Paris lebenden Übersetzerin. Weil aber Imagination die Sehnsucht nach der Realität weckt, macht sich Ewa auf den Weg nach Frankreich. Dort trifft sie allerdings nicht die Person, deren Bild sie sich nach dem Fax gemacht hatte. Das ist schon ziemlich kompliziert (und ab und zu muss Irina den Autor ihres Buchs auch bremsen, um dem Ganzen eine klare Linie zu geben), aber es geht noch weiter. Dunja nämlich ist gerade ihrer Beziehung mit Ira halb müde - dass sie Iwan Bunins "Das Leben Arsenjews" bearbeitet, eine desaströse Biografie, passt also recht gut. Die Übersetzerin führt zudem ein Doppelleben, in dem sie auf der einen Seite die unbeholfene, hilfsbedürftige Russin ist und auf der anderen Jeanne, die selbstbewusste Französin. Während Ira in Moskau auf einem Filmkongress herumbummelt, versucht sie sich über ihr Leben und ihre Gefühle klar zu werden und fährt daher ans Meer. Folglich trifft sie Ira nicht, als dieser aus Moskau zurückkommt und daraufhin zu Ewa reist, weswegen wiederum Dunja ihn verfehlt, als sie ihren Ausflug, so wankelmütig wie zuvor, beendet hat. Liebeskonfusionen also bietet Krohn seiner Leserin, erotische Verwirrungen und Verfehlungen, und das alles in einer schlichten Prosa, nicht immer gelenkig und bisweilen in Gefahr, ins Groschenromanhafte zu gleiten, wie Irina ganz richtig bemerkt. Zwar gehört das Erotische zum Pflichtprogramm des deutschen Jungautors, nur ist Krohn nicht ganz so leichtfüßig wie Julia Franck und nicht so exaltiert schamlos wie Alexa Hennig von Lange. Die eigentliche Erotik dieses schmalen Bändchens liegt denn auch weniger in den sinnlichen Eskapaden der Figuren, sondern in der Tändelei des Autors mit seinen Lesern. Die raffinierte Erfüllung und Enttäuschung von Erwartungen, gespiegelt in den per Fax vermittelten Botschaften Irinas, beginnt taschenspielerisch vordergründig, als zielte Krohn nur auf den Effekt. Aber im Verlauf der Handlung deckt er damit die Musterhaftigkeit auf, mit der man sich das Bild seines Gegenübers macht und nach der man sein eigenes Verhalten einrichtet.Insofern also finden sich die Verhältnisse von Buch und tatsächlichem Leser, von Tim Krohn und seiner Leserin Irina und der von beiden dirigierten Personen im Buch auf vielfache Weise wieder. Im Wechsel von Fremd- und Selbstwahrnehmung zeigen die Charaktere der Figuren immer wieder neue Facetten. Sie drehen sich gewissermaßen nur immer so weit von ihren Lesern und Mitspielern ab, bis diese die Unzugänglichkeit fremder Innenwelten zu spüren bekommen. In einer ausweglos komplizierten Lage bleibt schließlich nur eine Lösung: die Leichtfertigkeit, zu der die Liebenden sich entscheiden.Krohn hat ein "Buch der Missverständnisse" vorgelegt, das uns die schöpferische Kraft der Fehleinschätzung lehrt. Er nährt den Verdacht, dass Fehlschlüsse unser Leben weniger banal machen, als es eigentlich ist. "Wir Menschen sind in der Regel nicht so komplex, wie wir gern hätten, Missverständnisse sind oft das Einzige, das einem Menschen noch einen gewissen Zauber des Unverständlichen verleiht - immerhin lassen wir uns die verrücktesten Gedankengänge einfallen, um uns die unerklärlichen Handlungen eines Menschen zu erklären, den wir schlicht missverstanden haben", verkündet einer der Freunde Dunjas. Wie auch immer: Mit Irina darf man Krohn zugestehen, dass er sein "Handwerk" beherrscht und dass aus seiner Fingerübung ein reizendes "Buch der leichtfertigen Liebe" geworden ist.Tim Krohn:Irinas Buch der leichtfertigen Liebe. Roman. Eichborn, Berlin 2000, 173 S., 32 Mark.

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