Chemnitz - Auf der Zietenstraße in Chemnitz darf man sich nicht ablenken lassen. Etwa durch die großen bemalten Holzplatten, die vor die eingeschlagenen Scheiben der leer stehenden Erdgeschosswohnungen genagelt sind. Bunte Häuser unter einem Sonnenhimmel sind darauf zu sehen, Straßen mit Bäumen, Liebespaare, spielende Kinder. Auf einer Platte steht groß geschrieben: „Herrlich wohnen auf dem Sonnenberg“.

Schon ist es passiert: Wer die Zietenstraße im alten Chemnitzer Arbeiterviertel Sonnenberg abläuft und nur Augen für die Straßengalerie hat, der stolpert entweder über eine lose Gehwegplatte oder tritt in einen Hundehaufen. Die gut einen Kilometer lange baumlose Straße gehört zu den schmutzigsten der Stadt. Fast drei Viertel der Wohnungen in den verfallenen Altbauten stehen hier leer. Es ist eine trostlose Straße in einem trostlosen Viertel; in den angrenzenden Quartieren sieht es nicht anders aus. Nur in ein paar Häuser haben sich junge Leute oder freischaffende Künstler eingemietet, andere Gebäude stehen ganz oder teilweise leer. Dazwischen liegen vermüllte Brachen, wo einst Häuser standen. Herrlich wohnen auf dem Sonnenberg?
„Warten Sie es nur ab: Der Sonnenberg hat das Potenzial für ein Szeneviertel“, sagt Lars Fassmann. „Ich kann ihn mir sehr gut mit mehr Leben, Läden, Kneipen und Kultur vorstellen. Da kann man was draus machen. Und ich will was daraus machen.“

Rettung vor dem Abriss

Das ist eine klare Ansage. Und einem wie Fassmann (38) trauen viele Chemnitzer auch zu, das umzusetzen. Schließlich ist er einer der erfolgreichsten Jungunternehmer der Stadt, ein Mann mit Ideen und Tatkraft. In den vergangenen fünf Jahren hat er fast dreißig alte Mietshäuser in Chemnitz gekauft, bis auf wenige Ausnahmen sind es seit Jahren leer stehende, für den Abriss vorgesehene Gebäude auf dem Sonnenberg.

Sein Konzept klingt einfach und überzeugend. In den heruntergekommenen Häusern lässt er lediglich Elektrik, Heizung und Wasserleitungen instandsetzen und bietet die ansonsten unsanierten Wohnungen zur Miete an. Die Mieter können dann die Wohnungen ganz nach ihren Bedürfnissen umbauen und herrichten. Wegen der selbst erbrachten Bauleistungen ist der Mietpreis deutlich geringer als ortsüblich. „Das Konzept zielt auf junge Leute, Studenten etwa, aber auch Start-up-Gründer und Künstler, die sich in den Häusern WG-Wohnungen, Büros, Ateliers oder Proberäume herrichten“, erklärt er. „Und wenn die erst einmal da sind, dann kommen auch die Cafés, Kneipen, Clubs und kleinen Läden, die das Viertel lebendig machen.“

Fassmann ist ein groß gewachsener Mann mit Lockenkopf und scheuem Blick. Seine Stimme ist angenehm und leise. Er ist kein Plauderer, sondern jemand, der seine Ideen und Meinungen mit wenigen Sätzen auf den Punkt zu bringen vermag. Für einen Visionär, den viele in ihm sehen, wirkt er erstaunlich zurückhaltend und still.

Zum Gespräch bittet er in die Kohorn-Villa am Chemnitzer Stadtpark. Das denkmalgeschützte, prächtig hergerichtete Haus ist der Sitz seiner IT-Firma Chemmedia, einer umsatzstarken Aktiengesellschaft mit einer Niederlassung in der Schweiz und Kooperationsverträgen mit Universitäten in Griechenland und Kasachstan. 2001, gleich nach seinem Studium der Wirtschaftsinformatik an der Technischen Universität in Chemnitz, hat der in Garnsdorf vor den Toren der Stadt geborene Fassmann sie mit Kommilitonen gegründet. Heute ist er Vorstandschef des Unternehmens, das digitale E-Learning-Lösungen, Marketingverfahren und Geschäftsprozessanalysen entwickelt und verkauft. Die Kunden kommen aus dem In- und Ausland, namhafte Unternehmen sind darunter wie Metro und Daimler.

