Viele Sendungen im deutschen Fernsehen stammen aus dem Ausland, weil dort öfter mit neuen Ideen experimentiert wird: Her mit den schönen Shows!

Wenn Dieter Bohlen am Ende von "Deutschland sucht den Superstar" fertig geschimpft hat und die Vorschau auf die Blamagen der nächsten Folge gezeigt werden, läuft am Bildschirmrand meist schon der Abspann. Am Ende erscheint dort der Hinweis: "Basierend auf einem Format von 19 Entertainment und Fremantle Media". Denn "Superstars" werden nicht nur in Deutschland gesucht, sondern überall auf der Welt: in Australien und Kanada genauso wie auf den Philippinen, in Frankreich, Malaysia und den USA."Pop Idol" hieß die Castingshow ursprünglich, als sie im Oktober 2001 beim britischen Sender ITV Premiere hatte - ein Jahr bevor RTL eine deutsche Version ins Programm holte. In Großbritannien ist die Show zwar längst eingestellt, international erfreut sie sich aber größter Beliebtheit. Solche Übernahmen sind nichts Ungewöhnliches. Viele der Sendungen im deutschen Fernsehen haben Vorbilder aus dem Ausland. Das gilt für "Ich bin ein Star! Holt mich hier raus" genauso wie für "Bauer sucht Frau" und "Germany's Next Topmodel".Zwar hat der amerikanische Markt immer noch einen großen Einfluss darauf, was anderswo auf der Welt im Fernsehen passiert. Aber die Europäer haben aufgeholt. Heute steht Großbritannien an der Spitze der Länder, die die meisten TV-Ideen - sogenannte Formate - exportieren. Das Publikum kriegt davon oft gar nichts mit, weil man einer Sendung selten ansieht, wo sie erfunden wurde. Aber irgendwo müssen die Ideen ja herkommen.Risikobereite SenderRob Clark, President of Global Entertainment beim Produktionsriesen Fremantle Media, sagt: "Es gibt drei Voraussetzungen: ein Umfeld für kreative Entwicklungen, in dem es auch mal erlaubt ist zu scheitern, risikobereite Sender und eine liberale Auslegung der Rechteverwertung." Diese Voraussetzungen sind in Großbritannien vorbildhaft erfüllt. Mit der Produzentenvereinigung Pact hat die Kreativindustrie einen Fürsprecher mit starkem Einfluss auf die Politik. Im "Communications Act" ist festgeschrieben, dass die Firmen einen wesentlichen Teil der Rechte an den von ihnen erdachten Formaten behalten und selbst verwerten können, etwa in der internationalen Vermarktung. In Deutschland wird das gerade erst mühsam erstritten.Dazu haben die Sender im Vereinigten Königreich die Vorgabe, einen bestimmten Anteil ihrer Produktionen an unabhängige Produzenten zu vergeben. All das erhöht den Mut, Neues auszuprobieren - und kommt dem weltweiten Bedarf an Fernsehshows entgegen.Deutschland liegt bei der Anzahl exportierter Formate nur mit Mittelfeld, hat die Organisation Frapa ermittelt, ein Zusammenschluss internationaler Fernsehproduktionsfirmen. Einen deutlichen Vorsprung haben hingegen Skandinavien - mit Schweden, Norwegen und Dänemark - und die Niederlande. Es klingt absurd, aber: Auf diese Weise bestimmen kleine TV-Märkte wesentlich darüber mit, was in größeren Ländern wie Deutschland im Fernsehen zu sehen ist."Die Niederländer sind sehr aufgeschlossen für Neues, der Geschmack des Publikums ist international. Wenn es bei uns funktioniert, funktioniert es überall", erklärt Thomas Notermans, Sprecher des niederländischen TV-Produzenten Talpa, der John de Mol gehört. Mit seiner vorherigen Firma Endemol entwickelte der TV-Manager Formate wie "Big Brother" und "Deal or no Deal" und verkaufte sie in die ganze Welt. Bei Talpa sind heute allein 20 Mitarbeiter damit beschäftigt, sich neue Shows auszudenken. Das funktioniert noch ganz ähnlich wie früher: Ideen werden