Die Geschichte des Reichstagsstenographen Dr. Vinzenz Koppert hat, soweit sie für die Entstehung des Grundgesetzes von Bedeutung ist, am 20. Juli 1944 um kurz nach 12.40 Uhr begonnen. Seine Kollegen Heinrich Berger und Heinz Buchholz waren an diesem Tag pünktlich zur ersten Lagebesprechung in der "Wolfsschanze", Adolf Hitlers Hauptquartier beim ostpreußischen Rastenburg, erschienen. Sie waren zwei von neun Reichstagsstenographen, die auf Befehl des "Führers" seit September 1942 jedes Wort zwischen ihm und den Generälen aufzuzeichnen hatten. Seit sein Vernichtungskriegsglück sank, war Hitlers Misstrauen gegenüber der militärischen Führung gewachsen. Die Stenographen hatten nicht nur jeweils zu zweit alle Wortmeldungen der täglichen Morgenlage zwischen 12.00 und 15.00 Uhr und der täglichen Abendlage aufzunehmen, auch alle "Sonderbesprechungen" Hitlers über Kampfhandlungen, operative Planungen, Kriegswirtschaftsfragen, selbst wichtige militärische Ferngespräche Adolf Hitlers mussten mitgeschrieben werden - täglich zwischen 90 und 150 Seiten.Erschwert wurde ihre Arbeit durch einen anhaltenden Schulenstreit, der auch die Stenographengruppe im Führerhauptquartier in zwei Lager teilte. Nach dem System Gabelsberger stenographierten Dr. Ewald Reynitz, Karl Thöt, Dr. Fritz Dörr und Ludwig Krieger, dem System Stolze-Schrey hingen Dr. Kurt Peschel, Dr. Hans Jonuschat, Dr. Kurt Haagen, Heinz Buchholz und Heinrich Berger an. Zwar hatte der liberale Abgeordnete Theodor Heuss im Mai 1925 im Reichstag die Stenographen aufgerufen, ihren "verkappten Religionen" abzuschwören und sich auf eine Einheitskurzschrift zu verständigen (die Stenographen verzeichneten im Protokoll achtmal "Heiterkeit", "große Heiterkeit", "erneute Heiterkeit"), aber niemand wusste besser als Heuss selbst, dass er damit für jeden echten Stenographen die Systemfrage stellte. Heuss hatte als Schüler Stenographie nach dem System Stolze-Schrey gelernt und den Anhängern des Systems Gabelsberger einen "Charakterfehler" attestiert, solange zumindest, bis sich sein Bruder Hermann dem feindlichen Lager angeschlossen hatte.---1944Es war kein Zufall, sondern eine Folge des Schulenstreits, dass Buchholz und Berger als Vertreter der Methode Stolze-Schrey ihren Dienst am 20. Juli gemeinsam in der Besprechungsbaracke verrichteten. Heinrich Berger saß in unmittelbarer Nähe des stehenden "Führers" an der rechten Querseite des Lagetischs, Heinz Buchholz ein wenig entfernt, Hitler schräg gegenüber, als Oberst i.G. Claus Schenk Graf von Stauffenberg verspätet zur Morgenlage erschien.General Adolf Heusinger, der Chef der Operationsabteilung des Heeres, referierte über die Situation an der Ostfront, General Wilhelm Keitel, der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, meldete Oberst Stauffenberg zum Vortrag, Hitler reichte ihm wortlos die Hand, Keitels Adjutant Major Ernst John von Freyend stellte ahnungslos die mit einer Sprengladung gefüllte Aktentasche Stauffenbergs neben Heusinger, Stauffenberg entfernte sich aus dem Besprechungsraum unter einem genuschelten Vorwand, Hitler beugte sich weit über den Tisch, um eine von Heusinger erwähnte Stellung auf der Karte näher zu betrachten, als um kurz nach 12.40 Uhr die Bombe detonierte. Alle 24 Personen in der Baracke wurden zu Boden geschleudert, einigen standen die