Mit dem Fußball-Länderspiel Belgien - Deutschland begann am zurückliegenden Mittwoch abend im ehemaligen Heysel-Stadion das "zweite Leben" dieser Sportarena unter dem Namen "König-Baudouin-Stadion" - gut zehn Jahre nach der Fußball-Katastrophe beim Europacupfinale Juventus Turin - FC Liverpool, bei der es am 29. Mai 1985 leider 39 Tote zu beklagen gab.Mittwoch morgen. Eric Vandermeer, ein in Ehren schon leicht ergrauter Polizist, steht lässig vor "seinem" Wasserwerfer, einem grauen, gedrungenen Stahlungetüm. Die Wasserrohre sind drohend Richtung "Gare du Nord", auf die gläserne Eingangshalle des Nordbahnhofes gerichtet. Von dort sollen sie kommen, die eventuell gewalttätigen Fans aus Deutschland. Neben dem im Ernstfall wasserspeienden Koloß stehen noch fünf kleinere Einsatzfahrzeuge mit Blaulicht. Vandermeer, an dessem Hintern ein langer Schlagstock und Handschellen baumeln, war damals dabei. Damals, das war der 29. Mai 1985, ein Mittwoch. Tag des Europacupfinales der Landesmeister zwischen Juventus Turin und dem FC Liverpool. "Es war auch so heiß wie heute, und die Fans tranken den ganzen Tag unglaublich viel Bier und Wein", erinnert sich Vandermeer. Der tat 1985 seinen Dienst gemeinsam mit rund 1 000 Polizisten im Umfeld des Heysel-Stadions im Nordwesten der Stadt. "Vor allem die Engländer schütteten den Alkohol geradezu ins sich hinein, die meisten blieben aber vor dem Spiel friedlich, bis auf kleine Pöbeleien." Was später geschah, darüber spricht der erfahrene Polizist nicht gern und nur zögerlich. "Das Ausmaß der Gewalt hat uns alle überrascht und auch überfordert. Es war die Hölle. Unglaublich, zu welch Brutalität manche Fußballfans fähig sind." Tränen vorm Fernseher Mittwoch mittag. Bei Paul Jottier in der kleinen einfachen Bier-Kneipe "Stella Artois" in der Rue de Lafourche ist es total leer. Der 40jährige Wirt muß mit der üppigen Konkurrenz der nahen "Freßmeile" in der Brüsseler City klarkommen. Die Geschäfte laufen nicht besonders. Vor zehn Jahren stand er auch schon hinterm Tresen und erlebte die Tragödie von Heysel mit einigen Gästen am Fernseher. "Es war schlimm. Ich habe damals geweint und bin nie mehr zum Fußball in dieses Stadion gegangen. Nur noch zur Leichtathletik. Zum Memorial Ivo Van Damme." Vergessen kann der flinke Kneipier die schrecklichen Bilder von damals nicht. "Wir reden oft mit unseren Stammgästen darüber, gerade jetzt, wo das Stadion total modernisiert worden ist und wieder im Blickpunkt steht", sagt Monsieur Paul, der ein Anhänger von Standard Lüttich ist. Und er setzt hinzu: "Vielleicht gehe ich nun doch mal wieder zum Fußball dorthin."Mittwoch nachmittag. Bob Vaughan, freier Fußballjournalist aus London, staunt über die neue Heysel-Arena, die jetzt den Namen "König Baudouin" trägt. Man merkt deutlich, daß noch bis zum letzten Moment im Umfeld gearbeitet wurde. Der Platz vorm Haupteingang mit seiner schönen Backsteinfassade wird noch gewalzt. Wenig später wird hier Königin Fabiola vorfahren, ein Band durchschneiden und als erste auf einem der neuen, sehr bequemen Schalensitze Platz nehmen. Ausmaß nicht überschaut "Das ist ja alles total verändert worden, kaum wiederzuerkennen", meint