erst im holländischen Fernsehen getestet, dann international angeboten. Ende November zeigte RTL in Deutschland eine Adaption des Talpa-Formats "Dating im Dunkeln", das jetzt in Serie geht.Aus den skandinavischen Ländern kommen Reality-Shows wie "Expedition Robinson", eine Art Dschungelcamp auf der Insel, das in den USA als "Survivor" seit Jahren erfolgreich ist, sich in Deutschland aber nie durchsetzen konnte. Auch "Die Farm", im vergangenen Jahr von RTL gezeigt, kam beim hiesigen Publikum mäßig an. "Skandinavien ist ein relativ kleiner Markt und im Norden fast isoliert vom Rest Europas - das hat Produzenten und Sender immer schon dazu gezwungen, besonders kreativ und effizient zu arbeiten", sagt Sara Goldensohn, Chefin der Programmentwicklung beim schwedischen Kanal 5.Deutsche Sender sichern sich hingegen gerne ab, indem sie Sendungen ins Programm nehmen, die bereits Erfolge im Ausland vorzuweisen haben. Doch selbst dann ist es nicht damit getan, einfach einen anderen Moderator ins Studio zu stellen. Im deutschen Fernsehen nehmen Shows inzwischen mehr als doppelt so viel Sendezeit in Anspruch wie in Großbritannien. "Wenn eine Show nicht mindestens zwei Stunden lang ist, ist sie bei uns fast schon unverkäuflich", sagt Jens Bujar, Creative Director beim "DSDS"-Produzenten Grundy Light Entertainment. Das fordert die Kreativität der Macher. Marcus Wolter, Geschäftsführer von Endemol Deutschland, sagt, die Sender würden ganz konkrete Anpassungen erwarten: "Das fängt beim Erzähltempo an und geht bis zur Auswahl der Kandidaten." Die von Jörg Pilawa moderierte Endemol-Spielshow "Rette die Million" im ZDF ist etwa deutlich weniger temporeich als das Vorbild "The Million Pound Drop", das beim britischen Channel 4 für ein jüngeres Publikum gemacht ist. Auch an Kleinigkeiten wurde fürs ZDF gearbeitet: Die Quizfragen werden nur in Deutschland am Bildschirmrand noch einmal eingeblendet - weil die Zuschauer das aus anderen Formaten gewöhnt sind und gerne mitraten.Raab läuft internationalZuletzt ist aber auch die Zahl der exportierten Formate gestiegen. "Schlag den Raab" etwa lief bereits in Großbritannien, Frankreich, Schweden, Dänemark, Norwegen und Ungarn im Fernsehen. Pro Sieben Sat.1 hat seine Spielshow "Mein Mann kann" zuletzt nach China verkauft. Und selbst mit fiktionalen Stoffen haben die Sender inzwischen ein glückliches Händchen: Die Sat.1-Serie "Danni Lowinski" wird vom amerikanischen Network The CW neu gedreht. Solche Beispiele stärken das Selbstbewusstsein und die Bereitschaft, öfter Risiken einzugehen. Ute Biernat, Geschäftsführerin bei Grundy Light Entertainment, fordert: "Ganz wichtig ist, dass die deutschen Sender lokale Ideen kaufen" - weil sich nur so die hiesige Kreativszene weiterentwickeln kann und unabhängiger von internationalen Vorbildern wird. Auch wenn es bis dahin noch ein großer Schritt ist.------------------------------Foto: "Germany's NextTopmodel", eine Formatidee aus den USA, brachte als Siegerin unter anderen Sara Nuru (r.) hervor. Große Gewinnerin der Show ist aber das Model Heidi Klum (l.), die die Sendung präsentiert. In Deutschland startet am 3. März auf ProSieben die sechste Staffel.Foto: Marcel und Katja wurden dank des Senders RTL ein Paar. Sie fanden in "Bauer sucht Frau" zueinander. Die von Inka Bause moderierte Sendung erreicht regelmäßig Topquoten. Das britische Original "Farmer Wants a Wife" wurde bisher in einem Dutzend Länder übernommen.Foto: Dienstsitz am Indischen Ozean: Für die aktuelle Staffel von "DSDS" schickte RTL Jury und Kandidaten auf die Malediven. Die Showidee stammt aus England.