2004 kaufte Fassmann die Villa am Stadtpark von den Erben der jüdischen Vorbesitzer. Es ist ein wunderschönes Gebäude mit großzügig geschnittenen Räumen, riesigen Fenstern und Jugendstillampen. Ein Haus, das Stil und Geschichte bewahrt – auch die Geschichte des jüdischen Teppichfabrikanten Oscar von Kohorn, der die Villa 1917 erwarb und später von den Nazis enteignet wurde. Der Industrielle war ein Mäzen des Städtischen Theaters in Chemnitz und belebte durch seine Zuwendungen die Kultur und die Stadt. Fassmann nimmt mit seinem Projekt Sonnenberg, dem er sich seit 2010 verschrieben hat, ein wenig die Tradition des Namensgebers seiner Villa auf.

"Auf den Sonnenberg zieht kein Chemnitzer"

Das Arbeiterviertel, entstanden um 1850, gilt als Problembezirk in Chemnitz. „Auf den Sonnenberg zieht kein Chemnitzer. Im Gegenteil, wer es schafft, will hier weg“, sagt Elke Koch. Die resolute, aber auch ein wenig erschöpft wirkende Frau ist seit zehn Jahren Stadtteilmanagerin von Sonnenberg. Zu ihrem Aufgabenspektrum gehören Beratung, Information und der Imagewandel des Viertels. Letzterer ist noch nicht gelungen, auch wenn das Sonnenberger Neubaugebiet in den letzten Jahren saniert worden ist. Das Problem aber sind die Altbauten, die das Viertel prägen. „Im Durchschnitt sind mehr als ein Drittel der Wohnungen dort leer, in manchen Straßen wie der Zietenstraße verrotten seit Jahren Dutzende unbewohnte Häuser“, sagt Elke Koch. Mehr als 1 600 Wohnungen wurden auf dem Sonnenberg in den letzten Jahren abgerissen, mehr noch waren vorgemerkt. „Aber dann fiel vor ein paar Jahren die staatliche Abrissförderung weg, und die Häuser blieben stehen“, sagt Elke Koch. „So hat der Sonnenberg noch eine zweite Chance bekommen.“

Chemnitz ist nach Leipzig und Dresden noch immer die drittgrößte Stadt Sachsens, auch wenn es seit dem Ende der DDR ein Fünftel seiner Einwohner verloren hat. In den letzten Jahren allerdings verzeichnete der Ort wieder einen leichten Anstieg der Einwohnerzahlen, heute leben dort gut 242 000 Menschen. Dennoch sind die Folgen der Abwanderung überall in der Stadt sichtbar. In nahezu allen Stadtteilen sieht man leer stehende Häuser, an der Peripherie erinnern große Grünflächen daran, dass hier vor Jahren ganze Neubauquartiere abgerissen wurden. Die größte Sünde beging die Stadt aus Sicht von Architekten und Stadtplanern allerdings mit dem Plattmachen der Altbauviertel in der Innenstadt. Zwischen 1990 und 2007 wurden mehr als 250 alte Häuser abgerissen, darunter viele geschichtlich wertvolle Denkmale aus der Gründerzeit.
Eine der Folgen war, dass in den noch erhaltenen Altbaubestand kaum mehr investiert wurde. Die Banken gaben keine Sanierungskredite, die Immobilienpreise fielen, die Besitzer ließen die Häuser immer mehr verfallen. Mit seinem Konzept will Fassmann dieser Entwicklung nun entgegensteuern. „Meine Überlegung ist: Wie kann ich einen solchen Problembezirk, der sozial schwach und von gewaltigem Wohnungsleerstand geprägt ist, von dem eigentlich alle wegwollen, mit Kultur beleben und zu einer attraktiven Wohngegend machen?“, sagt er. „Das gelingt nur, wenn in die leeren Häuser wieder Menschen einziehen, Menschen mit Ideen und Gemeinsinn.“