Vaughan. Der Engländer, der auch für den "World Soccer" schreibt, saß am 29. Mai 1985 in der alten Arena. Er erinnert sich: "Ich habe etwa eine Stunde vor Spielbeginn noch nahe dem Stadion etwas gegessen. Als ich hineinwollte, kamen zwei Polizisten mit einem blutüberströmten Mann auf einer Trage heraus. Ich fragte, was denn los sei, und der eine Polizist sagte: "Aber Monsieur, hier ist Krieg!"Dem Journalisten aus London erging es dann wie vielen unter den 60 000 (je 15 000 Italiener und Engländer waren darunter) - das ganze Ausmaß der Tumulte war lange nicht zu überschauen. "Meine Landsleute haben angefangen, mit Steinen zu werfen, und als die Mauer in einer Kurve zusammenbrach, entstand das Chaos. Die vielen jungen Soldaten, die dann im Stadion aufmarschierten, waren meist hilflos und der Lage nicht gewachsen", urteilt Vaughan zehn Jahre nach dem Desaster.Erst Tage danach erfuhr die Öffentlichkeit das Ausmaß: Es gab 39 Tote, darunter 27 Italiener, vier Belgier, einen Franzosen und einen Engländer. Sechs Leichen konnten nicht identifiziert werden.Sportreporter Heinz Florian Oertel saß damals fürs DDR-Fernsehen auf dem Kommentatorenplatz. Er mußte die schreckliche Szenerie und das dann doch noch stattfindende Spiel beschreiben. "Es war das Allerschlimmste, was ich in meiner langen Laufbahn erlebt habe", sagt Oertel heute, "in der Halbzeit bin ich hinunter an den Spielfeldrand und hinters Stadion. Da lagen die Toten in einem provisorischen Lazarett. Es war ein Schock." Oertel brauchte lange, um den Tag von Brüssel zu verarbeiten. "Kannst du nach solch einem Ereignis und Erlebnis überhaupt noch den Sport mit lockerer Zunge kommentieren? Diese Frage stellte ich mir damals", so Oertel.Die Fußballwelt war geschockt, und die englischen Vereine samt Liverpool an der Spitze wurden für internationale Spiele gesperrt. Die "Reds" aus der tristen englischen Hafenstadt bis zur Saison 1991/92. Die Europäische Fußball-Union (UEFA) zahlte Schmerzensgeld an die Hinterbliebenen der Opfer.Die Belgier haben lange gebraucht, um in ihrem Nationalstadion zur Tagesordnung übergehen zu können. Fußball wurde nach 1985 in der Arena kaum noch gespielt. Die "Roten Teufel" der belgischen Nationalmannschaft wichen bei Heimspielen in den Stadtteil Anderlecht, ins kleinere Vandenstock-Stadion, aus.Das ist nun vorbei. Mit einem Aufwand von 846 Millionen Belgischen Francs ist eine hochmoderne Arena entstanden. 42 000 bequeme Sitzplätze bieten überall beste Sicht. Drei neue Tribünen In nur elfeinhalb Monaten wurden drei neue Tribünen gebaut, ein großzügiger Pressebereich und ein noch großzügigerer Saal für die VIPs. Zellen für Randalierer gibt's auch. Nach dem Deutschland-Spiel am Mittwoch abend erwarten die Belgier bald Europameister Dänemark im "König-Baudouin-Stadion". Dann geht es um Punkte in der Europameisterschafts-Qualifikation.Polizist Eric Vandermeer, der vom "Gare du Nord", hatte am zurückliegenden Mittwoch abend nur wenig zu tun. Wenn es gegen die Dänen geht, ist er aber auch mit seinem Wasserwerfer wieder vor Ort. Schließlich haben die Belgier gelernt. Den heißen Mai-Tag von vor zehn Jahren können viele nicht vergessen. Eric Vandermeer gehört dazu. +++