Haare in Flammen, Fensterkreuze, Kartenfetzen, Glassplitter und Strohpappe flogen umher, eine gelbe und blaue Stichflamme schoss über der Baracke auf. Heinz Buchholz flüchtete aus einem zersplitterten Fenster ins Freie. Als er durch ein anderes Fenster in den verwüsteten Raum zurückkehrte und durch die langsam sich verziehende Rauchwolke zu Boden starrte, sah er am Boden seinen tödlich verletzten Kollegen. Die Bombe, die Adolf Hitler beseitigen sollte, hatte Heinrich Berger zerfetzt. Wenige Wochen später begann für den Reichtagsstenographen Dr. Vinzenz Koppert die Arbeit am Volksgerichtshof.Seit dem Ermächtigungsgesetz vom 23. März 1933 war der Parlamentarismus in Deutschland beseitigt, der Reichstag ein Akklamationsorgan der Diktatur. Am 24. April 1942 hatte er seine Tätigkeit ganz eingestellt, aber die zehn Reichstagsstenographen, die elf Maschinenschreiberinnen und der Direktor des Stenographenbüros arbeiteten weiter. Schon 1933 hatte Hermann Göring den Stenographen die Weisung erteilt, Aufgaben bei Gerichten und in Reichs- und Parteistellen zu übernehmen. Sie hatten den Reichstagsbrand-Prozess stenographiert, den Prozess gegen den evangelischen Theologen Martin Niemöller, Gauleiterbesprechungen, geheime Sitzungen von Sondersenaten des Reichskriegsgerichts und Unterredungen im Reichsluftfahrtsministerium. Nach dem Anschlag vom 20. Juli waren sie zu den Verfahren gegen die Verschwörer und ihre Hintermänner am Volksgerichtshof befohlen worden.Die Prozesse begannen am 7. August 1944 im Gebäude des Berliner Kammergerichts. Den Vorsitz führte Roland Freisler, seit zwei Jahren Präsident des Volksgerichtshofs. Was Hitler von der justizförmigen Erledigung des versuchten Staatsstreichs erwartete, hatte er in einer Lagebesprechung verdeutlicht: "Diese Verbrecher . sollen nicht die ehrliche Kugel bekommen, sie sollen hängen wie gemeine Verräter. Ein Ehrengericht soll sie aus der Wehrmacht ausstoßen, dann kann ihnen als Zivilisten der Prozeß gemacht werden . Und innerhalb von zwei Stunden nach der Verkündung des Urteils muß es vollstreckt werden! Die müssen sofort hängen ohne jedes Erbarmen! Und das wichtigste ist, daß sie keine Zeit zu langen Reden erhalten dürfen. Aber der Freisler wird das schon machen." Entsprechend verstand sich Freisler nicht als Straf-, sondern als Scharfrichter des Regimes. In den von ihm geleiteten Schauprozessen war Freisler der einzige Akteur, alle anderen dienten als Staffage: die Vertreter der Staatsanwaltschaft, die Verteidiger, die beisitzenden Richter und natürlich die Verschwörer selbst. Sie standen - in abgerissenem Zivil, schwer gezeichnet von den in der Untersuchungshaft erlittenen Qualen - nicht als Angeklagte vor Gericht, sondern als "Charakterschweine", als "Lumpen" und "Mordbuben". Freislers Bemühungen, sie auf jede Weise zu demütigen, seine Beleidigungen und scheinbar ungezügelten Wutausbrüche folgten einem Kalkül, ebenso nüchtern wie brutal. Der Vernichtung ihres Körpers am Galgen in der Hinrichtungsstätte Plötzensee sollte die Auslöschung ihrer Person im Gerichtssaal vorausgehen.Und das deutsche Volk sollte Zeuge sein. So hatte es Hitler gewünscht und Reichspropagandaminister Joseph Goebbels veranlasst. Im mit Hakenkreuzfahnen ausgehängten Saal hatte er Kameras installieren lassen, eine über dem Eingang, vis-a-vis der