Ach, was hatte das wieder für Ärger gegeben. Die Berliner Zeitung vermutete am 12. September 1990 hintergründig, daß Innenminister Peter-Michael Diestel sein Wassergrundstück nur deshalb erworben habe, um im Zeuthener See seine Fertigkeiten als ehemaliger NVA-Kampfschwimmer vervollkommnen zu können. Diestel, schon damals ein Ausbund an Humorlosigkelt, schrieb daraufhin offiziell einen scharfen Brief an die Redaktion und ließ inoffiziell seine Genossen vom Ministerium des Innern (Mdi) mal nachschauen, was über den Autor des Beitrages in den Archiven seines Hauses zu finden sei.Endlich können wir sie vergessen, die kleine Episode, denn eine unendliche Geschichte hat ihr Ende gefunden. Der Bundesgerichtshof (BGH) entschied In einem Akt später Gerechtigkeit, daß der Kauf eines dreieinhalbtausend Quadratmeter-Seegrundstücks in Zeuthen durch den damaligen DDR-Innenminister Diestel im Jahre 1990 nichtig ist. Er habe, schlicht gesagt, zuwenig dafür bezahlt.Vergeblich gehofftin dem Berliner Vorort ist die Meldung am gestrigen Morgen noch nicht rum. Auch dem parteilosen Bürgermeister Klaus-Dieter Kubick ist nur die Stellungnahme zu entlocken, er sei froh, daß die Sache ein juristisches Ende gefunden habe. Auch wenn das im Ort kaum einen mehr interessiere. Schließlich könne es der Gemeinde egal sein, ob Diestel dort weiter wohnt oder nicht. Zugriff auf das Grundstück habe man sowieso nicht, da ist das Bundesinnenministerium vor.Vor vier Jahren sah das noch ganz anders aus. Damals hatten die mit Stasi-Viilen und Gästehausern "gesegneten" Gemeinden darauf gehofft, die verlassenen Grundstücke für Kindergärten oder Wohnzwecke nutzen zu können. Aber schon bald machte die demokratisch gewählte de Maizière-Regierung klar, daß die S~c~ie so emfach ni~ht liegt.Beispiel Zeuthen: Hier brachte der smarte Innenminister Diestel die Gemeindeverwaltung gegen sich auf, als er mitteilen ließ, daß das Mdl auf das Gästehaus in der Seestraße 84 "aufgrund der künftigen Aufgabenstellung" auch weiterhin nicht verzichten kann. Weicherart diese Aufgabenstellung ist, bekamen die Zeuthener im Juli desselben Jahres mit: Am 24. 7. 1990 kaufte das Ehepaar Diestel das Grundstück samt Sechs-Zimmer-Villa für 192 700 Mark. Seitdem wohnt die Familie hochherrschaftlich am See.Das Schnäppchen des Innenministers wurde in Zeuthen zum Tagesgespräch. Diestel versuchte sofort, die Wogen zu glätten. In einem Schaukasten am S-Bahnhof der Berliner Vorortgemeinde hängte .er eine persönliche Erklärung aus. Der staunende Leser erfuhr daraus, daß jenes Anwesen in der Seestraße 84 von nicht näher bezeichneten "Sicherheitsexperten" aus der DDR und der BRD für den Minister ausgewählt wurde. Weil ja Herr Diestel an sicherheitspolitischer Bedeutung so immens gewonnen habe, nachdem er mal schnell dem BND ein paar Stasi-Akten üher die RAF-Rentner in der DDR rübergereicht hatte.Außerdem, so Diestei, sei mit seinem Grundstückserwerb alles rechtens. Da gebe es ein Gesetz vom 7. 3. und eins vom 15. 6., der Kollege Finanzminister war auch einverstanden, und selbstverständlich sei das Gelände von einem unabhängigen (!) Gutachter aus dem Innenministerium taxiert worden.Gerade der letzten Aussage aber mißtrauten die Zeuthener von Beginn an. Zu Recht, wie der V. Zivilsenat des BGH jetzt entschied. Denn offensichtlich ist dem Gutachten nicht die entsprechende Arbeitsrichtlinie des DDR-Wirtschaftsministeriums vom 18. Juli l99ozugrunde gelegt worden. Sonst hätte Diestel nämlich mindestens 700 000 Mark berappen müssen.Der DrahtzieherOb sie damals nun Kenntnis von dieser Arbettslichtlthie hatten oder nicht -- bei den Zeuthener Bürgern stieß im Sommer ,90 der Diestel-Deal trotz Schaukasten-Lyrik auf helle