ATHEN. "Ich habe keine Schulden gemacht, ich zahle nicht", schreit Frau Irini und schlägt weiter lärmend auf ihren leeren Kochtopf. Die 54-jährige Hausfrau stimmt wie jeden Abend in den Sprechchor in Richtung Parlament ein, seit zwei Wochen nun schon. Vor einem halben Jahr hat sie ihren Job als Sekretärin verloren, ihr Mann Leandros musste sein Schuhgeschäft als Folge der galoppierenden Rezession schließen, jetzt leben sie vom Ersparten und hoffen auf eine kleine Rente in zehn Jahren.Wut und HoffnungslosigkeitTochter Despoina hat ihr Management-Studium mit Auszeichnung abgeschlossen und findet nicht einmal einen Job für die üblichen 600 bis 700 Euro. Die hübsche junge Frau steht neben ihren Eltern und hält ein Plakat hoch: "Ich trauere um meine Träume", steht darauf. Dann brüllt sie mit: "Diebe, Diebe!" Für die "Bewegung der Empörten", die via Internet Abend für Abend Zehntausende auf den Athener Syntagma-Platz zusammentrommelt, ist die Welt sehr klar: Das griechische Parteiensystem, die Politiker und Abgeordneten haben das Land in die Schuldenkrise geritten. Mit Korruption, Misswirtschaft und Schlendrian waren sie es, die die öffentlichen Kassen geleert haben. So sehen es die Menschen.Am Sonntag waren es um die 80000, die teilweise aus entlegenen Ecken des Landes gekommen waren. Ein Querschnitt durch die griechische Gesellschaft, durch alle Altersklassen und Berufsstände. Keine Partei, keine Gewerkschaft organisiert sie, sie sind friedlich und sie eint die Empörung und die Angst. "Die Angst vor der Armut", sagt Fivos, ein 45-jähriger Familienvater. Er war seit 20 Jahren auf keiner Demonstration mehr, aber jetzt weiß er nicht mehr weiter. Nicht empört sei er, sondern wütend. Seit dem vergangenen Jahr hat der Gymnasiallehrer 20 Prozent seines Einkommens eingebüßt, seine Frau ebenso. Gleichzeitig ist alles teurer geworden, das Benzin gar um 50 Prozent.Mit diesen Opfern, so hatte Ministerpräsident Giorgos Papandreou damals versprochen, sei der Weg aus der Pleite garantiert. Doch nun kommt es noch schlimmer. Erneut sollen die Mehrwert-, Kfz-, und Immobiliensteuer heraufgesetzt, Steuerfreibeträge gesenkt und Zulagen gekürzt werden.28,4 Milliarden Euro soll dieses "mittelfristige Stabilitätsprogramm" bis 2015 in die Kassen des griechischen Staates spülen, weitere 50 Milliarden erhofft sich die Regierung aus einem Privatisierungsprogramm. Doch selbst, wenn die Ziele dieses Memorandums erreicht würden, müssen neue Hilfskredite her - über ein weiteres Paket in Höhe von 70 bis 100 Milliarden Euro wird bereits mit EU und IWF verhandelt.So wie in den Geberländern die Angst umgeht, Griechenland werde zum Fass ohne Boden, so verfallen auch die Griechen in Angst und Hoffnungslosigkeit, über Generationen nicht mehr aus der Schuldenspirale heraus zu kommen. Und sie fürchten um den Ausverkauf ihres Landes. Vor allem Berichte, nach denen Vertreter der Troika aus EU, IWF und Europäischer Zentralbank die Abwicklung der Privatisierungen mit übernehmen sollen, lässt die Hellenen um ihre nationale Souveränität fürchten. "Nehmt das Memorandum und verschwindet", skandieren die Demonstranten jeden Tag und meinen die Regierung, aber auch die Kreditgeber.Doch was käme dann? Die Kredite würden nicht mehr fließen, die europäischen Partner keine neuen Hilfspakete durch ihre Parlamente bringen können. In einer neunstündigen Sitzung haben Papandreou und sein Finanzminister Georgios Papakonstantinou das Kabinett in einer ersten Krisensitzung vor diese Wahl gestellt. Zwar sei die Troika bereit, einige Punkte noch einmal neu zu schnüren, doch nur, wenn unter dem Strich die gleichen Ersparnisse herauskämen, so Papakonstantinou. Widerstände gibt es vor allem gegen angebliche Entlassungspläne aus dem öffentlichen Dienst und die zusätzliche Besteuerung. "Wenn Hunderttausende vor dem Parlament stehen, überlegt man sich sehr gut, wofür man drinnen stimmt", soll ein PASOK-Abgeordneter bereits seine mögliche Ablehnung bei der Ende des Monats erwarteten Abstimmung angekündigt haben. 16 seiner Fraktionskollegen haben in einem Brief ihre Gewissenskonflikte als Sozialisten dargelegt und Erklärungen von ihrem Parteichef, dem Ministerpräsidenten, verlangt.Ende einer ÄraDer ist Medienberichten zufolge zur Not bereit, das Sparprogramm auch mit einigen Stimmen aus der Opposition durchs Parlament zu peitschen. Die größte Oppositionspartei, die konservative Nea Dimokratia, hat allerdings bisher ihren Konsens verweigert, aber auch dort gibt es Abtrünnige. "Die Bürger sind empört über die Regierung, Minister sind empört über die Ansprüche der Troika und die europäischen Partner sind empört über die Uneinigkeit der Griechen" - so fasst die Zeitung Eleftherotypia die Stimmung zusammen.Es ist die Stimmung des Aufruhrs in der Sackgasse. "Griechenland steht am Ende einer Ära", erklärt Jens Bastian, der die Entwicklungen im Land seit vielen Jahren als Finanzexperte beobachtet. "Was wir erleben, ist der verzweifelte Versuch, einen neuen Sozialvertrag zwischen Staat und Gesellschaft, zwischen den politischen Eliten und den Bürgern zu formulieren". Das braucht Zeit, Griechenland aber braucht sofort frisches Geld.------------------------------Foto: Symbolträchtiger Protest: Auch gestern gab es in der griechischen Hauptstadt Athen wieder Demonstrationen.