Richterbank, eine andere im Rücken Freislers, hinter einer Fahne. Die Dokumentation sollte in Kinos gezeigt werden und der Bevölkerung nicht allein die Schändlichkeit des Attentats, vielmehr noch den Kleinmut der Attentäter und ihre ängstliche Verlogenheit vor Augen führen. Aber mit jedem Prozess wurde klarer, dass nicht das Gericht die Angeklagten, sondern die Angeklagten Freisler und das gesamte NS-Regime kompromittierten.Mit jedem Wortwechsel zwischen Freisler und den angeklagten Militärs und Zivilisten, den die Tonspuren der Kameras aufnahmen, entstand unter der Hand ein Propagandafilm des deutschen Widerstands: Hans-Bernd von Haeften, Mitglied der Bekennenden Kirche und seit 1940 stellvertretender Leiter der Kulturpolitischen Abteilung im Auswärtigen Amt, der in den Redeschwall Freislers hinein Hitler als "großen Vollstrecker des Bösen" bezeichnet; Ulrich Wilhelm Graf Schwerin von Schwanenfeld, einer der wichtigsten Verm ittler zwischen militärischem und zivilem Widerstand, der auf die Frage Freislers, ob er unter der "Gemeinheit" seiner Taten nicht zusammenbreche, ungerührt erwidert: "Nein!"; Cäsar von Hofacker, ein Vetter Stauffenbergs, der dem Vorsitzenden ins Wort fällt: "Sie schweigen jetzt, Herr Freisler! Denn heute geht es um meinen Kopf. In einem Jahr geht es um Ihren Kopf!"Am 8. September wurde gegen Josef Wirmer verhandelt. Sein Haus in Berlin war einer der zentralen Treffpunkte der Opposition, vor allem von Gewerkschaftern, gewesen. Der Rechtsanwalt hätte im Falle eines gelingenden Staatsstreichs Justizminister werden sollen. Auf die Äußerung Freislers, Wirmer werde sich in Kürze in der Hölle wiederfinden, verbeugte der sich knapp und erwiderte kühl: "Es wird mir ein Vergnügen sein, wenn Sie bald nachkommen, Herr Präsident."Vinzenz Koppert und seine Kollegen schrieben, mal seitlich zu Füßen des Gerichts, mal schräg hinter Freisler über ihre Stenoblöcke gebeugt, Wort für Wort, Satz für Satz die Reden Freislers und die Gegenreden der Verschwörer mit. Wer den Film sieht, kann die unauffälligen Herren in Zivil leicht erkennen. Aber der Film ist nie in die Kinos gekommen. Auf Goebbels' Befehl verschwand er in den Archiven.---1949An einem Tag Anfang 1949 gehen in der Aula der Pädagogischen Akademie in Bonn die Lichter aus. Im Plenarsaal des Parlamentarischen Rates haben auf den Holzstühlen die Ratsmitglieder, die Beamten, die Angestellten und Journalisten Platz genommen, starren ins Dunkel und warten auf den Beginn einer Filmvorführung. Der Projektor setzt sich mit lautem Surren in Bewegung, und an der Kopfwand der Aula flimmern die verwackelten Zeilen: "Auf Grund einer Sondergenehmigung des Herrn Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda wird Ihnen der folgende Film gezeigt, der eine Geheimsache im Sinne des § 88, Reichsstrafgesetzbuch vom 24. 4. 1934, ist. Es ist unter allen Umständen untersagt, Außenstehenden von dem Inhalt des Films und der Aufführung Kenntnis zu geben." Vermutlich ist es das erste Mal nach dem Ende des Weltkriegs, dass der Film über die "Verräter vor dem Volksgerichtshof" einer ausgewählten deutschen Öffentlichkeit gezeigt wird. Für etliche Mitglieder des Parlamentarischen Rates kommt es zu einer bedrückenden Wiederbegegnung.Elisabeth Selbert, hessische SPD-Landtagsabgeordnete und eine von vier Frauen im Parlamentarischen