Es ist 28 Jahre her, dass sich das ZDF eine Satire-Sendung geleistet hat. Um so dringlicher erschien jetzt das Anliegen des Senders, dem Satire-Comeback "Neues aus der Anstalt" die denkbar besten Startvoraussetzungen zu gewährleisten. Georg Schramm, einer der beiden Anstaltsleiter, durfte Reklame im "heute journal" machen, sein Partner Urban Priol bekam einen Auftritt bei "Wetten, dass..?" und brachte von dort den bewährten Regisseur Frank Hof gleich mit.Außerdem wurde Dieter Hildebrandt zur Premiere eingeladen. Der Altmeister erschien nicht etwa, um den Ex-Kollegen vom "Scheibenwischer" eins auszuwischen, sondern um den Staffelstab an Priol und Schramm zu übergeben: Hildebrandt war es, der vor besagten 28 Jahren im ZDF die Satire-Sendung "Notizen aus der Provinz" kurzerhand "beendet bekommen hatte".Seinen Besuch in der Anstalt nutzte er obendrein, um virtuos mit dem Magazin Cicero abzurechnen, das dem Philosophen Jürgen Habermas ideologische Verfehlungen in Zeiten der Nazi-Diktatur angedichtet hatte. Zur Strafe kanzelte Hildebrandt das Heft mit einem zornbebenden, Funken sprühenden Endlos-Satz ab, der eindrucksvoll bewies: Besonders stark, schneidend und radikal ist Satire immer dann, wenn sie von Empörung vorangetrieben wird.Derartige, von der Notwehr gegen bestehende Verhältnisse befeuerte Wortkaskaden ist man eigentlich auch von Georg Schramm gewohnt, doch der sonst so kompromisslose Ankläger blieb zunächst blass und suchte noch seinen Platz in dem dramaturgischen Rahmen, den er und Priol ihrer Sendung verpasst hatten. Schauplatz des Geschehens ist das Foyer einer psychiatrischen Anstalt. Wer von den beiden Protagonisten und ihren Gästen zum Personal, wer zu den Insassen gehört, mag sich nicht immer erschließen: Die Grenzen zum Wahnsinn sind fließend, die echten Verrückten regieren sowieso woanders.Dieses schlüssige Konzept wurde optisch zwar mit einem ansprechenden Bühnenbild umgesetzt, doch reizten die Akteure die vielen Möglichkeiten, die so ein Rahmen bietet, nicht aus. Da durfte etwa Andreas Müller eine ernüchternd alberne Nummer zum Besten geben, in der er sowohl Dieter Bohlen als auch Angela Merkel mit wechselndem Erfolg imitierte und nichts Wesentliches zur Wahrheitsfindung beisteuern konnte. Auch Rainald Grebes Auftritt war nicht schlüssig im Anstaltskonzept verankert, sein subversiv fröhliches Lied über Bernd von der Stiftung Warentest gehörte dennoch zu den Glanzpunkten des Abends. Beruhigend auch, dass Schramm als Rentner Dombrowski und Oberstleutnant Sanftleben nach und nach doch noch auf Betriebstemperatur kam.Und Priol? Was machte eigentlich Priol? Der trug sein Markenzeichen wieder so offensiv clownesk auf dem Kopf, dass man ihn eigentlich aus Prinzip nicht mögen möchte. Seht her, scheint einem jedes wirr abstehende Haar einzeln entgegen zu brüllen, hier wird es lustig, hier wird es poetisch, hier kommt Kleinkunst! Dummerweise hatte Priol auch noch die sinnloseste Pointe aus seinem "Wetten, dass ...?"-Besuch in die Anstalt hinübergerettet: Für Stoiber ist der Zug abgefahren und die Deutsche Bahn stellt sturmbedingt den Betrieb ein - es grüßt freundlich aus der Wortspielhölle: Herr Priol.Doch halt, dieses Urteil gehört revidiert. Wenn der Mann auf Albernheiten verzichtet und mit geradezu Hildebrandtscher Empörung treffsicher zur Attacke übergeht, dann hört man ihm sehr gerne zu. Mit ihm und Schramm und ihren Neuigkeiten aus der Anstalt, das könnte wirklich etwas werden. Die Premiere verlief zwar nicht ganz rund, aber vielversprechend. Und das ist 28 Jahre nach Hildebrandts letzter Satire-Sendung im ZDF doch eine schöne Nachricht.------------------------------Die Grenzen zum Wahnsinn sind fließend.------------------------------Foto: Urban Priol (l.) und Georg Schramm meldeten sich erstmals aus ihrer Anstalt. 3,86 Millionen Zuschauern sahen zu.