SYDNEY, 17. September. Martinho de Araujo ist nur Letzter geworden. 157,5 Kilogramm wuchtete er im Zweikampf in die Luft. Mehr als einen Zentner lag der Gewichtheber aus Ost-Timor damit hinter dem Vorletzten zurück, einem Athleten aus Mauritius. Und doch wurde niemand sonst am Sonnabend so sehr bejubelt wie Martinho de Araujo. Der 27-Jährige war der erste Teilnehmer bei Olympischen Spielen aus Ost-Timor."Wir wollten einfach nur hier sein und das alles erleben", sagt Araujo, "wir wollen uns nur präsentieren, wir wollen keine Medaillen. " Als so genannte Individual Olympic Athletes (IOA) werden Araujo und seine drei Gefährten in Sydney vom IOC geduldet. Es ist eine provisorische Anerkennung, die Araujo, den Marathonläufern Aguida Amaal (25) und Calista da Costa (22) sowie dem Boxer Victor Ramos (30) widerfährt. Ramos trug am Freitag bei der Eröffnungsfeier die weiße Olympiafahne ins Stadium Australia. Direkt vor den Gastgebern marschierte das Grüppchen ein und berauschte sich am Beifall der 110 000 Menschen.Unter der Knute Nach einem halben Jahrhundert unter der portugiesischen Kolonialmacht und weiteren zwei Jahrzehnten unter der Knute des indonesischen Diktators Suharto, steht Ost-Timor inzwischen unter der Oberhoheit der Vereinten Nationen. Die UN-Blauhelme sollen das vom Krieg zerstörte und ausgeblutete Land befrieden. Mit der Teilnahme an den Olympischen Spiele sei Ost-Timor von der internationalen Staatengemeinschaft akzeptiert - so hat es sich Jos Ramos-Horta gewünscht, der Friedensnobelpreisträger und designierte Außenminister des kleinen Staates.Ramos-Horta war ein drei viertel Jahr unermüdlich dafür eingetreten. Seine ersten Versuche wurden vom IOC-Generaldirektor Francois Carrard im März noch mit der formalen Begründung abgelehnt, Ost-Timor verfüge über kein eigenes NOK. Als Ramos-Horta dann Anfang Mai ein NOK gründete und sich zum ersten Präsidenten machte; als sich schließlich auch Australiens Premier John Howard und UN-Generalsekretär Kofi Annan dafür einsetzten, schwenkte die IOC-Führung um. Der Belgier Jacques Rogge und der Australier Kevan Gosper machten sich als Fürsprecher von Ramos-Horta bei ihren Exekutivkollegen verdient. Erst Ende Mai segnete die IOC-Regierung das Vorhaben ab, spendierte für die Expedition nach Australien Geld aus dem Sonderprogramm "Olympische Solidarität" - und feiert sich nun dafür. Martinho de Araujo und Victor Ramos wollen und dürfen in Sydney nicht über Politik reden. "Wir äußern uns nur zum Sport", sagt Araujo, "so ist es mit den olympischen Offiziellen vereinbart. " Am Freitag war Fahnenschwinger Ramos noch freudetrunken und stolz über die Tartanbahn getanzt. Am Sonntag unterlag er im Boxring dem Ghanaer Raymond Narh durch technischen Knockout. Das nackte Resultat aber gerät zur Marginalie, wenn man weiß, wie Ramos die jüngste Zeit verbrachte.Im Herbst 1999, kurz nach dem Unabhängigkeitsreferendum, fand sich sein Name auf einer Todesliste wieder. "Dein Tag ist gekommen", haben ihm Mörderschwadrone signalisiert. Ramos konnte aus der zu 80 Prozent zerstörten Hauptstadt Dili in die Berge fliehen. Seine Frau und die vier Kinder musste er zurücklassen. Glücklicherweise fand sich die Familie in einem Flüchtlingslager wieder zusammen.Der Gewichtheber Araujo hatte ebenfalls Glück. Ihm war sogar schon eine Pistole an die Schläfe gehalten worden, weiß der Teufel warum der Milizionär nicht abgedrückt hat. "Ich will darüber nicht sprechen", sagt Araujo. "Was diese Sportler erlebt haben, erlebt eigentlich kein olympischer Athlet", sagt Frank Fowlie, ein Kanadier, der als Trainer und Teamchef der Sportler aus Ost-Timor fungiert. Fowlie lebt in Dili, doch die vergangenen zwei Monate hat er mit zehn Athleten, unter denen die vier Olympiateilnehmer ausgewählt wurden, im nordaustralischen Darwin verbracht. In Sicherheit. Im Luxus. "Allein die Duschen im olympischen Dorf", sagt Fowlie, "sind für meine Leute schon viel wert. " Drei Tage im Speisesaal Fowlie rät seinem Schützling Araujo, sich für drei Tage in den Speisesaal des olympischen Dorfes einzuschließen, um sich für die Rückkehr nach Dili zu wappnen. Ein nahe liegender Vorschlag. Denn in zwei Wochen, wenn Martinho de Araujo und seine Sportkameraden nach Dili zurückkehren, geht es wieder ums nackte Überleben. Sie werden auf die Gaben der Welthungerhilfe und auf Tauschhandel angewiesen sein. Wahrscheinlich wird Araujo auch wieder mit alten Autoreifen, Sandsäcken und Holzstäben seine Sportart Gewichtheben imitieren. Die vier Sportler, die eine kleine Provinz für einen Augenblick ins Rampenlicht gerückt haben, werden den Lauf der Dinge kaum entscheidend verändern können. Aber für Araujo und seine Gefährten wird nichts mehr so sein wie bisher."Wir äußern uns nur zum Sport. So ist es vereinbart. " Martinho de Araujo, Gewichtheber in Ost-Timor BONGARTS Einmarsch der Sportler aus Ost-Timor, der Boxer Victor Ramos trägt die Fahne, die anderen tanzen.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.