NAUMBURG, 27. März. Sie kamen mehrmals in seine Wohnung. Sie traten ihm ins Gesicht, sie schlugen ihm die Zähne aus. Sie wurden immer brutaler. Nach zwei Tagen war Andreas O. tot. Andreas O. war vierzig Jahre alt. Er war geistig behindert. Zwei der Täter waren gerade fünfzehn Jahre alt.Tatort ist Naumburg, eine beschauliche Kleinstadt in Sachsen-Anhalt. Andreas O. starb am vergangenen Sonnabend. An diesem Mittwoch berichteten die Zeitungen zum ersten Mal über den Mord. Bürgermeister Hilmar Preißer sagt, diese Tat lasse ihn an allem zweifeln. Der ermittelnde Oberstaatsanwalt Hans-Jürgen Neufang sagt, die Wahl des Opfers erscheine wahllos. Einen rechtsradikalen Hintergrund schließt er aus, auch scheint die Behinderung des Opfers keine Rolle gespielt zu haben. "Es hätte jeden anderen genauso treffen können", sagt Neufang.Der Leiter der Schule, auf die einer der Täter ging, sagt, er habe so eine Tat nicht für möglich gehalten. Der Schüler nahm regelmäßig am Unterricht teil, der familiäre Hintergrund sei geordnet.Vier Jugendliche und zwei Erwachsene waren an dem Mord beteiligt. Mitleid zeigten sie nicht, Reue oder Scham blieben auch später aus. Zwei Tage nach dem Mord erzählten sie in der Clique, wie sie Andreas O. totgeprügelt haben. Ein Jugendlicher hörte das und meldete sich bei der Polizei. Binnen Stunden waren die Täter gefasst. Alle waren geständig.Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die zwei 15-Jährigen am Donnerstagnachmittag vergangener Woche Andreas O. in seiner Wohnung aufsuchten. Sie verletzen ihn schwer. Sie nehmen eine Geldbörse mit. Am Freitag treffen sie sich mit Freunden auf einem Spielplatz. Offenbar beschließt die Gruppe, Andreas O. ein weiteres Mal aufzusuchen. Dabei schließen sich auch die beiden Erwachsenen an, der 25-jährige Mario B. und der 29-jährige Silko B. , beide vorbestraft wegen Körperverletzung. Der eine verbüßt eine Bewährungsstrafe, der andere ist gerade aus dem Gefängnis entlassen worden.Den Wohnungsschlüssel haben die Jugendlichen Andreas O. beim ersten Besuch abgenommen. Durch die Haustür kommen sie ohnehin, weil einer der Täter im Haus wohnt. Das ist übrigens der einzige konkrete Verbindungspunkt zwischen Tätern und Opfer, den die Polizei bisher ermittelt hat.Dreimal dringen sie noch in die Wohnung ein, schlagen und treten ihr Opfer immer wieder. Dabei zeigen sich die beiden Erwachsenen besonders brutal. Jedes Mal nehmen sie aus der Wohnung mit, was ihnen gefällt. Zuerst die Boxen der Stereoanlage, dann Bier und beim letzten Mal den Fernseher und den Videorekorder.Das offizielle Entsetzen ist groß in Naumburg. Aber etwas fehlt. Ein Zeichen der Trauer. Vor dem Haus, in dem der Mord geschah, hat niemand Blumen oder Kerzen hingestellt. Es ist nichts zu sehen, was deutlich machen könnte, dass hier etwas Schreckliches geschehen ist.Ziemlich genau in der Mitte des Weges zwischen Rathaus und Dom hat Andreas O. gewohnt. In einer kleinen Wohnung im zweiten Stock. Nicht besonders schön, aber in guter Lage. Das Treppengeländer ist grau lackiert, das Treppenhaus ist eng.Andreas O. lebte allein. Er hat keine Geschwister, seine Eltern leben nicht mehr. Morgens fuhr er mit dem Bus in das zwanzig Kilometer entfernte Behindertenwerk der Caritas in Osterfeld. Hier trifft man die Menschen, die um den Ermordeten trauern. Andreas Kobelt ist Leiter der Holzwerkstatt, in der Andreas O. Teile für Spiegelschränke fertigte. Kobelt blickt starr vor sich hin, seine Augen sind gerötet. "Ich verstehe das nicht", sagt er. "Ich verstehe das nicht ein bisschen. " Am Vormittag