Rat, war nicht emigriert, hatte in keinem Konzentrationslager gesessen, sie hatte sogar ihren Beruf als Rechtsanwältin während der NS-Zeit ausüben dürfen. Nicht die Diktatur hatte sie verfolgt, aber ein Wort und eine Stimme, die ihr jetzt im Plenarsaal des Parlamentarischen Rates entgegenbrüllt. Es ist die Stimme ihres früheren Kasseler Anwaltskollegen Roland Freisler, der ihr einst vor seinem Aufstieg zum "Blutrichter", als damals ortsbekannter Rechtsextremist und Stadtverordneter gedroht hatte, sie liquidieren zu lassen.Der Christdemokrat Jakob Kaiser aus Berlin, bis 1933 Reichstagsabgeordneter des Zentrums und führender Funktionär der Christlichen Gewerkschaften, hatte sich nach dem 20. Juli 1944 bis Kriegsende in einem Keller in Potsdam-Babelsberg versteckt gehalten. Er hatte zum gewerkschaftlichen Widerstand gehört und sich regelmäßig mit Carl Friedrich Goerdeler und führenden Männern der Militäropposition beraten, seit Herbst 1943 hatte ihn Oberstleutnant Claus Schenk Graf von Stauffenberg häufig in seiner Wohnung in Berlin besucht.Nun sieht und hört er zwei seiner engsten Vertrauten vor ihrer Ermordung durch den Volksgerichtshof: Wilhelm Leuschner, ehemaliger hessischer Innenminister und bis 1933 stellvertretender Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, zwei Jahre Gefangener in Zuchthaus und KZ, von Goerdeler nach dem Staatsstreich als Vizekanzler vorgesehen, und Josef Wirmer, den Berliner Rechtsanwalt, Mitglied des linken Flügels des Zentrums, der, aufrecht stehend, mit den Händen die Rückenlehne eines Stuhls um klammernd, Freisler auf die Fahrt in die Hölle einstimmt.Paul Löbe, Jahrgang 1875, ist nicht nur das zweitälteste Ratsmitglied, unter den würdigen Herren des Parlamentarischen Rates ist er der ehrwürdige. 1919 hatte er als Vizepräsident der Nationalversammlung die Weimarer Verfassung mitberaten. Und seit 1920 hatte er fast ununterbrochen bis 1932 dem Reichstag präsidiert. Hermann Göring hatte seinem Vorgänger 1938 zwar eine kleine Staatsrente ausgesetzt, diese Geste hatte den Sozialdemokraten nach dem 20. Juli jedoch nicht vor dem KZ Groß-Rosen bewahrt: Löbe waren wie Kaiser seine Kontakte zu Leuschner und Goerdeler zum Verhängnis geworden.Im Dunkel des Plenarsaals sitzt auch Carlo Schmid, Chef der SPD-Fraktion im Parlamentarischen Rat. Zu Beginn des Jahres 1949 - die wesentlichen Arbeiten am Grundgesetz sind bereits abgeschlossen - gilt der Vorsitzende des Hauptausschusses längst als die überragende Figur in Bonn. Der umfassend gebildete Staats- und Völkerrechtler, Sohn eines deutschen Vaters und einer französischen Mutter, hat sich erst nach dem Krieg den Sozialdemokraten angeschlossen. Die Nationalsozialisten hatten die wissenschaftliche Laufbahn des als unzuverlässig eingestuften Tübinger Privatdozenten blockiert. 1940 war er zum Kriegsverwaltungsrat in Lille gemacht worden und hatte dort Kontakte zur französischen Resistance und zum deutschen Widerstand aufgebaut. Schmids wichtigste Verbindungsmänner zu deutschen Widerstandskreisen waren Helmuth James Graf von Moltke, die Zentralfigur des Kreisauer Kreises, und Oberleutnant Werner von Haeften, der zusammen mit Stauffenberg noch am 20. Juli 1944 erschossen worden war, wenige Wochen bevor sein Bruder Hans-Bernd auf Geheiß Roland Freislers nach kurzem Prozess in Berlin-Plötzensee