TEHERAN, im Juli. Früher hatten die Puppen dunkles Haar. Sie trugen ein langes schwarzes Kleid, einen Mantel, Kopftuch und Tschador. Nur gekauft hat sie keiner. Daran erinnert sich der Besitzer des Spielwarenladens in einem Einkaufscenter von Teheran genau.Die echten Barbie-Puppen hingegen, die aus dem Westen, verkauften sich gut, sagt er. Sie sind blond, tragen einen kurzen Rock oder ein Ballkleid. Und sie werden nicht nur zum Spielen benutzt. Elham zum Beispiel hat sich gerade ihre Nase operieren lassen. Sie trägt ein großes Pflaster im Gesicht und ihr Freund behauptet, sie habe eine Nase wie Barbie haben wollen.Elham und Faeed, beide Mitte 20, sind nicht verheiratet. Trotzdem holt Faeed seine Freundin nach der Arbeit vom Büro ab. Wenn die beiden von den Basidji, den "jungen Freiwilligen", aufgegriffen würden, die für die Einhaltung der islamischen Moral sorgen sollen, hätten sie Peitschenhiebe zu erwarten. Denn Pärchen dürfen sich in der Öffentlichkeit nur zeigen, wenn sie miteinander verwandt sind.Elham und Faeed kümmern sich weder um diese, noch um viele andere Vorschriften der islamischen Republik Iran. Elham hat zwar ein Kopftuch umgebunden, aber es sitzt so knapp, dass Elhams Haare noch zu sehen sind. Von Faeeds T-Shirt lächelt ein ausgebleichter Leonardo DiCaprio, Jeans und Schuhe sind aus den USA. Und ziemlich deutlich geben beide zu verstehen, dass sie nicht nur Händchen halten, wenn sie allein sind. Elham und Faeed wollen so leben, wie sie glauben, dass auch Barbie und ihr Freund Ken leben würden.Die Eltern von Elham und Faeed sind wohlhabend, beide Kinder haben studiert und wenn sie über die Zukunft sprechen, reden sie über Familie, Wohnung und Auslandsreisen. Bei so viel neuer Freiheit könnte man meinen, die beiden müssten Anhänger des reformorientierten Präsidenten Mohammed Chatami sein. Tatsächlich haben sie ihn vor drei Jahren gewählt. Aber nur, weil der Gegenkandidat ihnen noch schlimmer erschienen sei, sagt Elham. Noch immer müssen sie vieles, was ihnen Spaß macht, heimlich tun. Deshalb sind sie heute gar nicht mehr so sicher, ob sie Chatami noch einmal wählen würden.Westliche Filme, schicke CafésJugendliche wie Elham und Faeed führen im Iran von heute ein Leben im Zwiespalt. Einerseits geht es ihnen zu langsam mit den Reformen. Andererseits schwärmen sie davon, dass es inzwischen vieles gibt, wovon sie noch vor drei, vier Jahren nicht zu träumen wagten: Kinos zeigen westliche Filme und danach sitzt man in schicken Cafés. Es darf wieder Theater gespielt werden, Stücke westlicher Dramatiker werden aufgeführt, und Ensembles aus Europa gastieren in Teheran. In den Szene-Treffs der Stadt hört man Techno und Rap und im Internetcafé am Vanaqu-Platz korrespondieren die Jugendlichen mit allen und über alles, nur nicht über Gott.Vor allem im Norden Teherans, wo Villen in weitläufigen Gärten stehen, ist die islamische Ordnung 21 Jahre nach der Revolution nicht einmal mehr dem Anschein nach intakt. An diesem Abend fahren Elham und Faeed zu einer Party. Hinter dem schweren Eisentor geht alles ganz schnell: Elham wirft Kopftuch und Mantel ab, der Rock darunter ist kurz, das Oberteil knapp. Sie bleibt am Pool mit ihren Freundinnen, Faeed geht ins Haus an die Bar und mixt sich einen Drink. Natürlich mit Alkohol, denn der wird von Taxifahrern jederzeit in Wasserkanistern angeliefert - es kostet nur ein bisschen mehr. In einem Raum des Hauses üben ein paar Jungs an Gitarre, Keyboard und Schlagzeug einen Song, der nach einer Mischung aus iranischer Liebesschnulze mit Rap-Einlagen klingt. Drei Mädchen bilden den Hintergrund-Chor, obwohl es Mädchen verboten ist, zu singen und zu tanzen. Die Musiker wissen, dass sie auf einen öffentlichen Auftritt noch warten müssen. Aber Hussein, der Sänger, ist sich sicher, dass die Zeit auf ihrer Seite ist. In ein paar Monaten, meint er, könnten sie vor hunderten jungen Iranern spielen - in einem großen Saal vielleicht oder sogar in einem Stadion. Die Party ist kurz, wild und intensiv. Elham, Faeed und die anderen trinken und tanzen, nur kurz werden sie ernst, als über die nächste Studentendemonstration diskutiert wird. Man zweifelt, ob es sinnvoll ist, an der Aktion teilzunehmen, mit der an die Unruhen im vergangenen Jahr erinnert werden soll. Einer meint, man solle den Konservativen keinen Vorwand für neue Restriktionen liefern. Die Reformer im frisch gewählten Parlament müssten erst einmal anfangen können, in Ruhe zu arbeiten.Und Arbeit gibt es aus Sicht der Jugendlichen genug. Als Elham und Faeed mit anderen Freunden nach Hause fahren, ziehen die Mädchen plötzlich ihre Kopftücher tief ins Gesicht. Auch die Jungen erschrecken: Nur wenige Meter entfernt treiben die Basidji, die Freiwilligen, gerade zwei Dutzend Jugendliche in zwei Busse.Die paramilitärischen Basidji kommen aus dem Süden Teherans. Dort ist das Geld knapp und die Arbeitslosigkeit hoch. Hier kommen jene her, die die islamische Republik verteidigen wollen, nicht wenige einfach nur aus Wut auf die verwöhnten Kinder der Reichen im Norden. Hier im Süden sind die Straßen eng und dunkel, die Häuser verfallen. In den Teestuben sitzen nur Männer, die Frauen huschen streng gekleidet die Gassen entlang. Abdul hat gerade seinen Trauring verkauft, weil er vor drei Monaten seine Arbeit als Schuster verlor. Alles sei verrottet in diesem Land, sagt er. Die Wirtschaft, die Menschen, aber vor allem die Politiker. Er macht keinen Unterschied zwischen Reformern und Konservativen. "Die Politiker sind alle korrupt." Wenn es zum Aufstand gegen "die da oben käme", er wäre dabei. Im Haus nebenan packt Achmed seine Sachen. In dieser Nacht startet von Teheran aus die letzte Maschine nach Sarajevo, bevor die neue Visa-Regelung in Kraft tritt. Achmed fliegt mit. Er will weiter nach Italien. "Chatami müsste sich vor allem um die Wirtschaft kümmern, um die Arbeitslosen, die vielen jungen Leute, die nicht einmal Geld haben, um sich durchzubringen, geschweige denn eine Familie zu gründen", sagt sein Bruder. Aber der Präsident und die neuen Parlamentarier würden nur von Kultur und Pressefreiheit reden. "In diesem Land wird sich in nächster Zeit nichts ändern", sagt Achmed. "Deshalb will ich weg."BEHROUZ MEHRI Ein Roller-Blader in Teheran. Viele iranische Jugendliche wollen heute so leben wie ihre Altersgenossen im Westen.