hat er mit den behinderten Kollegen über Andreas O. gesprochen. Hier hat der Mord Weinkrämpfe ausgelöst, einige Kollegen hatten epileptische Anfälle nach der Nachricht. Sie haben Angst, fühlen sich jetzt auch bedroht. "Kann ich nicht mehr auf die Straße gehen?", hat einer gefragt.Der Staatsanwalt sagt, dass die Clique sich Andreas O. wahrscheinlich wegen seiner Wehrlosigkeit ausgesucht hat. Noch ist der Tathergang nicht zweifelsfrei geklärt, da sich die Polizei hauptsächlich auf die Aussagen der Täter stützt. Ein Mann, der auf der gleichen Etage wohnt wie Andreas O. , ist wortkarg. Er sagt nur, dass er nichts gehört und nichts gesehen habe. Auch in der Pizzeria im Erdgeschoss hat man nichts Auffälliges bemerkt.Am Donnerstag hat Rosmarie Uske, eine Sozialarbeiterin der Caritas, Andreas O. noch besucht. Sie sagt, dass er fröhlich gewirkt habe. Sie sagt auch, dass er am Freitag noch in der Sozialstation der Caritas zu Mittag gegessen habe. Das deckt sich nicht mit dem bisher ermittelten Tathergang. Die Ermittler fragen sich, warum Andreas O. nichts getan hat, um gerettet zu werden. Zwischen den Besuchen seiner Peiniger vergingen viele Stunden. War er derart verängstigt? Andreas O. hätte nur das Fenster öffnen müssen. Er hätte um Hilfe rufen können. Die Straße in der Innenstadt ist tagsüber sehr belebt.Oberstaatsanwalt Hans-Jürgen Neufang ist fassungslos über die Brutalität der Täter. Neufang hat, bevor er nach Naumburg wechselte, als Staatsanwalt in Leipzig bei Gewalttaten gegen Ausländer ermittelt. Da war meistens Hass das Motiv. Hier ist das anders. Regungslos seien die Jugendlichen bei den Verhören. Alle, die in der Wohnung bei den Gewaltausbrüchen mitmachten oder dabei standen, seien "mitleidsunfähig".Als die Jugendlichen dem Haftrichter vorgeführt wurden, versammelten sich vor dem Gerichtsgebäude die Freundinnen und Freunde der Täter. Sie forderten ihre Freilassung und pöbelten Polizisten an. Entsetzen über die Tat war da nicht. Die Mütter zweier Täter meldeten sich über die Bild-Zeitung zu Wort. Ihre Söhne hätten "nur aus Angst mitgemacht".In den Verhören gaben die Täter an, Andreas O. eine Abreibung verpasst zu haben, weil er Minderjährigen Geld für sexuelle Dienste angeboten habe. Dafür gebe es allerdings keine Hinweise, sagt Staatsanwalt Neufang. Weder die Durchsuchung der Wohnung noch die Aussagen der Menschen, die Andreas O. kannten, hätten dafür Anzeichen gegeben. Auch die Täter wüssten von keinem Opfer.Im Behindertenwerk der Caritas sagt Geschäftsführer Peter Staufenbiel, dass Andreas O. in den vergangenen Jahren einen guten Weg gemacht habe. In der Holzwerkstatt sei er kaum durch einen anderen Mitarbeiter zu ersetzen. Vor drei Jahren ist er aus einem Wohnheim für Behinderte ausgezogen und hat seitdem selbstständig gelebt. Er hat geputzt, gekocht und eingekauft. Ängstlich sei er gewesen. Mit der Betreuerin hatte er ein Klingelzeichen ausgemacht und sonst niemanden ins Haus gelassen, den er nicht kannte.Einer der Freunde von Andreas O. war der Schauspieler Peter Sodann, Kommissar im MDR-Tatort und Intendant den Neuen Theaters in Halle. Dort ist Andreas O. häufig gewesen. Das Theater, sagt Werkstättenleiter Jürgen Kobelt, war seine Leidenschaft. Er hat viel darüber gelesen. Die Theaterleute um Peter Sodann hatten eine Patenschaft für Andreas O. übernommen. Jetzt steht im Theater in Halle ein Bild des Ermordeten, umrahmt von Trauerflor und Blumen."Das hier ist eine Tat, die man nicht mehr begreifen kann. Es hätte jeden anderen genauso treffen können. " Hans-Jürgen Neufang, Oberstaatsanwalt