ermordet wurde.Es war ein Glück für Konrad Adenauer, dass Carl Friedrich Goerdeler in seinem Leben keine besondere Rolle gespielt hatte. Der 73-jährige Präsident des Parlamentarischen Rates war schon 1914 für den Militärdienst zu alt gewesen, so wurde der Jurist 1917 der jüngste Bürgermeister Preußens in seiner Heimatstadt Köln. Als die Nazis den unbotmäßigen Zentrum-Politiker 1933 - mit Abfindung und Pension - aus dem Amt jagten, war Goerdeler seit drei Jahren Oberbürgermeister Leipzigs und sollte es noch drei weitere Jahre bleiben. Anders als sein acht Jahre jüngerer Amtskollege hatte Adenauer sich nie mit dem NS-Regime zu arrangieren versucht, aber anders als Goerdeler war er auch zu vorsichtig gewesen, um seinen Kopf im Widerstand aufs Spiel zu setzen. Nachdem Goerdeler zu einer Zentralfigur der Widerstandsbewegung aufgestiegen war, versuchte er über Mittelsmänner, den früheren Kölner Oberbürgermeister als Verbündeten zu gewinnen. Adenauer hatte die Annäherungen mehrfach brüsk zurückgewiesen: "Ich habe abgelehnt. Ich will damit nichts zu tun haben." Vor allem Goerdelers gefährliche Redseligkeit scheint ihn gewarnt zu haben. Seine Skepsis hatte Adenauer das Leben gerettet. Nun sieht und hört der Präsident des Parlamentarischen Rats vier Jahre nach dem Tod Goerdelers dessen Auftritt auf dem Volksgerichtshof.Nicht alle Mitglieder des Parlamentarischen Rates hatten dem Widerstand angehört oder mit ihm sympathisiert, aber Gegner und Opfer des NS-Regimes war fast jeder von ihnen gewesen. Einige hatte nur der Zusammenbruch der Diktatur vor dem Volksgerichtshof bewahrt. Ernst Wirmer, Ratsmitglied für die CDU, war nach der Hinrichtung seines Bruders Josef verhaftet und erst von den Franzosen Ende April 1945 befreit worden. Hinter ihm sitzt in der ehemaligen Aula der Pädagogischen Akademie an diesem Tag der Bonner Bürgermeister und Journalist Otto Schumacher-Hellmold (FDP), der für den Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) aus dem Parlamentarischen Rat berichtet. Er notiert: "Als einer der letzten erschien ein Zivilist auf der Leinwand: Rechtsanwalt Wirmer, der Bruder des vor mir sitzenden Abgeordneten Ernst Wirmer. Würde der junge CSU-Abgeordnete (sic!) das ertragen, was nun kam? Der vor mir Sitzende hörte die Stimme seines Bruders, sah seine Bewegungen, vernahm die brüllende und schreiende Stimme des tobenden Gerichtsvorsitzenden. Ernst Wirmer geriet in Bewegung. Er beugte sich nach vorne, dann richtete er sich wieder auf. Er atmete vernehmbar. Ich mußte auf meinem Platz hin- und herrutschen, um die Sicht auf den Filmstreifen zu behalten. Was mochte Wirmer in dieser Stunde alles bewegt haben, als er noch einmal die Bewegungen und die Stimme seines hingerichteten Bruders erleben mußte?"Doch der ergreifende Auftritt Josef Wirmers wird schnell von einem anderen Bild verdrängt, auf das offenbar niemand vorbereitet ist: "Als Stenograph dieser Gerichtsverhandlung war ein Mann zu erkennen, der zum stenographischen Dienst des Parlamentarischen Rates gehörte." Der gesetzte Herr in sorgfältigem Zivil hat ihre Arbeit in Bonn vom ersten Tag an schweigend, ja geräuschlos begleitet. "Die ganze Erregung, die sich während der Filmvorführung angestaut hatte, richtete sich nun gegen diesen Stenographen, den man mehr oder weniger als Mitbeteiligten an diesem Verbrechen