Plan klingt gut

Der Plan klingt gut. Aber ist ein solches Konzept einer Stadtentwicklung von unten auch realistisch? Elke Koch, die Stadtteilmanagerin vom Sonnenberg, will sich die Hoffnung nicht ausreden lassen. „Herr Fassmann ist das Beste, was uns passieren konnte“, sagt sie. „Ein privater Eigentümer, der mit eigener Strategie und Kreativität die Stadt beleben will. Er ist ein Pionier.“

Vor allem hat Fassmann schon vorgelegt. 2010 kaufte er zuerst das Haus Augustusburger Straße 102, am Ende der Zietenstraße. Ein Solitär, denn die Gebäude links und rechts hatte die Stadt schon abgerissen. Auch dieser Backsteinbau sollte weichen, nachdem er 15 Jahre lang leer gestanden hatte. Bis Fassmann ihn kaufte. Er habe in der Nacht vorher ziemlich unruhig geschlafen, erzählt er: „Mir war klar, dass das ein Risiko ist, man hat ja nicht unbegrenzt Mittel, und für Objekte wie dieses Haus geben die Banken keinen Cent dazu.“

Künstler, Musiker, Architekten

In Zeitungsinseraten bot Fassmann teilsanierten Mietraum zum Nebenkostenpreis für Menschen mit Kreativität an. Nach wenigen Wochen war das vierstöckige Haus bis auf zwei Räume vollständig vermietet. Seitdem wohnen und arbeiten dort Künstler, Musiker, Architekten, Schauspieler, Fahrradrestauratoren und Vereine. Auch der örtliche Chaos Computer Club hat hier Räume. Es gibt Ateliers im Haus, Büros und Probenräume. Im Erdgeschoss hat vor drei Jahren ein Club aufgemacht, der dem Haus seinen längst stadtweit bekannten Namen gegeben hat – das Lokomov.

Clubchefin ist Josefine Rüprich, eine 23-jährige Studentin der Physik und Psychologie. Sie hat an diesem Abend Thekendienst. Eine junge Band soll später spielen, es wird voll werden. „Wir haben hier im Lokomov-Haus utopisch niedrige Mietpreise, das ist ein Paradies“, schwärmt sie. „Unser Club bezahlt sogar überhaupt keine Miete.“ Lars Fassmann habe nur vorgegeben, „dass wir uns finanziell selbst über Wasser halten.“ Das gelinge immer besser. An vier Tagen in der Woche hat der Club, der von einem achtköpfigen Verein betrieben wird, geöffnet. Regelmäßig wird auch zu Lesungen, Diskussionsrunden und Konzerten eingeladen. Fassmann sei bei jedem Vereinstreffen im Lokomov dabei, erzählt die Studentin.

Büros, Ateliers und Probenräume

Zwei Jahre nach dem Lokomov-Haus hat er das alte Sparkassengebäude auf der anderen Straßenseite gekauft. Auch das sollte eigentlich abgerissen werden. In das mächtige Eckhaus sind inzwischen viele Mieter eingezogen, auch wenn es auf einigen Etagen noch nach Baustelle aussieht. WGs gibt es dort, Büros, Ateliers und Probenräume, im Erdgeschoss lädt der Nikolai-Tesla-Club zu Konzerten und Tanz ein. In einer Etage hat Fassmann zudem einen „Coworking Space“ eingerichtet: einen großzügig angelegten Arbeitsbereich mit WLAN, Telefon, Drucker, Scanner, Küche und Garten ausgestattete Arbeitsbereich, der 30 Schreibtische samt Konferenzbereich bietet. Das Konzept, das jungen Firmen und Freiberuflern verschiedenster Branchen die Möglichkeit gemeinschaftlicher Arbeit und Vernetzung bietet, basiert auf einem Forschungsprojekt von Chemnitzer Soziologiestudenten.

