Wer weiß, vielleicht ist der Galerist Anselm Dreher ein Romantiker. Zumindest stehen ihm eigensinnige Gefühlskraft, Individualität und Ausdrucksstärke - die Wesensmerkmale jener vergangenen Epoche - im Übermaß zur Verfügung. Wer in seiner aktuellen Ausstellung die Dreher-Skulptur betrachtet, die von Karin Sander aus seinem Body-Scann angefertigt wurde, mag sich bei Haltung und Körpersprache der kleinen weißen Figur an den rätselhaften "Wanderer im Nebelmeer" von Caspar David Friedrich erinnert fühlen. Diesem trutzigen Mann auf einsamer Klippe, von dem wir nur die Rückenansicht kennen.Anselm Dreher kennt man. Er ist einer, der immer Gesicht gezeigt hat. Nicht nur in der Kunstszene Berlins, wo er längst eine Instanz ist. Er wollte nie herumschwiemeln und sagte immer, was er meinte. Passte nicht jedem. Schon sein Kunstprofessor beim Studium an der Hochschule der Künste Berlin hätte ihn deshalb beinahe suspendiert. Als Dreher vom Besucher der Documenta im Sommer 1964 aus Kassel zurückkam, " ...da hatte ich plötzlich weite Augen. Das hatte mich umgehauen." In Berlin dagegen verlangte man von ihm, hundert Tierzeichnungen im Zoo zu machen, sonst würde er sein Testat nicht bekommen. "Ich nahm das als eine Herausforderung - und brachte ihm doppelt so viele Pinguine, Pelikane, Flamingos, Flusspferde. Ich bin ja ein Augenmensch und zeichnen kann ich."Danach aber wusste der junge Dreher, dass ihn eine ganz andere Art von Kunst faszinierte: Konzeptkunst, Minimal Art. Reduziert-radikale Kunstwerke bedeuteten für ihn größten intellektuellen Genuss. Die Attraktivität dieser Arbeiten entsprang mal aus dem Gebrauch der Worte, so wie bei Joseph Kosuth oder Lawrence Weiner. Oder es faszinierte ihn eine völlig polarisierend zum Ausdruck gebrachte Geisteshaltung, wie bei Heimo Zobernig. Ein anderes Mal entzündete sich die Begeisterung allein an der sinnträchtigen Überlegung, wie wir denn die Kunst selbst wahrnehmen. So wie sie Louise Lawler in ihren Fotoszenen inszenierte.Viele der heute so berühmten Namen - darunter Jochen Gerz, John M. Armleder, Remy Zaugg, Christiane Möbus - betraten dank der Galerie Anselm Dreher zum ersten Mal die Berliner Bühne. Denn bald nach Studienschluss gründete der Eigensinnige 1967 seine eigene Galerie.Nur ein einziges Mal zog er um. Seit 1972 bespielt er in der Pfalzburger Straße seine Räume mit der imposanten, von ihm selbst so entworfenen Fensterfassade. Von dort aus hat er viele neue Galerien kommen und gehen sehen, verfolgte die neuen Zentren in Mitte nach der Wende und sah sie weiterwandern. Er blieb. Auch bei seiner Leidenschaft der "Minimal Art", bei seiner Straße, bei seinen Künstlern und bei seinem Konzept.Es war vielleicht eine romantische Idee, aber Dreher wusste in all den Jahren schon, dass nur er diese Kunst so konsequent unter die Leute bringen würde. Auch bei der letzten Berliner Kunstmesse Art Forum stand er jede Minute präsent hinter einer Galeristentheke inmitten der temporären Installation "IFA" von Folke Köbberling & Martin Kaltwasser. Ganz in Schwarz gewandet, wie immer. Mit weißem Haar, als hätte es der 1940 geborene Berliner immer schon gehabt. Mit Baskenmütze und Bart, und wie selbst zum Kunstwerk gehörend. Denn dank seiner inneren Haltung und gelebten Überzeugung verwandelt sich ohnehin jeder Ort, von dem er über seine Künstler referiert, zu einem unsichtbaren Katheder. Er tauscht sich wirklich gern aus. Und: "Wer eine gute Frage stellt, kriegt auch eine gute Antwort."Was ist denn nun dran an der Konzeptkunst, dass seine Leidenschaft ein Leben lang reicht? "Manche glauben ja immer noch, Konzeptkunst und Minimalismus wären einfach nur Schwarz-Weiß und streng. Aber so simpel ist das doch nicht."Statt eines Jubiläumskataloges komponierte Anselm Dreher für seine Geburtstagsausstellung ein kuratorisches Gesamtkunstwerk in drei Sätzen. Eine Schrifttafel von Kosuth, mit der ein assoziationsreiches Freud-Zitat aufgegriffen wird, steht im ersten Raum einer Videoarbeit von Heimo Zobernig gegenüber. Ein schweigender Künstler, dem eine Stimme aus dem Off (Robert Fleck) die eigene Kunst in kunstwissenschaftlichen Blähbrezeln erläutert. Völlig ernst hört der Künstler seiner Exegese zu. Augenzwinkernd.Im zweiten Raum knarzt die Farbe Rot auf dem Fensterbrett. Eine winzigschöne Soundarbeit von Rolf Julius. Sie korrespondiert mit den roten Farbvierecken, aus denen Blinky Palermo damals sein Dyptichon "Flipper" zusammengesetzt hatte. Ganz innig greifen das Podest von Köbberling & Kaltwasser und ein John-Armleder-Tisch in seiner feinen Asymmetrie ineinander.Der dritte Raum, das "frankophile" Credo seiner Komposition, zeigt eine Leuchtstäbe-Reihung von Armleder. Bunte Lichter, in weiße Kissen gesetzt. So installiert man derzeit wirklich nur bei Dreher einen "Canaletto". Und an der hintersten Wand - ein Bildschirm mit Loop. Der Franzose Ange Leccia, 1952 in Korsika geboren, kennt offenbar die verschwiegensten Stellen in den Klippen seiner Heimatinsel. Dort, wo fluoreszierende Algen die Gischt am Strand zu einem rätselhaften grünen Leuchten bringen. Dieses Naturphänomen hat er zu einem Vorhang aus Wasser verwandelt, zu einer Metapher für das ewige Kommen und Gehen, Aufbäumen und Zerfließen.Bei Anselm Dreher ist es der große Schlussakkord einer Ausstellung, die er fast daran zweifelnd, ob das sein muss, mit einer Überschrift versehen hat. "Relations". Weil eben doch alles mit allem zusammenhängt.Galerie Anselm Dreher, Pfalzburger Str. 80, Jubiläumsschau bis 15. 3., Di-Fr 14-18, Sa 11-14 Uhr.------------------------------Foto: Anselm Dreher, Galeristen-Instanz------------------------------Foto: John Armleder: bunte Lichter, in weiße Kissen gesetzt. So installiert man nur bei Dreher einen "Canaletto".