identifizierte."Eine solche Reaktion hatte Dr. Vinzenz Koppert, von 1927 bis 1945 Reichstagsstenograph, danach bis 1946 Stenograph beim Magistrat der Stadt Berlin, anschließend Stenograph der Verfassungsgebenden Landesversammlung in Bayern, seit Anfang 1947 Leiter des Stenographenbüros beim Bayerischen Landtag und Direktor des Bayerischen Landesamtes für Kurzschrift, seit 1. September 1948 zugleich Leiter des Stenographischen Dienstes des Parlamentarischen Rats, nicht verdient. Stenographen schreiben nicht Geschichte, sie protokollieren sie. Das gesprochene Wort ist ihnen Befehl, sie garantieren für die Richtigkeit, nicht des Gesagten, sondern seiner Wiedergabe. Nichts anderes hatte Vinzenz Koppert im Weimarer Reichstag, auf den Geheimtreffen bei Hermann Göring, im Volksgerichtshof, im Berliner Magistrat, bei den bayerischen Verfassungsberatungen, den Sitzungen des ersten nach dem Krieg frei gewählten Bayerischen Landtags und schließlich den Beratungen des Parlamentarischen Rates getan.Es war nicht Dr. Kopperts Verdienst, aber auch kein Verbrechen, dass er im Volksgerichtshof die Verkündung der Todesurteile gegen die Mitglieder des Widerstands nicht weniger sorgfältig stenographiert hatte als die Beratungen über die Abschaffung der Todesstrafe im Parlamentarischen Rat. Ihm war genausowenig vorzuwerfen wie Dr. Kurt Peschel, von 1926 bis 1945 im Stenographischen Büro des Reichstags, von 1942 bis 1945 Leiter des Stenographischen Dienstes im Führerhauptquartier und ebenfalls seit dem 1. September 1948 mit der Aufnahme der Grundgesetzberatungen nach der Methode Stolze-Schrey beschäftigt zu sein. Peschel hatte zwar bei seiner Einstellung vergessen zu erwähnen, dass Hitler ihn als letzten Beamten in der Reichskanzlei im April 1945 persönlich befördert hatte, und den Karriereschritt um ein Jahr vorverlegt, aber Vergesslichkeit war damals selbstverständlich. Soweit bekannt, hat sich auch Kopperts und Peschels Kollege Gerhard Herrgesell nichts zuschulden kommen lassen. Ehe er seinen Dienst im Parlamentarischen Rat begann, hatte Herrgesell ein dreiviertel Jahr im Führerhauptquartier gearbeitet, als Nachfolger Heinrich Bergers, eines der vier Opfer des Attentats vom 20. Juli. Wichtiger als die Gesinnung war für seine Berufung Herrgesells frühe Systementscheidung. Wie Heinrich Berger schwor Gerhard Herrgesell auf Stolze-Schrey.Vom Führerhauptquartier bei Rastenburg zum Parlamentarischen Rat in Bonn ist es ein kurzer Weg gewesen. Dr. Koppert und seine Kollegen haben ihn - wie fast alle Deutschen - schnell und geräuschlos zurückgelegt. Die Marschrichtung war angeordnet von den Siegermächten, das Ziel den Westdeutschen am Anfang verschwommen. Aber eines war sehr bald schon zu erkennen: Die Freiheit, die die Deutschen weggeworfen hatten, wurde ihnen jetzt befohlen.------------------------------Bei dem Text handelt es sich um einen Vorabdruck aus dem Buch: "Das Grundgesetz. Eine Biographie" von Christian Bommarius. Das Buch erscheint am 16. Januar im Rowohlt Verlag Berlin, 288 S., 19,90 Euro.------------------------------Foto : Annahme des Grundgesetzes 1949. Das Plenum des Parlamentarischen Rates nimmt in 3. Lesung am 8. Mai 1949 den revidierten Grundgesetzentwurf mit 53 gegen 12 Stimmen an. - Erste Reihe von links: Max Reimann, Walter Menzel, Carlo Schmid, Theodor Heuss.