Empörurig. Für sie" stand fest, daß sich die Selbstbedienungs-Mentalität der DDR-Oberen auch unter demokratischen Verhältnissen fortsetzt.Und dann war da noch die Sache mit der Mauer. Diestel ließ sich sein neues Grundstück auf Staatskosten -- wir erinnern uns: RAF-Feind! -- zur Festung umbauen. Bewegungsmelder im Garten, kugelsichere Fensterscheiben, Videokamera am Eingangstor, nicht zu vergessen die ums Haus streunenden Bodyguards -- all das reichte noch nicht. Eine Mauer mußte her. Das hätten ihm, so Diestel, "Sicherheitsexperten des Bundeskriminalamtes" geraten.Das mehr als mannshohe Bollwerk aber brachte die Zeuthener endgültig auf die Palme. Da half auch nichts, daß der Innenminister seinen Schutzwall abreißen und durch eine undurchdringliche Hecke ersetzen ließ. Die Bürger gingen auf die Straße.Am 21. September 1990 kam es zu dem historischen Aufmarsch von immerhin 1 000 Einwohnern vor Diesteis Haus. Transparente wurden geschwenkt, mit Losungen, die an den Wendeherbst ,89 erinnerten. Kostprobe: "Wendegewinnler Diestel" oder "PDS/CDU/SED: Unser Diestel ist okay".Der Wirbel beruhte nicht, wie Diestd meinte, auf Neid-Gelüsten eventuell Zu-Kurz-Gekommener. Vielmehr hatte Zeuthen schon all die DDR-Jahre hindurch für die Versorgung von hochrangigen N4dl-Genossen herzuhalten. Da wurden Sandwege asphaltiert, die zu entsprechenden Einfamilienhäusern führten, während andere Straßen mit Schlaglöchern übersät blieben. Oder man baute Abwasserleitungen für Bonzensiedlurigen, während der "normale" Zeuthener Sickergruben hinterm Haus buddeln mußte. Nach der Wende ebnete Modraws Hauserkautgesetz vom 7. März 1990 den ehemaligen Funktlonären den Erwerb Ihrer Pachtgrundstücke. Tatsächlich war es vor allem die Nomenklatura, die vorab von den neuen gesetzlichen Regelungen erfuhr und somit als erste bei den Grundbuchämtern antrat.Auch in Zeuthen schlugen die Mdl-Offiziere zu. Zu Vorzugspreisen, die sich von Diesteis Schnäppchen kaum unterschieden. Drahtzieher der Grundstücksgeschäfte war Hartwig Müller, zu DDR-Zelten wie auch unter Diestel verantwortlich für die Immobllien des Ministeriums.Doch während sich Diestel ganz in CDU-Tradition auf das Aussitzen des Problems beschränkte, drehte sich schon bald nach der Vereinigung der Wind aus Richtung Bonn. Der CDU-Rebell hatte die Parteiführung zu sehr gereizt, als daß das Bundesinnenmlnisteriuiu. noch länger seine schützenden hände über den abgehaifterten Minister halten wollte. So zog das Seiters-",4lnlsterium die Bodyguards ab und kündigte eine Überprüfung des Diesteischen Kaufvertrages an.Gang nach KarlsruheDer Rechtsstaat hat das "Problem Diestel" geli~st. Mit der BGH-Entscheidung aber ist nicht nur der windige Kaufvertrag für nichtig erklärt, sondern auch ein Nimbus zerstört worden: der vom unschlagbaren Diestel, der vor Gericht noch nie einen Prozeß verloren hat.So richtig will es der CDU-Politiker und Rechtsanwalt noch nicht wahrhaben. In einer ersten Reaktion kündigte er den Gang zum Karisruher Verfassungsrichter an. Das Urteil stelle eine Dlskriminierung der Ostdeutschen dar, wettert Diestel. Ob;r in diesem Fall aber mit der Nummer des vom West-Unrecht gebeutelten Ossis den gewünschten Solidarlsierungseffekt erzielen wird, bleibt abzuwarten.Interessant ist, wie sich Bundesinnenminister Kanther (CDU) gegenüber Diestel verhalten wird. Schließlich ist das Haus am Zeuthener See nun wieder im Mlnisterliqmsbesltz. Ob erdie Familie Diestel aber sj~einfach aus ~lem Haus jagen da" ist stiittig. Dicst~l pocht auf sein Mietrecht clever wi" er ist, schloß er nämlich ~~~XVg~he vor dem Hauskauf im Juli ,90 einen Mietvertrag mit seinem Ministerium. Und der, so Diestel, Ist auch heute noch gültlg.