Es gibt auch Rückschläge

Trotz dieser beiden Vorzeigeprojekte steht Fassmanns Idee einer Stadtgestaltung von unten auf dem Sonnenberg noch am Anfang. Denn es gibt auch Rückschläge. Einen hat auch die Clubchefin vom Lokomov erlebt. „Ich habe 2012 bei einem seiner Hausprojekte mitgemacht“, erzählt sie. „Wir waren 20 bis 30 Leute, alles Studenten. Lars hatte uns ein Haus zur Verfügung gestellt, das wir ausbauen können.“ Am Anfang seien alle begeistert und voller Elan gewesen; aber dann kam der Sommer – und einer nach dem anderen habe die Lust verloren.

Es war nicht der einzige Fall, bei dem ein Hausprojekt am mangelnden Eifer der jungen Leute scheiterte. Und so sind von seinen 30 Häusern in der Stadt erst zehn vermietet. Der Rest sei eine Art strategische Reserve, sagt Fassmann. Diese Häuser, meist nebeneinanderliegende Gebäude, sind abbruchreif; Wasser, Elektrik, Heizung müssen erst hergerichtet werden. Die Banken aber sträuben sich bei der Finanzierung, denn so recht sind sie vom Konzept des Jungunternehmers noch nicht überzeugt.

Der stille Mann am Laptop

Die Folge ist, dass die meisten Altbauten noch so aussehen wie vor ihrem Verkauf an Fassmann. Das führt auch zu Gerede in der Stadt, weiß der Journalist André Schenkel vom Stadtmagazin 371. „In Chemnitz kennt zwar nicht jeder jeden, aber doch jeder sehr viele, die ihrerseits andere kennen“, sagt er. „Da kommt dann auch schnell Missgunst auf, Gerüchte machen die Runde. Manche fragen dann nicht: Was haben wir alle davon? Sondern: Was hat der davon?“

Hinzu komme, dass Fassmann ja kein anonymer Investor sei. Regelmäßig ist er auf dem Sonnenberg zu sehen, er nimmt dort an Straßenfesten teil und als Zuschauer an Diskussionsrunden. Beinahe jeden Abend sitzt er im Lokomov, auch wenn er oft nur still in der Ecke hinter seinem Laptop hockt. „Der Mann ist ein Workaholic, aber eben kein unsichtbarer, der nur in seinem Büro sitzt“, sagt Schenkel. „Und weil er so zurückhaltend ist, mehr zuhört als selbst spricht, denken die Leute sich sonst was. Sie fragen sich: Was ist das für einer? Der hat eine große Firma, diverse Immobilien, aber er sitzt nur rum und arbeitet scheinbar nicht. “

Wiederbelebung der Stadt

Fassmann weiß von dem Gerede in der Stadt und dem Verdacht einiger, er sei nichts weiter als ein cleverer Spekulant. Aber er zuckt nur mit den Achseln. „Ich bin kein Gutmensch in dem Sinne, dass ich ganz selbstlos Initiative zeige. Davon kann ich nicht leben“, sagt er. Natürlich wolle er auch wirtschaftlich etwas erreichen, dies aber eben verbinden mit einer Wiederbelebung der Stadt und ihrer Kultur. „Wenn es mir nur um Rendite ginge, hätte ich andere Häuser in anderen Gegenden dieser Stadt gekauft.“

Josefine Rüprich aus dem Lokomov-Club hält die Zweifel an Fassmann für ungerecht. „Ich bin fest davon überzeugt, dass seine Idee die Stadt wirklich beleben kann“, sagt sie. „Das Lokomov-Haus ist doch das beste Beispiel dafür.“ Wenn sie Freunden aus Berlin oder Dresden von Lars Fassmann und seiner Idee erzähle, dann staunten die nur: „Krass, sagen sie, so was müsste es bei uns auch geben.“